Zum Hauptinhalt springen

Mit moderaten Tönen gegen den Polarisierer Chávez

Von WZ-Korrespondent Wolfgang Kunath

Politik

Reicher Junggeselle Capriles gibt sich im Wahlkampf linkes Image.


Caracas. Baseball ist die nationale Leidenschaft in Venezuela. Der linkspopulistische Präsident Hugo Chávez ist als Anhänger von Navegantes de Magallanes bekannt, während sein Herausforderer bei der Wahl am Sonntag, Henrique Capriles, ein Fan der "Löwen von Caracas" ist. Anderswo würde man kein Wort darüber verlieren, dass die politischen Konkurrenten zufällig auch sportlichen Rivalen zuneigen, aber in Venezuela erscheint selbst das als ein weiterer Beweis für die Polarisierung, die das öffentliche Leben bis weit ins Private hinein prägt.

Capriles, ein 40-jähriger Wirtschaftsanwalt, spielt in seinem Wahlkampf auf diese Polarisierung an, indem er - so paradox das klingt - sie weder erwähnt noch schürt. Er nimmt den Namen Chávez nicht in den Mund, er betont unablässig, der Präsident aller Venezolaner und nicht nur seiner Anhänger werden zu wollen, und die Anwürfe der Gegenseite lässt er an sich anprallen - alles in der vermutlich richtigen Annahme, dass sich viele Venezolaner nach 13 Jahren unter dem konfrontativen Chávez nun ein Minimum an Harmonie herbeisehnen.

Capriles äußerte sich sogar noch moderat, als am Wochenende, an dem beide Kandidaten zum letzten Mal vor der Wahl am Wochenende große Auftritte zelebrierten, drei seiner Anhänger erschossen wurden.

Der steinreiche Junggeselle Capriles ist auch jetzt, am Ende des Wahlkampfes, immer noch der Typ des neuen, unverbrauchten und gemäßigten Kandidaten, der trotz seiner Jugend schon eine beachtliche Karriere hingelegt hat. Wichtigster Erfolg: Bei der Wahl zum Gouverneur des wichtigen Bundesstaates Miranda setzte er sich 2008 gegen Diosdado Cabello durch, den nach dem Präsidenten Chávez prominenteste Chavisten.

Chavez scheint plötzlich verbraucht und besiegbar

Mit Capriles scheint Chávez zum ersten Mal besiegbar. Denn mit dem Kainsmal der Teilnahme am Putsch gegen Chávez 2002 gezeichnet, innerlich zerstritten, mit den korrupten Alt-Parteien verbandelt, von radikalen Rechten geführt, hatte die Opposition nie eine Chance, gegen den beliebten, volksnahen, charismatischen Chávez und seine stets auf Hochtouren laufende Propaganda-Maschine anzukommen. Erst als die Chávez-Gegner, linke wie rechte, Capriles auf den Schild hoben, schien der vom Krebs gezeichnete Präsident plötzlich verbraucht, verschlissen und besiegbar.

"Ich werde ein Präsident sein, der viel weniger redet und nicht täglich in das Leben der Venezolaner eindringt" - jeder in Venezuela versteht diese Anspielung von Capriles auf Chávez, der ständig auf den Bildschirmen präsent ist, weil alle Sender verpflichtet sind, ihn zu zeigen, wenn das Präsidentenamt es anordnet. Der moderate Ton Capriles’ kommt vor allem bei Unentschlossenen gut an, bei Neutralen oder enttäuschten Chavisten, die zwar die beträchtlichen sozialen Errungenschaften gut finden, sich aber die Haare raufen über die Kriminalität, die Inflation, die Korruption und die Versorgungsschwierigkeiten im durch Öl finanzierten Sozialismus à la Chávez.

"Ich bin doch kein Imperialist, das sind die Debatten von vor 50 Jahren, da war ich noch nicht einmal geboren", versucht der Enkel polnischer Einwanderer den Vorwurf abzuwehren, er gehöre der herrschenden Klasse an.

Das tut er zwar sicherlich - seine Familie besitzt väterlicherseits ein Verlagsimperium und Immobilien, mütterlicherseits eine Kinokette. Dennoch nehmen ihm auch viele kleine Leute offenbar die Volksnähe ab, zumal er versichert, er stehe links der Mitte, und sein Vorbild sei der brasilianische Ex-Präsident Lula. Nichts also, was nach radikalem Bruch aussieht.

Sollte Capriles mit deutlichem Vorsprung die Wahl für sich entscheiden, werden ihm sowieso in vielem die Hände gebunden sein; er kann nicht radikal umsteuern. Wenn er knapp gewinnt, ist fraglich, ob die Chavisten das anerkennen. Und wenn er verliert, dann - das hat Chávez schon angekündigt - wird der sozialistische Kurs verschärft.