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Mit ihrer Erweiterung hat die EU keine Eile - bis auf eine Ausnahme

Von Martyna Czarnowska

Analysen

Erweiterungsskepsis hin oder her - die EU könnte sich schneller ausdehnen als gedacht. Schon bald könnte sie um ein Mitglied größer werden. Doch ein lauter Aufschrei der Ablehner ist dabei kaum zu erwarten. Der Kandidat nämlich ist zwar die größte Vulkaninsel der Welt, doch mit einer Einwohnerzahl von etwas mehr als 300.000 Menschen wäre er noch immer eines der kleinsten Länder der Union.


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Dennoch ist Island, mit dem Brüssel nun Beitrittsverhandlungen aufnimmt, trotz seiner Bankenprobleme für die EU interessant. Sieben mal größer als seine Landfläche ist seine Fischereizone - und die wollte das Land viele Jahre lang nicht mit der EU-Flotte teilen. Auch könnten die Beitrittsgespräche rasch vorangehen, hat die Insel doch als Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums schon einen Großteil des EU-Rechts übernommen.

Scheitern könnte die Aufnahme Islands in die Union an den Isländern selbst. Derzeit ist eine Mehrheit der Bevölkerung gegen eine EU-Mitgliedschaft.

Die anderen EU-Beitrittswerber jedenfalls können sich ob der Schnelligkeit des Aufnahmeprozesses vor Staunen nur die Augen reiben. Vor einem Jahr hat Island seinen Beitrittsantrag gestellt, zügig wurde der Start von Verhandlungen beschlossen, schon 2012 könnte die EU ihr 28. Mitglied aufnehmen. Vielleicht auch ihr 29., wenn es Kroatien bis dahin schafft, seine Gespräche abzuschließen.

Anders als Reykjavik verhandelt Zagreb aber schon seit Jahren mit Brüssel, und Ankara müht sich seit Jahrzehnten. Mazedonien, offiziell seit fünf Jahren EU-Kandidat, wartet noch immer auf den Beginn von Beitrittsgesprächen, und Serbien muss wohl noch mehr Geduld aufbringen.

Allerdings haben diese Kandidaten weit größere Hürden auf ihrem Weg in die EU zu überwinden als Island. Es geht etwa um notwendige Reformen in der Justiz oder die Bekämpfung der Korruption. Dass dabei die Hoffnung auf raschere Fortschritte nach einem EU-Beitritt nur begrenzt sein kann, zeigen die Beispiele Bulgarien und Rumänien: Mehr als drei Jahre hat es nach der Aufnahme gedauert, bis Sofia politischen Willen zu Reformen attestiert bekam. Bukarest wurden gar Rückschritte vorgehalten.

Eile, sich auf den Beitritt vorzubereiten, sollten also in erster Linie die Kandidaten selbst haben. Doch was für Zagreb, Belgrad oder Ankara gilt, sollte auch für Reykjavik zählen.

Siehe auch:Beitrittsgespräche mit Island gestartet