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Mit Sicherheit nicht nach Europa

Von Wolfgang Liu Kuhn

Wirtschaft

Chinesische Touristen galten lange Zeit als Hoffnungsträger der europäischen Tourismusindustrie. Doch nach den Terrorattentaten bleiben sie aus.


Peking. Schon wieder also. "Ich habe es ja immer gesagt: Europa ist nicht sicher! Das ganze Land versinkt im Chaos", sorgte sich ein junger Mann namens Xiao Lin nach dem Amoklauf von München vor einigen Wochen. Andere chinesische Internetnutzer kommentierten das Posting zustimmend, da spielte es auch keine Rolle, dass es sich bei Europa um einen Kontinent handelt.

Die Gewalttaten der letzten Monate wurden in Chinas sozialen Netzwerken intensiv diskutiert, die Reaktionen schwankten zwischen Unglauben, Entsetzen und teilweise offen geäußerter Angst: "Ich wollte eigentlich zum Oktoberfest nach München fahren, doch unter diesen Umständen werde ich die Reise absagen", schrieb eine Dame auf dem Twitter-ähnlichen Kurznachrichtendienst Weibo, während ein anderer über die Messenger-Plattform WeChat verlauten ließ: "Seitdem die Flüchtlingswelle nach Europa geschwappt ist, habe ich das Gefühl, dass der Terror nicht aufhören wird."

Einst ein Traumziel,heute herrscht Unsicherheit

Diese Kommentare sind keine Einzelfälle. Gerade die letzten Vorfälle befeuerten in China eine Debatte, ob es denn zu verantworten sei, überhaupt den Flieger Richtung Europa zu nehmen. Nizza ist nun nicht länger ein Luxus-Reiseziel, an dem man die frisch erworbene Louis Vuitton Handtasche am Strand spazieren führen kann. Erstmals hörten viele Chinesen von einer Stadt namens Würzburg, in der ein afghanischer Flüchtling vier Touristen aus Hongkong teils schwer verletzte.

Von einem "Schock" schrieb die populäre Zeitung "Global Times" und ließ ihre Leser wissen, dass Deutschland mit einer neuen Welle an Terrorattacken rechnen müsse, die nicht zu verhindern seien: "Kann Europa den Kampf gegen den Terrorismus gewinnen?", fragte das Staatsblatt und lieferte die Antwort zwischen den Zeilen - nein, natürlich nicht. Im Gegenteil, vor lauter Terror-Abwehrkampf käme der Kontinent nicht mehr dazu, sich dem "geopolitischen Wettbewerb" zu stellen - ein kleiner Seitenhieb auf die europäische Kritik gegenüber China wegen dessen Expansion im Südchinesischen Meer.

Dabei galt Europa unter chinesischen Touristen lange Zeit als Traumziel mit intakter Umwelt, schönen Burgen und noch schöneren Shoppingcentern. Bei Luxusboutiquen, Schmuckmanufakturen, Uhrenherstellern - und Taschendieben - erfreuten sich die "wandelnden Brieftaschen" (Copyright "Global Times") daher allergrößter Beliebtheit.

Das scheint sich nun zu ändern: "Diese unerwarteten Ereignisse vergrößern die Unsicherheit, die als Krebs für die Tourismusindustrie angesehen wird", sagte Xu Xiaolei, der Marketingdirektor des großen Reiseveranstalters China CYTS Tours. Er fügte hinzu, dass die Zahl von Reisenden nach Frankreich und Belgien im Vorjahresvergleich um rund 30 Prozent abgenommen habe.

Für Österreichs Tourismus kommt Entwicklung zur Unzeit

Auch andere Branchen sind betroffen: So teilte die deutsche Lufthansa überraschend mit, dass nach den Terrorattacken und der gestiegenen politischen und wirtschaftlichen Unsicherheit die Vorausbuchungen vor allem auf Langstreckenverbindungen nach Europa deutlich nachgelassen hätten: "Eine vollständige Aufholentwicklung hält der Vorstand aus heutiger Sicht für nicht mehr wahrscheinlich."

Für den Österreich Tourismus kommt die Entwicklung ebenfalls zur Unzeit, denn nach dem Wegfall von Russland gilt China als einer der wenigen Wachstumsmärkte. Im Jahr 2016 sollten die Übernachtungen von chinesischen Gästen erstmals eine Million übersteigen, was 1,5 Prozent der gesamten Nächtigungen entspricht. Über ein Sonderbudget wurden dafür spezielle Werbeaktionen gestartet. So rollte im Frühjahr beispielsweise eine U-Bahn durch Peking, an der die gesamte Innenseite mit österreichischen Motiven zwischen Berg- und Seewelten beklebt wurde. Doch können die gesteckten Ziele angesichts der veränderten Lage nun noch erreicht werden?

"Im asiatischen Markt reagieren Reisende ähnlich wie US-Amerikaner sehr sensibel auf die Terrorbedrohung", erklärt Ulrike Rauch-Keschmann, Sprecherin der Österreich-Werbung. Und: "Wir spüren eine Verunsicherung, können diese aber derzeit noch nicht quantitativ festmachen."