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Mit voller Fahrt aufs Riff

Von Michael Schmölzer

Europaarchiv

Seit den EU-Beitritt ist das Transitaufkommen in Tschechien 20 bis 30 Prozent gestiegen, schätzt man in Prag. Die Ursache: Tschechien ist EU-weit eines der billigsten Transitländer. Die Folge: Umweltverschmutzung, Lärmbelästigung und Unfallzahlen, die weltweit im Spitzenfeld liegen. Lösungsversuche zerschellen vorerst in Brüssel.


Es war ein mehr als trauriger Rekord, den tschechische Medien Anfang Oktober zu vermelden hatten: Binnen sieben Tagen kamen 38 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben, bis Mitte des vergangenen Monats hielt die tragische Entwicklung mit täglich mindestens einem tödlichen Unfall an. Tschechien liegt bei der Zahl der Verkehrsopfer längst an der Weltspitze. Durchschnittlich kommen jedes Jahr 120 Menschen pro einer Million Einwohner auf den Straßen des neuen EU-Landes um - in den alten Mitgliedsländern sind es 65. Und während im Prager Stadtverkehr immer noch weit weniger Fahrzeuge unterwegs sind als in anderen EU-Hauptstädten, hat auf den großen Transitrouten längst das Chaos Einzug gehalten.

Problemstrecke Prag-Brünn

Im Prager Verkehrsministerium wird darauf hingewiesen, dass der Transitverkehr seit dem EU-Beitritt Tschechiens "um 20 bis 30 Prozent" zugenommen hätte. Die Lkw-Flut verstopft allerdings nur ganz bestimmte Routen. In Bereich der Autobahnen extrem betroffen ist die D1 zwischen Prag und Brünn. Ein Sprecher des Verkehrsministeriums bezeichnete gegenüber der wöchentlich erscheinenden "Prager Zeitung" die Situation auf dieser Strecke als "kritisch". Zudem führen in Tschechien immer noch viele europäische Hauptverkehrsrouten über Landstraße. Die Folge: Durch kleine Gemeinden wie Borislav bei Teplice donnern täglich bis zu 2500 Lkw. Im Frühjahr ist es deswegen entlang der Achse Prag-Berlin zu Bürgerprotesten und Straßensperren gekommen - allerdings nur auf der sächsischen Seite.

Inzwischen sind Prags Politiker in die Offensive gegangen und wollen das Problem dort angehen, wo die Entscheidungen getroffen werden: In der EU.

Schiffbruch in Brüssel

"Wir sind das billigste Transitland in der Union", klagte Vizepremier Martin Jahn im Oktober und ging prompt auf Konfrontationskurs mit der Rest-EU. Um den Lkw-Transitverkehr in die umliegenden Länder, also auch nach Österreich abzulenken, sollte es nach Ansicht des tschechischen Vizepremiers der günstigen tschechischen Ein-Tages-Vignette für 240 Kronen (7,60 Euro) an den Kragen gehen. Stattdessen werde es ab 2005 nur noch eine Drei-Tages-Vignette für 620 Kronen (19,68 Euro) geben. So der Plan - der in Brüssel auf Ablehnung stieß.

Eine Erfahrung, von der österreichische Verkehrspolitiker ein Lied singen können: Der Rat der EU-Verkehrsminister wies die Maßnahme mit dem Argument zurück, sie verstoße gegen den freien Warenverkehr und würde ausländische Unternehmer schädigen. Und die tschechischen Spediteure reagierten ähnlich wie ihre Kollegen in Österreich: Die Novelle gehe ins Leere und wäre "ohne Wirkung", so Martin Felix vom Spediteursverband "Cesmad Bohemia". Aus logistischen Gründen sei es auch unmöglich, den Transport auf die Schiene zu verlagern.