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Mit Tränen in den Augen

Von Walter Hämmerle

Leitartikel
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Dieser Tage berichten Augenzeugen von Menschen, die Tränen in den Augen hatten, als sie die Welle an Hilfsbereitschaft sahen, die an Bahnhöfen und Grenzübergängen den ankommenden Flüchtlingen zuteil wurde.

Darüber kann man lächeln, sollte man aber nicht. Solche Gefühle der Ergriffenheit können einen Zweck über den Moment hinaus entwickeln. Etwa, wenn es darum geht, dass sich die Menschen, die kommen, auch heimisch fühlen. Für die erste Generation mag die Erinnerung an solche Begrüßungserlebnisse reichen. Doch Dankbarkeit ist allenfalls vorübergehend eine politische Kategorie. Die Geschichte zeigt, dass wir vor allem der zweiten und dritten Generation ein belastbareres Hilfsgerüst anbieten sollten. Gefühle sind dafür nicht das schlechteste Mittel. Allerdings haben wir Ergriffenheit und Rührung fast völlig aus der Öffentlichkeit verbannt. Leider. Und wenn sie doch einmal vorkommen, prasseln Spott und Hohn auf sie nieder.

Die Hoffnung auf den Triumph kühler Vernunft als Königsweg der öffentlichen politischen Auseinandersetzung hat sich allerdings als Sackgasse herausgestellt. Dabei war der Versuch nach den Erfahrungen Mitteleuropas im 20. Jahrhundert verständlich. Demnächst könnte sich jedoch das Fehlen jeglicher ziviler wie republikanischer Gefühlswallungen als Wettbewerbsnachteil erweisen. Jede Gemeinschaft muss sich der Loyalität ihrer Mitglieder versichern - materiell wie immateriell. Und die Konkurrenz muss nicht immer gleich eine fundamentalistische Terrortruppe sein, oft genug ist schon der Gang in die innere Emigration schlimm genug.

Vor allem für Neuankömmlinge und Nachgeborene bietet die auf die Vergangenheit fixierte Gedenk- und Feierlandschaft der Republik wenig Anlass zum Mitfühlen. Die dabei dominierenden Bezugspunkte 1918, 1933/34 und 1938/45/55 sind wichtig, aber für Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen eben nicht gemeinschaftsstiftend. Und andere Momente, die zu einer emotionalen Aufladung taugen würden, etwa die Verleihung der Staatsbürgerschaft, sind hierzulande ein bloßer Verwaltungsakt ohne jede republikanische oder zivile Spiritualität. Die Demokratie in der Postmoderne braucht auch positive emotionale Anknüpfungspunkte. Natürlich trifft das nicht auf jeden Bürger zu, aber auf manche eben doch. Diese brauchen ein Angebot, ansonsten werden sie sich bei der Konkurrenz umschauen.