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Mit Steinen gegen Indiens Gewalt

Von Georg Friesenbichler

Politik
Junger Furor gegen indische Sicherheitskräfte in Kaschmir - mit Steinen gegen Gewehre. Foto: ap

Aufstand einer neuen Generation. | Mittlerweile mehr als 50 Todesopfer. | Srinagar/Wien. Es sind Szenen, wie man sie aus den Palästinensergebieten kennt: Jugendliche schleudern Steine gegen übermächtige Soldaten. Aber wir befinden uns in Kaschmir, in jenem Teil, der seit dem Ende des ersten indisch-pakistanischen Kriegs 1948 zu Indien gehört. Und hier wie dort geht es um den Kampf gegen eine Besatzungsmacht.


In die europäischen Medien ist Kaschmir zuletzt vor allem geraten, weil die pakistanische Flut auch auf die Region Ladakh im indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir übergriff und hunderte Urlauber gerettet werden mussten. Aber noch mehr als die Flut macht der Provinz seit zwei Monaten ein Konflikt zu schaffen, der mehr und mehr in einer Gewaltspirale mündet.

Am 11. Juni war ein 17-Jähriger durch eine Tränengasgranate der Polizei getötet worden. Seitdem gibt es Proteste im Land. Alsbald wurden Steine auf die paramilitärischen indischen Truppen geworfen. Diese schossen mit scharfer Munition zurück - nur zur Selbstverteidigung, wie die Sicherheitskräfte versichern. Durch die Steinwürfe sollen zwar 1200 Soldaten verwundet worden sein, Tote gab es aber keine. Die Zahl der getöteten Demonstranten erhöhte sich hingegen am ersten Freitag des Ramadan auf mindestens 55, als in eine Gruppe von zehntausend Menschen geschossen wurde, die gegen die Ausgangssperre und gegen Indien protestierten.

Gerade diese Brutalität ist es, die der Revolte ständig neue Anhänger zuführt. Zwar kämpfen muslimische Separatisten schon seit Jahrzehnten für die Unabhängigkeit oder den Anschluss an Pakistan und liefern indischen Soldaten immer wieder Schusswechsel. Selten zuvor wurde aber die Forderung nach dem Abzug der Inder so laut erhoben wie bisher - und das von einer jungen, den vergangenen Disputen fernen Generation.

Appelle auf Facebook

Indien versucht diese Jugendlichen gerne als ungebildete Handlanger radikal-islamistischer Kräfte aus Pakistan darzustellen. Aber viele der angeblich ungebildeten Steinwerfer sind längst im digitalen Zeitalter angekommen. Sie halten mit ihren Handys den Hergang der Proteste fest und stellen ihre Filme ins Internet. Und sie nutzen Facebook und Twitter, um im World Wide Web Unterstützung für ihren Kampf zu suchen.

Indiens Ministerpräsident Manmohan Singh, der in seiner ersten Stellungnahme seit Ausbruch der Unruhen in dieser Woche zum Dialog und einer politischen Lösung aufrief, glaubt das Problem erkannt zu haben: Die Entfremdung gegenüber Indien könne durch Geldmittel für Entwicklung, Jobs und Bildung gemildert werden. Dem widerspricht der Kaschmiri Amithab Matto, ein in Neu Delhi lehrender Universitätsprofessor: Es gehe nicht um Geld oder um faire Wahlen, sagte er gegenüber der "New York Times", es gehe darum, eine Generation zu erreichen, die "Indien für ein gewaltiges Monster hält, das durch Bunker und Sicherheitskräfte repräsentiert wird". "Diese Generation ist völlig desillusioniert von Indiens Zugang zu Kaschmir", ergänzt Mirwaiz Umar Farooq, ein populärer moderater Separatistenführer, der im Hausarrest sitzt.

Enttäuschte Generation

Tatsächlich liegen Jahre der Enttäuschung hinter den Kaschmiris. 2007 war man einer Lösung des Problems zwischen Indien und Pakistan schon sehr nahe, der Sturz des pakistanischen Militärmachthabers Pervez Musharraf kam dazwischen. Und im November 2008 kühlte sich das Verhältnis zwischen den beiden Staaten nach den Terroranschlägen von Mumbai bis auf den Nullpunkt ab. Der Tat verdächtigt wurde die Terrororganisation Lashkar e-Taiba mit Sitz in Kaschmir, die angeblich vom pakistanischen Geheimdienst unterstützt wird.

Noch einmal keimte Hoffnung auf, als Anfang 2009 mit Omar Abdullah ein angesehener Spross aus Kaschmirs führender Politikerdynastie sein Amt als neuer Ministerpräsident der Provinz antrat. Aber seine Wahlversprechen blieben unerfüllt. Nach wie vor verbieten Gesetze die Strafverfolgung von Sicherheitskräften, und von einer Entmilitarisierung kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Wegen der Unruhen wurden nun weitere 2000 Soldaten in die Krisenregion geschickt.