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Mit Nadel, Schere und Stift

Von Kurt Geisler

Reflexionen

Zuerst machte Mari Otberg eine Schneiderlehre beim berühmten Konfektionär Steilmann in Wattenscheid. Nicht weit davon wurde sie geboren: in Iserlohn. Doch der kleinen Mari war - und ist - eine Sache allein wohl zu wenig. Denn wie anders ist es zu erklären, dass sie zur gleichen Zeit einen Malkurs absolvierte und während ihres Studiums an der Kunsthochschule Bremen und dann an der Fachhochschule Hamburg zusätzlich das Fach "Illustrationen" belegte?


Parallel dazu lieferte sie schon Zeichnungen für die Mode-Journale "ELLE" und "Marie Claire", ehe es sie nach Abschluss des Studiums nach London zog. Dort hat sie ihre Firma 1998 gegründet und ein Label kreiert, das ihren Namen etwas künstlich zum Künstlernamen machte: JustMariOt.

Sie startete In England mit dem Aufbau ihrer Marke, doch alsbald, im Jahre 2002, kehrte sie nach Berlin zurück, der "most fashionable city" in Europa, wie sie sagt. Hier hatte sie bereits Mitte der 90er-Jahre multimediale Events veranstaltet und hier besitzt sie auch einen eigenen Shop in der berühmten Mitte, in der Gipsstraße. Ihr Geschäft könnte durchaus als Muster-Beispiel für eine Schaufenstergestaltung anderer Boutiquen herhalten: bunte Kleidungsstücke, lustige Illustrationen und attraktive Dekorationen in einem gekonnten Mix - Optimismus und reinste Lebensfreude.

Klassisch und doch anders. "Sachen zum Anziehen", definiert Mari Otberg ihre Entwürfe, die dennoch etwas Besonderes haben, klassische Schnitte mit dekorativen Beimischungen in Qualität und Attraktivität. Ihr illustrativer Stil zeigt nicht nur reichlich Drucke, sondern auffallend viele Stickereien. Bei JustMariOt darf natürlich auch Kinderkleidung nicht fehlen. Bislang sind es bestickte und bedruckte T-Shirts und Strampelanzüge für die Allerkleinsten bis zu sechs Monaten. Das Thema will Mari Otberg ausbauen. Ihr fantasiereiches Talent zeigt sich auch verbal an ihren Kollektionsnamen: So heißen diese zum Beispiel "Lucky Looks", "La Chambre Bleue", "Double Trouble", "Sancoussi" oder "Late Lunches".

Bei zuletzt genannter Kollektion hatte sie sich mit Berlins ungekrönter Hut-Königin Fiona Bennett zusammengetan, bekannt für ihre einfallsreichen Kreationen auf den Häuptern der Damen. "Late Lunches" zeigte einen verspielten, sehr bunten Look, mit Kontrasten und frechen Details. So entwarf Mari Otberg witzige Streifenanzüge mit Stickereien, die durchaus elegant wirken. Dabei sind originelle Motive wie goldbestickte Uhren, Notizzettel, Champagnerflaschen, Gläser oder Besteck zu erwähnen. Eine Mode wie ein genüsslich inszenierter Lunch, mit dem man Muße, Zeit und Überfluss verbindet - eben reinsten Luxus.

Mari Otbergs Schneiderkostüme sind eng geschnitten und weisen paspelierte Teilungsnähte, Teller-Röcke und Bleistiftröcke auf. Zudem spielt sie mit Fransen und Rüschen und verwendet Stoffe aus feinster Baumwolle, Leinen, fließender Seide, flockenbedrucktem Tüll und edlem Bouclé. Ihr listig-lustiger Look entsteht durch einen bunten Mix an Farben: Rot, Orange, Blau, Grün, Weiß sowie Schwarz und aufwendigen Details wie Applikationen und Stickereien. Ein lebensfroher, unverwechselbarer Stil. Gelegentlich mischt sie ihre zeichnerischen Darstellungen auf Vernissagen mit einer Modenschau und Outfits aus eigener Werkstatt.

Weltweit geschätzt. Geschätzt werden ihre auffallenden Einfälle auch von Freaks, wie der Schauspielerin Jessica Schwarz. Ihre Mode wird bereits weltweit vertrieben. So kann man JustMariOt in Kuwait, Taiwan, England, Frankreich, der Schweiz und selbstverständlich auch in renommierten Shops in Deutschland erwerben. In Österreich führt Dantendorfer in Salzburg ihr Label. Ihre Kollektion für den Winter 2006/07 nannte Otberg "I want to be . . . Sanssouci" und beschreibt: "Deutschland im Winter. Schnee über Potsdam. Eine süße, schwere Melancholie betäubt die Sinne . . . " - eine wahre Künstlerin mit Nadel, Schere und Stift.