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Mit Lanzen und Pfeilen

Von Konstanze Walther

Wirtschaft

"Boston Tea Party" im Regenwald. | Indios protestieren gegen neues Enteignungsgesetz. | Lima. Den Indios reicht es wieder einmal. Seit einer Woche greift die indigene Bevölkerung im peruanischen Regenwald zu Aktionismus: Begonnen hat alles Montag vor einer Woche, als hunderte Demonstranten mit Pfeilen und Lanzen bewaffnet ein Wasserkraftwerk gestürmt haben, wie ein Mitarbeiter der Betreibergesellschaft Electro Norte sagte. Das Werksgelände sowie weitere Gasförderanlagen wurden bis auf weiteres von den Demonstranten besetzt: "Wir können mindestens ein Jahr hier ausharren", ließ die Gruppe "Kampf-Kommitee für den Respekt der Rechte der indigenen Völker" ausrichten.


Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, ist ein neues Gesetz, das die Rechte der Ureinwohner weiter beschneidet: Mit dem Dekret 1015 erlaubt Präsident Alan Garcia den Verkauf und die Privatisierung von Regenwald, ohne dass die Zustimmung der dort lebenden Indios notwendig wäre. Damit würde nicht nur das Lebensumfeld der Ureinwohner eingeengt, sondern auch die Umweltzerstörung des Amazonas-Gebietes weiter fortschreiten.

Für den Protest haben sich nun 65 Dorfgemeinschaften mit insgesamt mehr als 10.000 Einwohnern zusammengeschlossen und versuchen in konzertierten Aktionen, den peruanischen Staat zum Einlenken zu zwingen. "Unser Protest ist zu 100 Prozent pazifistisch, wir wenden keinerlei Gewalt an", erklärte der Präsident der Gruppe "Interethnischer Zusammenschluss" (Aidesep), Alberto Pizango, den lokalen Medien. Ihre Waffe sei der lange Atem: Man werde so lange den Protest durchhalten, bis das Gesetz gekippt werde.

Am Freitag wurden die ersten Gespräche mit Abgesandten der Regierung aufgenommen - Gespräche, die aber von den Indios sofort abgebrochen worden sind, als ihnen klar wurde, dass die Verhandler von der Regierung mit keinerlei Pouvoir ausgestattet worden sind. Daraufhin wurde der Protest verschärft: 4000 Demonstranten mit Kriegsbemalung nahmen in der nordöstlichen Stadt Imaza 20 Polizisten als Geiseln, 3000 weitere Ureinwohner besetzten eine Autobahnbrücke, die den wichtigsten Verkehrseingang in das Amazonas-Gebiet darstellt. Damit ist der Regenwald relativ abgeschnitten. Daneben wurden weitere Ölförderanlagen eingenommen. Die Förderung fossiler Energien aus dem unzugänglichen Dschungel gilt seit langem als einer der Hauptgründe für die Zerstörung des Amazonas-Gebiets.

Guerrilla-Technik in der Festung Regenwald

Im Regenwald liegen zumindest genügend neuralgische Versorgungspunkte, um die Regierung nervös zu machen. Vergangene Woche schnitten Ureinwohner die Fiberglaskabeln für die Steuerung der Erdgasleitungen durch - denn das Gaskraftwerk liegt im Urwald, in der peruanischen Provinz Ayacucho. Seitdem befürchten peruanische Medien, dass das Ziel der Demonstranten die Unterbindung der Gas-Versorgung der Hauptstadt Lima (mit knapp 8 Millionen Einwohnern eine der größten Metropole Lateinamerikas) sei. Insgesamt hängen 35 Prozent der landesweit generierten Elektrizität vom Gas des betroffenen Konzerns Camisea ab.

Zur Zeit kann nur durch ein Satellitensystem der Transport Peru-Gas (TGP) die Versorgung noch aufrecht erhalten werden - wie lange noch, ist unklar. Bis jetzt konnten die Ureinwohner das Eindringen von Reparaturtrupps verhindern.

Präsident Alan García berief am Sonntag (Ortszeit) eine Dringlichkeitssitzung des Kabinetts ein. Ein Ergebnis lag zu Redaktionsschluss noch nicht vor.