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Mit Stroh und Strom gegen Gazprom

Von Veronika Eschbacher

Politik

Ukrainische Experten glauben, ohne russisches Gas auszukommen.


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Kiew/Moskau/Wien. Wer heute in Kiew einen mit Strom betreibbaren Boiler erstehen will, muss viel Geduld, aber auch genügend Bares eingesteckt haben. Seit Mitte Juni Russland die Gaslieferungen an die Ukraine eingestellt hat, da Kiew seine milliardenhohen Schulden beim russischen Energieriesen Gazprom nicht begleichen will, gibt es einen wahren Run auf Boiler. Für diese werden lange Wartelisten geführt, sie sind viel teurer als zuvor. Die Ukrainer decken sich aber auch mit elektrischen Heizgeräten und elektrischen Kochplatten ein. "Kein Mensch weiß, wie lange das Gas reicht", sagt Anja, eine Kiewer Angestellte. So würde man eben vorsorgen.

Abgesehen von der Einstellung des Warmwassers in den zwei größten Bezirken Kiews bis Oktober spüren ukrainische Bürger vom Gaslieferstopp - es ist heißer Sommer - aber momentan kaum etwas. Aktuell wird Gas aus der Eigenförderung und den Speichern verwendet. Neuerdings wird Gas auch über Reverse-Flow-Lieferungen aus Europa - über Polen und Ungarn - importiert.

Dass der nächste Winter aber kommt, daran besteht kein Zweifel, und daher sitzen Energie-Analysten in der Ukraine eifrig an ihren Taschenrechnern und grübeln darüber, ob das Land auch den Winter ohne russisches Gas überleben wird. Immerhin wurde im Vorjahr fast die Hälfte des Gasbedarfs durch Russland gedeckt. Die Schwierigkeit beginnt aber bereits damit, dass kaum jemand sagen kann, wie hoch der Gasbedarf der Ukraine heute wirklich ist. Laut Wladimir Omeltschenko, Energie-Experte des Kiewer Think Tanks "Razumkow Center", braucht das Land heuer 40 Milliarden Kubikmeter Gas. Wobei, relativiert er, wenn man spare, könnten es auch nur 35 Milliarden sein. 20 Milliarden würden aus ukrainischer Eigenförderung kommen. Somit würden 15 Milliarden über Reverse-Flow aus Europa genügen.

Für Omeltschenko ist klar, dass die Ukraine - vorausgesetzt die Importe aus Europa, und hier insbesondere über die Slowakei, funktionieren und dass die Ressource effizient eingesetzt wird - ohne russisches Gas auskommen kann. "Und das nicht nur in diesem Winter, sondern auch in Zukunft." Die Abhängigkeit von Russland sei seiner Ansicht nach nicht real, sondern vielmehr in den Köpfen der Menschen. Jahrelang habe eine starke russische Lobby den Menschen eingetrichtert, dass die Ukraine ohne russisches Gas umkomme.

Dmitrij Wasiljew, Vize-Direktor des Kiewer EIR-Center, einem Thinktank für Energiefragen, setzt den Gasbedarf, ausgehend von den Vorjahren, bei 50 Milliarden Kubikmetern pro Jahr an. Ohne den zu erwartenden, aber nicht klaren Rückgang des Gasverbrauchs durch die Krise würden 30 Milliarden Kubikmeter fehlen, die man nicht so einfach nur mit Reverse-Flow-Importen aus Europa abdecken könne. "Aus der heutigen Situation betrachtet ist es in der Tat schwierig, ohne russisches Gas auszukommen", sagt der Energieanalyst. Prinzipiell wäre dies aber sehr wohl möglich. Die ukrainischen Gasförderer etwa hätten angekündigt, die Eigenproduktion steigern zu wollen. Auch ein vermehrter Rückgriff auf erneuerbare Energien hätte großes Einsparungspotenzial. Alleine etwa durch in der Ukraine vorhandene 50 Millionen Tonnen Stroh könnte man mindestens 10 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr ersetzen.

Laut Wasiljew würden von den 50 Milliarden Kubikmetern Gasbedarf in der Ukraine grob 30 Milliarden auf die Industrie entfallen und 20 Milliarden auf öffentliche Versorgungsbetriebe. Aber auch hier liege vieles im Unklaren. "Marktinsider sagen, dass die 20 Milliarden Kubikmeter für öffentliche Versorgungsbetriebe eine wohl völlig überhöhte Ziffer ist." Das liegt daran, dass der Gassektor in der Ukraine zutiefst von Korruption durchzogen ist. Da es im Land keine "Ablesekultur" gibt, ist das gängigste Schema, dass ein bestimmtes Volumen angeschrieben wird - der Kunde aber in Wirklichkeit weniger verbraucht. Wie viel dadurch das Land auf dem Papier an Gas mehr verbraucht als in Wirklichkeit, vermag niemand zu sagen. Zumindest, so wird beteuert, arbeite Kiew nun intensiv an der Installierung von Zählern.

Wasiljew kann der jetzigen Situation mit dem Gaslieferstopp jedoch einiges abgewinnen. Immerhin seien nun die notwendigen Umbau-Schritte möglich, um ohne russisches Gas auszukommen - sich gleichzeitig aber auch die Systemfehler innerhalb der Ukraine vorzunehmen. "Eigentlich müssten wir uns beim russischen Präsidenten Wladimir Putin bedanken", sagt er.

Nur langsame Fortschritte bei Reformen im Gassektor

Kiew geht den Umbau seines Gassektors - trotz offensichtlicher Dringlichkeit - aber nur sehr gemächlich an. Seit der Absetzung des Präsidenten Wiktor Janukowitsch wurden in den betroffenen staatlichen Strukturen, etwa dem Energieministerium, zwar viele Beamte ausgetauscht. Es kehrten aber viele jener Spezialisten zurück, die vor Janukowitsch dort tätig waren. Heute sitzt im Ministerium und im ukrainischen Gasmonopolisten Naftogaz praktisch wieder das gleiche Team, das unter Premierministerin Julia Timoschenko am Ruder war - und das freilich auch keine großartigen Resultate aus seinem früheren Schaffen vorweisen kann. "Der politische Wille, das System von Grund auf zu reformieren, ist aber prinzipiell vorhanden", sagt Omeltschenko. Reformvorschläge zirkulieren aktuell durch alle politischen Hinterzimmer. Gleichzeitig seien aber die Barrieren durch jahrelange Korruption in dem Sektor extrem hoch, viele Korruptionäre aus dem alten Regime - seien es Geschäftsleute, Politiker oder staatliche Funktionäre - hätten nach wie vor einen großen Einfluss. "Energische Schritte sind momentan nicht auszumachen, das Reformtempo ist sehr niedrig", so der Experte.

Korruption und Misswirtschaft betreffen praktisch den ganzen Sektor, seien es Energie-Subunternehmen oder öffentliche Versorgungsunternehmen. Aber auch Naftogaz, das mit 172.000 Mitarbeitern größte Unternehmen der Ukraine. "Seit gut fünf Jahren ist Naftogaz das unrentabelste Unternehmen des Landes - und das, obwohl es Monopolist bei der Gasförderung, dem Gastransport und dem Verkauf von Gas ist", sagt Omeltschenko. "Dadurch zieht es das ganze Land auf den Boden."

In der Ukraine wird Gas vom Staat stark subventioniert. Es gibt zudem eklatante Missverhältnisse, wer wie viel für Gas bezahlt. Grundsätzlich profitiert die Bevölkerung vom billigen Gas, kommerzielle Kunden zahlen mehr. Aber auch für die Industrie gibt es ein undurchsichtiges Schema, wer Ausgleichszahlungen in welcher Höhe vom Staat erhält, und wer nicht. "Momentan verlieren alle mit diesem System, es gewinnen alleine Korruptionäre", sagt Omeltschenko. In Wirklichkeit sei das Gas in der Ukraine nicht nur einfach billiges Gas. "Dem scheint nur so, denn der Bürger erhält aufgrund des billigen Gases keine anderen Sozialleistungen aus dem Budget, denn das Staatsbudget muss das billige Gas finanzieren."

Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) schlägt in die gleiche Kerbe. "Ein ineffizienter und undurchsichtiger Energiesektor belastet weiterhin schwer die öffentlichen Finanzen und die Wirtschaft", sagte der IWF unter Verweis auf die Energiesubventionen, die 2012 7,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts der Ukraine ausmachten. "Die sehr niedrigen Tarife für heimisches Gas und Fernheizung decken nur einen Bruchteil der ökonomischen Kosten und befeuern eine der höchsten Gasverbrauchsraten in Europa", so der Währungsfonds. Erst auf internationalen Druck hin wurden im Mai 2014 die Gaspreise im Land erstmals seit vier Jahren erhöht, obwohl der Importpreis davor stetig angestiegen war. Aber auch diese Erhöhung fiel vorerst minimal aus.

Russische Energie-Experten sehen die Möglichkeiten der ukrainischen Gasversorgung freilich anders. Ihnen zufolge würde auch der vermehrte Import aus Europa nicht im nötigen Ausmaß helfen, auch wenn laut slowakischem Gasnetzbetreiber Eustream von Gaslieferanten bis 2019 zehn Milliarden Kubikmeter Kapazität im Jahr gebucht wurden und erste Lieferungen in die Ukraine mit Anfang September beginnen. Zudem mache der Import aus Europa auch ökonomisch keinen Sinn für die Ukraine, denn sie würde zu einem Preis von 385 US-Dollar importieren, dem gleichen Preis, den Gazprom als Kompromissvorschlag zuletzt angeboten hätte. Ukrainische Experten halten dagegen, dass Russland einen Preis von rund 500 Dollar vorgeschlagen habe, und wenn auch vielleicht mit einem Rabatt, dann einem, der "mit einem Wimpernschlag Putins" widerrufen werden könne.

Ob die Ukraine den Winter ohne russisches Gas übersteht, bleibt also weitgehend offen. Ob sie es muss, vorerst ebenso. Das nächste bilaterale Treffen zwischen Moskau und Brüssel ist für den 29. August angesetzt, laut EU-Kommission will man sich an diesem Tag auf einen neuen Termin für trilaterale Gespräche mit der Ukraine über die Wiederaufnahme der Gaslieferungen einigen. Verhandlungen mit Kiew könnten im "frühen Herbst" stattfinden.

"In der Ukraine ist man nicht grundsätzlich gegen russisches Gas", betont Wasiljew. Man wolle nur einen vernünftigen Preis und einen normalen Vertrag. Was man darunter genau versteht, darüber werden beide Seiten sich wohl weiter in den Haaren liegen. "Wir leben doch im 21. Jahrhundert", sagt die Kiewerin Anja. "Wir werden doch nicht ernsthaft im Winter erfrieren." Mehr Sorgen aber bereite ihr, dass - sobald Oktober ist und die Heizsaison beginnt - alle ihre nun neu erstandenen Geräte anstecken. "Dann haben wir ein Blackout auch noch, und es ist kalt - und finster."