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Mit Impfungen Operationen ermöglichen

Von Martina Madner

Politik
2020 gab es um 15 Prozent weniger Operationen als im Jahr davor, um den Covid-19-Druck auf Intensivstationen auszugleichen. Eine höhere Impfquote hätte den gleichen entlastenden Effekt. ake1150 / stock.adobe.com
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Füllen sich die Intensivstationen mit Covid-19-Erkrankten, müssen andere auf ihre Operationen warten.


Rund 1.830 Sars-CoV-2-Neuinfektionen gibt es im Moment pro Tag, rund 880 Covid-19-Erkrankte benötigen eine Spitalsbehandlung, rund 220 auf einer Intensivstation. Die Marke von zehn Prozent, ab der der Druck auf die Intensivstationen steigt, wurde diese Woche überschritten. Das Prognosekonsortium geht von einem Anstieg auf 260 Personen mit Covid-19 auf Intensivstationen in den kommenden zwei Wochen aus: "Sollte sich der seit Beginn des Sommers ansteigende Trend der Infektionszahlen nicht bald umdrehen, steigt die Wahrscheinlichkeit des Erreichens der Auslastungsgrenze zunehmend an."

"Wir haben in den Spitälern die Kollateralschäden der mangelnden Impfquote, die der Grund für die stark ansteigenden Zahlen von Covid-Intensivpatienten ist", warnt Walter Hasibeder, Präsident der Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin. 90 Prozent jener mit Covid-19 auf Intensivstationen sind ungeimpft. Eine Überlastung und damit Verschiebungen von Operationen wären in der vierten Welle, anders als in jenen davor, vermeidbar - und damit Folgen für andere Patientinnen und Patienten, die ebenfalls Operationen und zum Teil intensivmedizinische Betreuung danach benötigen.

Erste Operationen werden wieder verschoben

In Wien sind aktuell 216 mit Covid-19 in normaler Pflege, 78 benötigen Intensivpflege. Damit sind 16 Prozent der im Moment verfügbaren Intensivbetten ausgelastet. In der Hauptstadt werden deshalb Operationen verschoben. "Ab einer gewissen Covid-Versorgungslast kommt es zwangsläufig dazu, dass wir in den Normalbetrieb eingreifen und medizinisch nicht akut notwendige Operationen einschränken müssen", heißt es vom Wiener Gesundheitsverbund, der die öffentlichen Spitäler der Stadt betreibt.

Bei den verschobenen Eingriffen handle es sich beispielsweise um Gallenblasen-, Leistenbruch- oder Ballenzehen-Eingriffen. Auf Basis eines Kooperationsvertrags des Gesundheitsverbunds mit den Wiener Privatkliniken biete man aber "überall, wo möglich, eine Alternative an".

In Oberösterreich benötigen aktuell von 169 hospitalisierten Covid-19-Erkrankten 41 intensivmedizinische Versorgung. Bei einer Intensivkapazität von insgesamt bis zu 333 Betten landesweit bedeutet das eine zwölfprozentige Auslastung wegen Covid-19. Aktuell befindet sich das Bundesland in Stufe zwei des fünfstufigen - mit 2a und 3a eigentlich siebenstufigen - Versorgungsplans. In dieser Stufe müssen die Spitäler landesweit 52 Intensivbetten für Patientinnen und Patienten mit Covid-19 zur Verfügung stellen, erklärt Tilman Königswieser, ärztlicher Leiter des Salzkammergut Klinikums und Mitglied des Krisenstabes des Landes.

Mit dem Verschieben planbarer Operationen, wie etwa Hüft-Operationen, beginne man in Oberösterreich grundsätzlich in der nächsten Stufe 2a, wo die Spitäler 75 Intensivbetten für Covid-19 zur Verfügung stellen müssen. Das bedeutet aber nicht, dass einzelne Eingriffe nicht schon jetzt verschoben werden: "Wir rechnen nach einer schweren Leberoperation mit drei Tagen auf der Intensivstation. Wir wissen damit, wann wir im Regelfall wieder ein Bett für so eine OP frei haben. Hätten wir da keine übrig, wissen wir, dass wir eine solche OP um einige Tage verschieben müssen." Das passiere von Fall zu Fall jetzt schon.

Druck auf Intensivstationen wirkt auf andere Abteilungen

Der zweite Grund, warum Operationen verschoben werden müssen, ist das enden wollende Personal. "Covid-19-Patienten auf der Intensivstation brauchen mehr Betreuung als andere. Insbesondere wenn sie mit einer Herz-Lungen-Maschine versorgt werden müssen, brauchen wir doppelt so viel Personal wie bei anderen Intensivpatienten", erklärt Königswieser. Dieses zusätzliche Personal komme meist aus der Anästhesie, sei speziell geschult, fehle dann aber bei Operationen: "Weshalb wir dann zu wenig Kapazitäten für die Hüftoperation haben, obwohl man nach so einer OP in der Regel keine Intensivkapazitäten freihalten muss."

Zwar müssen heuer weniger Menschen nach einer Sars-CoV-2-Infektion ins Spital. Aber: Während im vergangenen Jahr noch jeder zehnte Hospitalisierte auf die Intensivstation kam, ist es nun jeder dritte bis vierte. Der Altersdurchschnitt auf Covid-19-Intensivstationen sinkt, in der vergangenen Woche lag er in Oberösterreich bei durchschnittlich 53 Jahren, in der zweiten Welle im Herbst 2020 über 70 Jahren. Die Überlebenschance bei einer Intensivbehandlung ist damit größer. Damit steigt aber auch die Anzahl der Tage, die ein Intensivbett mit einem Covid-19-Erkrankten belegt bleibt und das Personal ist schon bei weniger Patientinnen und Patienten länger auf Covid-19-Intensivstationen gebunden.

Königswieser spricht von Pflegekräften, die sich versetzen ließen, weil der Druck zu groß wurde. Reinhard Waldhör, Vorsitzender der Gesundheitsgewerkschaft, die das Pflegepersonal in öffentlichen Spitälern außerhalb Wiens vertritt, berichtet von belastungsbedingt reduzierten Arbeitszeiten, auch Kündigungen: "Das merkt man spürbar. Alle verbleibenden Kolleginnen und Kollegen leiden darunter." Gerald Gingold, Kurienobmann der angestellten Ärzte und Vizepräsident der Wiener Ärztekammer, spricht von einem "Teufelskreis der Erschöpfung des Personals" durch laufend neue Wellen. Der Ausweg ist für alle drei eindeutig: "Eine höhere Impfbereitschaft und Schutzregeln wie FFP2-Masken wirklich einhalten. Après-Ski ist wirklich nicht unsere oberste Priorität", sagt Waldhör.

Folgen verschobener Operationen noch unklar

Im Vorjahr hatten laut unveröffentlichter Daten, die der "Wiener Zeitung" vorliegen, 1,3 Millionen Menschen 2,1 Millionen stationäre Krankenhausaufenthalte. Gezählt werden auch jene ohne Übernachtung, nicht aber Ambulanzbesuche. Das waren jedenfalls um 18 Prozent weniger als im Jahr 2019.

Im ersten Lockdown wurde der Spitalsbetrieb auf medizinisch Vordringliches zurückgefahren, in der zweiten Welle der Pandemie - trotz deutlich höherer Hospitalisierungsraten Covid-19-Erkrankter auch auf Intensivstationen - die Regelversorgung nicht so stark eingeschränkt. Eine Auswertung der Spitalsaufenthalte der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) zeigt, dass Menschen mit Schlaganfällen im Jahresdurchschnitt genauso häufig in Spitälern behandelt wurden wie in den Jahren vor der Pandemie.

Sonst häufige Hüft-, Knie- und Grauer-Star-Operationen gingen in Lockdownzeiten aber stark zurück. In den Phasen mit geringeren Infektionszahlen wurden die Operationen zwar laut Ministerium "bestmöglich zeitnahe nachgeholt". In Summe aber wurden 2020 um 15 Prozent weniger Operationen abgerechnet als 2019. Der international beschriebene Rückgang bei der Versorgung von Herzinfarkten im Spital war in Österreich ebenfalls zu beobachten.

Einen Rückgang gab es auch bei den Spitalsaufenthalten von Menschen mit Krebs. "Krebsbehandlungen sind in der Regel geplante Aufenthalte, aber mit einer gewissen Dringlichkeit", Therapie und Operationen müssten durchgeführt werden, "um ein Fortschreiten der Erkrankung zu vermeiden", heißt es in der GÖG-Erhebung. Zwar könnten manche auf Ambulanzen ausgewichen sein, die Spitalsaufenthalte lagen aber unter jenen der Vorjahre. Im November 2020 waren es etwa um rund ein Sechstel weniger als im Vergleichsmonat 2019.

Weder die GÖG noch Ärztinnen und Ärzte wollen und können die gesundheitlichen Auswirkungen für die nicht Behandelten prognostizieren. Auch ob der Anstieg der Sterbefälle durch Herzinfarkte um sechs Prozent auf 4.583 Tote im Vorjahr auf fehlende Behandlungen zurückzuführen ist oder statistische Schwankungen sind, könne man erst längerfristig und mit Studien, die auch andere Faktoren berücksichtigen, feststellen. Königswieser sagt allerdings: "Manche Krebserkrankung wurde vermutlich zu spät diagnostiziert, mancher Tumor ist jetzt schwieriger zu operieren, weil er größer ist." Die Ursache dafür dürften aber weniger verschobene Operationen sein, sondern weniger Vorsorgeuntersuchungen.