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Mit Scheuklappen am Mörder vorbei

Von Eva Stanzl

Wissen
Das Auge mag das meiste sehen, das Gehirn jedoch nimmt nicht alles wahr. Foto: fotolia

Menschen sind "blind" für das Offensichtliche, wenn sie sich auf etwas anderes konzentrieren.


Wien. "Hast Du das denn nicht gesehen!", schilt die Mutter ihr in ein Computerspiel vertieftes Kind. Der Bub schreckt auf. Er schaut zuerst die Mutter an, dann die Teekanne. Die liegt zersprungen auf dem Boden, ihr Inhalt überall. "Pfoaaah . . .", entfährt es dem Buben: "Wie ist denn die da hingekommen?", während Super Mario auf dem Bildschirm ins Wasser purzelt.

Wenn man sich sehr intensiv auf etwas konzentriert, übersieht man sogar die auffälligsten Ereignisse. Das Konzept der "Unaufmerksamkeitsblindheit" besagt, dass die Wahrnehmungskapazität sinkt, je mehr Aufmerksamkeit eine andere Aufgabe erfordert. Diese Erfahrung, die die meisten Menschen machen, haben US-Wissenschafter nun erstmals anhand eines aus dem Leben gegriffenen Experiments nachgewiesen.

Die Psychologen um Christopher Chabris vom Union College in New York prüften den Fall des Bostoner Polizisten Ken Conley. Conley hatte angeblich 1995 bei der Verfolgung eines Verdächtigen nicht bemerkt, dass seine Kollegen an seinem Weg einen mutmaßlichen Verbrecher misshandelten. Wegen Meineids und Behinderung des Gerichts wurde er zu 34 Monaten Haft verurteilt.

Chabris und seine Kollegen stellten die Situation nach, um zu klären, ob man wirklich an einer so offensichtlichen Szenerie vorbeirennen kann, ohne sie zu registrieren. Testpersonen mussten einem Forscher drei Minuten lang hinterherjagen und dabei zählen, wie oft der Davonlaufende sich am Kopf berührte. Auf ihrer Bahn kamen die Probanden an einem Schaukampf vorbei, in dem zwei Männer einen dritten prügelten und dabei laut schrieen - einmal bei Tag und einmal bei Nacht. Bei Nacht bemerkten nur ein Drittel der Personen den Kampf, bei Tag 40 Prozent. Mussten die Probanden zählen, wie oft sich der Forscher mit der rechten oder mit der linken Hand berührte, war die Wahrscheinlichkeit, dass sie den Kampf sahen, noch geringer.

Je mehr unsere Wahrnehmung zu tun hat, umso weniger kann sie Neues aufnehmen. So trifft ein neuer visueller Eindruck zwar auf die Netzhaut und wird über Sehnerv und Sehbahn weitergeleitet, aber der zuständige Okzipitallappen befördert den Reiz nicht an die Verarbeitungszentren im Gehirn.

"Wir sind ständig immensen Mengen von Information ausgesetzt. Ähnlich wie ein Computer seine Tätigkeit unterbricht, wenn der Arbeitsspeicher voll ist, würde der Mensch es nicht schaffen, normal zu leben, wenn er nicht filtern würde", erklärt Roland Beisteiner von der Universitätsklinik für Neurologie am AKH Wien. "Wahrnehmung hängt vom Zustand ab, in dem wir sind - entspannt oder gestresst oder ob unter physischer Kraftanstrengung - und was für uns gerade relevant ist". Wäre die Wissenschaft 1995 in diesem Punkt so konkret gewesen, wäre Conley wohl freigesprochen worden. "Immerhin jagte er eine des Mordes verdächtige, bewaffnete Person mitten in der Nacht", betont Chabris in der in "I-Perception" veröffentlichten Studie.