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Mit Russland ist wieder zu rechnen

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Russland erhebt den Anspruch, eine Supermacht zu sein. Das Land, das nach dem Fall der UdSSR beinahe | kollabiert ist, hat unter Präsident | Putin neues Selbstvertrauen getankt.


Mit seiner Kritik an der US-Außenpolitik machte Wladimir Putin letzte Woche Schlagzeilen. Hätte das ein Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten gesagt, würde es als ganz normale Wahlrede durchgehen, aber da es vom russischen Präsidenten kam, lösten die Worte prompt Spekulationen über einen neuen Kalten Krieg aus.

Ich habe Putin während seiner Rede in München vom Publikum aus beobachtet, und sein Ton schien mir mehr Groll als Kriegslust zu enthalten: Er war stolz, bissig und herausfordernd - der Ton eines Führers, der sich ständig angegriffen fühlt.

Putins innere Stimme schien zu sagen: Wir haben euch die Berliner Mauer niederreißen lassen und wir haben die Sowjetunion aufgelöst, alles aufgrund der Abmachung, dass ihr keine Vorteile aus unserer Schwäche zieht. Und was haben wir dafür bekommen? Ihr habt uns mit Nato-Waffen umzingelt. Putins Worte mögen in westlichen Ohren unangemessen klingen, aber sie drücken genau die Bitterkeit aus, die in Russland umgeht.

Putin, ehemaliger Geheimdienstagent und noch mit dem Anspruch Russlands, eine Supermacht zu sein, aufgewachsen, trägt den schwarzen Judo-Gürtel: Nach außen demonstrativ kampfbereit zeigt er sich immer, wenn es um die Interessen seines Landes geht. Die Russen mögen das an ihm. In jüngsten Umfragen liegt seine Popularität weit über 70 Prozent.

Mit einem der engsten Berater Putins habe ich über all das am Dienstag in Moskau gesprochen, und zwar im Gebäude des Hauptquartiers der ehemaligen Kommunistischen Partei. "Wir wollen mit euch zusammenarbeiten", erklärte er mir, "aber bitte öffnet die Augen: Niemals können wir akzeptieren, dass die USA die einzige Weltmacht sind."

Eine Botschaft ist für mich daraus und aus Putins unverblümten Kommentaren unmissverständlich klar geworden: Mit Russland muss man wieder rechnen. Das Land, das nach dem Fall der Sowjetunion fast zusammengebrochen ist, hat wieder genug Selbstvertrauen und Stabilität, um einen verbalen Angriff auf seinen alten Rivalen zu unternehmen. "Wir tauchen aus dem Nichts auf", formulierte es der Putin-Berater.

Um das Phänomen zu erklären, hat Vladislav Surkov, der Chefideologe des Kreml, Putin vor kurzem mit Franklin Delano Roosevelt verglichen, einem Präsidenten, der die USA aus wirtschaftlichen Schwierigkeiten geführt und ihren Stolz aufgerichtet hat. Wie FDR nütze Putin die Macht des Präsidentenamtes bis zum Äußersten, um die Krise zu überwinden, sagte Surkov.

Zum ersten Mal seit 1990 war ich wieder in Moskau und war erstaunt, wie anders alles ist -- und doch gleich. Völlig unverändert ist jedenfalls Russlands neurotische Beziehung zum Westen. Nicht geliebt und nicht geschätzt fühle man sich, wie mir russische Freunde erzählten, als politischer Fußabtreter, auf dem der Westen glaubt, nach Belieben herumtrampeln zu können. Das ist genau die Frustration, die auch in Putins Rede in München aufgetaucht ist.

Dabei erleben die Russen gerade eine Art goldenes Zeitalter. Die Durchschnittseinkommen sind im letzten Jahr um zehn Prozent gestiegen, die Wirtschaft ist um 6,7 Prozent gewachsen, die Inflation war das erste Mal seit langer Zeit einstellig und Russlands Währungsreserven sind auf 303 Milliarden Dollar angewachsen und nun weltweit die drittgrößten.

Die USA hingegen, weit davon entfernt, die Supermacht zu sein, die Putin beschreibt, sind vom Irakkrieg geschwächt und suchen verzweifelt nach Verbündeten. Wenn Putin aufhört zu jammern, dass niemand sein Land ausreichend liebt und ehrt, könnte hier für Russland eine große Chance liegen.

Übersetzung: Hilde Weiss