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"Mitarbeiter sagen nein zur Sonntagsöffnung"

Von Clemens Neuhold, Petra Tempfer, Brigitte Pechar

Politik

Mit Schlecker-Nachfolger dayli beißt sich nächster Sonntagsrebell die Zähne am freien Sonntag aus.


Wien. 2800 Mitarbeiter des Schlecker-Nachfolgers dayli haben in den vergangenen Tagen Post von der Gewerkschaft bekommen. Darin enthalten: Ein Stimmzettel, ob sie am Sonntag arbeiten wollen oder nicht. Langfristig sollen ja alle 885 dayli-Filialen auch ein Bistro enthalten und über diesen Umweg am Tag des Herrn offen haben.

"Der Rücklauf der Befragung ist sensationell. Es geht in Richtung vergangener Befragungen", sagt Karl Proyer, stellvertretender Geschäftsführer der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-djp) im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Von der Tendenz her würden "mehr als 95 Prozent" gegen die Sonntagsöffnung sein.

Eine dieser Befragungen, auf die sich Proyer bezieht, lief 2011 in der Lugner-City unter 230 Mitarbeitern. Dort sprachen sich 94 Prozent gegen die Sonntagsöffnung aus, die der Sonntagsrebell Richard Lugner in ähnlicher Vehemenz fordert wie nun dayli. Dasselbe Ergebnis wie in der Lugner-City ergab eine Befragung der Gewerkschaft unter Angestellten, die im 1. Wiener Bezirk arbeiten. Beim Möbelriesen Ikea sollen 92 Prozent njet zur Sonntagsarbeit gesagt haben. "Wir haben in Dutzenden Konzernen und Einkaufszentren nachgefragt, die große Mehrheit sagt nein", sagt Proyer und sieht einen überwältigenden Trend.

Ein Geschäft, zwei Welten

Doch wie repräsentativ sind diese Umfragen? "Sie sind mehr als repräsentativ", sagt Proyer. Man befrage nämlich alle Beschäftigten von dayli und nicht nur eine Stichprobe. Die Postadressen der Empfänger hat die Gewerkschaft von der Arbeiterkammer. Das sei, versichert Proyer, rechtlich gedeckt.

Hört man dayli zu, wähnt man sich auf einem anderen Planeten. In den zwei Testbetrieben in Linz-Ebelsberg und Pöggstall in Niederösterreich, die sonntags bereits offen haben, gibt es laut Dayli-Betriebsrat "keine Beschwerden von Mitarbeitern". Weil die GPA-djp gegen die Sonntagsöffnung geklagt hat, ist der Betriebsrat sogar aus der GPA-djp ausgetreten.

Der Konzernchef und Miteigentümer von dayli, Rudolf Haberleitner, versicherte Anfang April: "Beschäftigte, die nach dem Handels-Kollektivertrag (KV) eingestellt sind, werden nicht zur Sonntagsarbeit gezwungen. Niemand wird zwangsbeglückt." Neue Mitarbeiter will er großteils über den Gastro-Kollektivvertrag anstellen und damit neue Jobs schaffen. Die GPA entgegnet, ihr sei noch keine Anstellung nach Gastro-KV bekannt. Ein aktuelles Statement zur Befragung der Gewerkschaft wollte Haberleitner nicht abgeben.

"Nur der Handel steht still"

Sepp Schellhorn, langjähriger Präsident der Österreichischen Hoteliersvereinigung, bezeichnet sich selbst als "starken Befürworter" für die Sonntagsöffnung und stützt sich in seiner Argumentation ebenfalls auf die Mitarbeiter - aber außerhalb des Handels. "Der "freie Sonntag ist eine Illusion. Österreich steht an diesem Tag nicht still. Polizisten, Ärzte, Straßenbahnfahrer und Journalisten - sie alle arbeiten. Nur der Handel nicht."

Mittlerweile etwas müde ist indes ein weiterer Sonntagsrebell geworden: Markus Pichler, Chef der Shopping City Süd SCS und des Donauzentrums (Unibail-Rodamco). "Ich sehe da derzeit keinen politischen Willen", sagte er zuletzt. Den Bedarf für sechs bis acht offene Sonntage im Jahr sieht er jedoch noch immer. Der Aupark in Bratislava, der seit Oktober 2011 zu 100 Prozent zu Unibail-Rodamco gehört, verzeichne an Sonntagen durchschnittlich 40.000 Besucher.

Lugner, Schellhorn, Pichler, jetzt Haberleitner: Sie alle erlebten, wie rasch sich die Reihen schließen, wenn die Sonntags-Bastion attackiert wird - bei keinem Thema - ausgenommen der Feiertage - stehen Gewerkschaft und Kirche so nahe beieinander.

"Gut für die Schöpfung"

"Eine Gesellschaft, die den Menschen und der Natur keine Zeit lässt, sich zu erholen oder sich in kreativen und selbst gesteuerten Prozessen zu entwickeln, beraubt sich ihrer Zukunft", sagt Bischof Ludwig Schwarz zur "Wiener Zeitung". Der Bischof ist einer von zwei Sprechern der "Allianz für den freien Sonntag Österreich" - der zweite Sprecher ist Franz Georg Brantner von der GPA-djp. Der Allianz gehören 50 Organisationen an - neben den zwölf eingetragenen christlichen Religionsgemeinschaften und Organisationen der katholischen Kirche sind dies zum Beispiel der ÖGB samt Teilgewerkschaften, Naturfreunde, Alpenverein und die Bundesjugendvertretung.

Bischof Schwarz will das dritte Gebot: "Du sollst den Tag des Herrn heiligen" nicht verstanden wissen als Sonntagsgebot in dem Sinn, dass damit alleine der Messbesuch ermöglicht wird. Das Sonntagsgebot solle viel umfassender als das gesehen werden: "Als die Festlegung einer Ruhezeit, die der Schöpfung, säkular ausgedrückt: der Umwelt und allen Geschöpfen, gut tut."

Schwarz versteht das dritte Gebot demnach als soziales Gebot, das für alle gleich gültig sei. "Daher muss es in der Diskussion um Arbeitszeiten, und besonders um gemeinsame Ruhezeiten, um eine Anpassung an die Erfordernisse der Menschen gehen und nicht umgekehrt", betont Schwarz.

So uneinnehmbar die Bastion scheint, weitere Angriffe sind gewiss. Schellhorn zum Beispiel will für die neue Partei Neos in den Nationalrat einziehen. Freie Öffnungszeiten sind für die wirtschaftsliberale Partei ein zentrales Anliegen. Schellhorn bleibt aber realistisch: "Als Erstes müsste die Wirtschaftskammer umschwenken, erst dann würden Kirche und Gewerkschaft folgen."

Und was sagt die Kammer? "Wir sehen derzeit keinen Bedarf für eine großflächige Liberalisierung der Sonntagsöffnung", sagt Rene Tritscher, Geschäftsführer der Sektion Handel in der Wirtschaftskammer. Auch diese macht Umfragen und darauf stützt sich Tritscher, wenn er behauptet: "Der Großteil der Unternehmer und Kunden ist mit den bestehenden Öffnungszeiten zufrieden." Bestehende Ausnahmen von der Sonntagsruhe in Tourismusregionen oder Bahnhöfen genügten. Die Konsumenten hätten außerdem nicht automatisch mehr Geld, wenn am Sonntag offen sei.

Gut für die Wertschöpfung?

Schellhorn sieht sehr wohl noch Potenzial für das Tourismusland Österreich: "Touristisch gesehen würden die Nächtigungszahlen von Samstag auf Sonntag in die Höhe schnellen, wenn die Geschäfte sonntags offen hätten. Vor allem Städtetourismus hat immer etwas mit Shoppen zu tun", sagt der Neo-Politiker.

Sollte dayli mit seiner Rebellion wider Erwarten erfolgreich sein, ist es jedenfalls ein Dammbruch. "Dann werden auch Händler überlegen, was sie tun und prüfen, ob auch sie aufmachen können", sagt Tritscher.

Das letzte Wort haben aber weder dayli, Kirche, Kammer oder Gewerkschaft, sondern der Gesetzgeber und hier sprach Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner zuletzt ein klares Wort zum Sonntag: "Wir wollen keine Ladenöffnung. Das steht nicht zur Diskussion."