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Mit viel Körpereinsatz

Von Martyna Czarnowska

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In der Ukraine sollen Politikerinnen keine kurzen Röcke mehr tragen. | Andere Frauen ziehen sich für ihre politischen Anliegen aus.


"Mörderhasen" würde mein Kollege sie nennen. Frauen, die so manche Männeraugen zum Glänzen bringen. Der kurze Rock, das schlanke Bein, noch verlängert durch den hohen Stöckelschuh, der gekonnt gesetzte Lidschatten und erst recht - der ganze Rest. Schade nur, findet der Kollege, dass es in Österreich gar nicht so viele von dieser Sorte Frauen gebe. Dafür aber in Osteuropa. "Die

Rumäninnen, die Bulgarinnen, die Slowakinnen", schwärmt er.

Und dann das: Ausgerechnet in der Ukraine, die bekanntlich auch ein Land im Osten ist, sollen kurze Röcke verboten werden. Nicht überall, was meinen Kollegen beruhigt, aber doch zumindest in der Regierung. Eine neue Kleiderordnung, vom Kabinett in Kiew beschlossen, schreibt vor, dass kurzer Rock, knalliger Lippenstift und Stöckelschuhe nicht mehr erwünscht sind. Die weiblichen Mitglieder im Regierungsapparat sollen künftig auch von durchsichtigem Stoff oder tiefen Dekolletees Abstand nehmen. Das Gewand sollte stattdessen dezent, das Make-up maßvoll sein.

Die ukrainischen Medien wettern schon, dass Frauen so ihrer wichtigsten Waffen beraubt werden, und Regierungskritiker orten autoritäre Tendenzen. Immerhin ist nun ein neues Kabinett in Kiew an der Macht, und das will offenbar seine eigenen Akzente setzen. Die frühere - und aus einem anderen politischen Lager kommende - Premierministerin, Julia Timoschenko, ist gern in kürzeren Röcken aufgetreten.

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Das Private ist politisch, lautete ein - nicht nur feministischer - Slogan der 68er-Bewegung. Die Kleidung ist es auch. In der Ukraine spielt sie nicht nur in der Regierung eine Rolle. So setzt eine Gruppe von Aktivistinnen bewusst auf ihr Äußeres. Femen heißt der Verein, eine Initiative von Bürgerinnen, die Missstände in der Gesellschaft anprangern wollen anstatt darüber hinwegzusehen. Und um Aufmerksamkeit dafür zu erregen, ziehen sich die Frauen sehr freizügig an - und teilweise sogar aus.

Bei der Präsidentenwahl entblößten sich ein paar Frauen vor einem Wahllokal bis zur Hüfte und hielten Plakate in der Hand. "Stoppt die Vergewaltigung des Landes", stand darauf geschrieben. In einer der bekanntesten Aktionen stöckelte eine Gruppe dürftig bekleideter Femen-Mitglieder durch Kiew und protestierte gegen den Sextourismus in ihrem Land. "Die Ukraine ist kein Bordell", war auf den Postern zu lesen - und das in mehreren Sprachen.

Nun mag es Stimmen geben, die meinen, zur Schau gestellte Körper seien nicht das geeignete Mittel, um gegen den Handel mit Körpern zu demonstrieren. Doch zum einen würde die Öffentlichkeit wohl kaum Notiz von Femen nehmen, wenn die Mitglieder wie Mauerblümchen auftreten, sagt eine Aktivistin.

Zum anderen müssen sich Feministinnen weder von Männern sagen lassen, was sie wie anzuziehen haben, noch von anderen Feministinnen. Nicht immer geht es nämlich darum, mit einem kurzen Rock männliche Fantasien zu erfüllen oder zu beflügeln und so die Bilder vom Sexobjekt in der Realität fortzuschreiben. Sowohl für den Körper als auch für dessen Hülle sollte Selbstbestimmung gelten.

Sowohl bei den ukrainischen Regierungspolitikerinnen als auch bei den Aktivistinnen wird manchmal mehr auf das Aussehen der Frauen geachtet als auf die Inhalte, die diese vermitteln möchten. Zwar gibt es auch für Männer Kleidervorschriften. Aber die erregen selten so viel Aufsehen. Meinem Kollegen zumindest sind sie egal.