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Mittelstand auf wackligen Beinen

Von Konstanze Walther

Wirtschaft

OECD-Generalsekretär warnt vor Rückschlag in Lateinamerika. | In China wächst stetig die Mittelschicht heran. | In Indien schließt sich langsam die Schere. | Wien/Bern/Buenos Aires. Während sich vor allem die industrialisierten Staaten mit der Finanzkrise herumschlagen, erwacht in den Schwellenländern eine ernstzunehmende Konkurrenz. Laut dem aktuellen Global Wealth Report der Credit Suisse ist das weltweite Vermögen seit dem Jahr 2000 um 72 Prozent gewachsen.


Die Hälfte davon sei dem schwachen Dollar geschuldet (damit wird automatisch die eigene Währung mehr wert), der Rest geht auf die starke wirtschaftliche Entwicklung sowie auf das Bevölkerungswachstum zurück.

Doch speziell für Lateinamerika sprach Angel Gurria, Generalsekretär der OECD, der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, am Freitag bei einem Kongress in Argentinien eine Warnung aus. Und das, obwohl Argentinien im ersten Halbjahr um 10 Prozent gewachsen ist, Peru um 8,4 Prozent. Chile soll dieses Jahr um 6 Prozent wachsen, Brasiliens Wirtschaft wird um 7 Prozent zulegen.

Doch die Bevölkerung aus der mittleren Einkommensschicht, jenem Zweig, der aufgrund seines Konsumverhaltens für Volkswirtschaften am interessantesten ist, bleibt in Lateinamerika weiterhin "wirtschaftlich verwundbar". Zwar macht diese Mittelschicht (verglichen mit den Superreichen und den Ärmsten) in den untersuchten Ländern inzwischen jeweils um die 50 Prozent der Bevölkerung aus. Doch sei dies eine Mittelschicht, die sich von den anderen Ländern der OECD unterscheidet. Eine Mittelschicht, so wie sie die OECD definiert, sind Haushalte, die zwischen 50 und 150 Prozent des nationalen Durchschnittseinkommens verdienen. Aber in Lateinamerika sei jene Mittelschicht trotz ihres Einkommens näher bei den Armen einzuordnen als bei den Reichen.

Arbeiten ohne Sicherheit

Nicht etwa wegen Immobilienblasen, sondern wegen dem hohen informellen Arbeitssektor. "Mehr als die Hälfte der Beschäftigten in Lateinamerika hat keine Sozialversicherung. In Chile sind 39 Prozent ohne Pensionsversicherung. In Brasilien sind es 52 Prozent, in Mexiko sogar 67 Prozent und in Bolivien leben sage und schreibe 95 Prozent ohne diesem Sicherheitsnetz", erklärte Gurria. Im Normalfall würde eine große Mittelschicht für stabiles Wachstum sorgen. Doch im Falle Lateinamerikas könnte der geringe Grad an Sozialversicherung und die begrenzten finanziellen Ressourcen der Regierungen eben jenes Wachstum behindern. Sozialer Schutz müsse für die lateinamerikanischen Regierungen nun oberstes Gebot sein, so Gurria.

Und auch wenn viel von den Boommärkten Lateinamerikas und Asiens geredet wird (hier vor allem von den Bric - Brasilien, Russland, Indien und China), ist es wichtig, sich die Verteilung des Reichtums zu verdeutlichen. Lateinamerika hält derzeit (Stand 2010) nur 4 Prozent des globalen Reichtums. Europa ist Spitzenreiter mit 32 Prozent. Nordamerika kommt nach der Berechnung von Credit Suisse auf 31 Prozent. Die asiatisch-pazifische Region (exklusive China und Indien) beläuft sich immerhin auf 22 Prozent - dank Japan, Singapur und Hongkong. Singapur gehört zusammen mit der Schweiz, Norwegen, Frankreich sowie Australien zu den reichsten Ländern der Welt.

China macht allein acht Prozent aus, Indien zwei Prozent. Dabei hat sich in Indien der Wohlstand pro Erwachsenem in der letzten Dekade mehr als verdoppelt. In Indonesien (genauso wie etwa in Russland) hat sich der durchschnittliche Reichtum übrigens verfünffacht - in Indonesien vor allem dank explodierender Grundstückspreise.

10 Prozent haben 83 Prozent

"Wir hoffen, dass die Verteilung des Wohlstands mit der Zeit etwas ausgeglichener wird", so die Credit Suisse. Noch immer besitzen 10 Prozent der Weltbevölkerung 83 Prozent des globalen Reichtums. Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung besitzt hingegen nur zwei Prozent des globalen Reichtums. "China und Indien werden Katalysatoren für einen künftigen Ausgleich sein."

Auch wenn die Wachstumstreiber China und Indien oft verglichen werden: Der Wohlstand ist in beiden Ländern unterschiedlich verteilt. In China ist der Wohlstand innerhalb der Bevölkerung relativ gleichmäßig verteilt, diagnostiziert Credit Suisse. In Indien hingegen steht einer Elite der Superreichen ein Heer der Ärmsten gegenüber. Doch langsam nimmt die Mittelschicht auch in Indien zu, "und diese Menschen wollen sich langsam mehr und mehr leisten", sagt Hans-Jörg Hörtnagl, der österreichische Handelsdelegierte in Neu Delhi. So sei das hohe Wirtschaftswachstum in Indien zu erklären - 2010 soll es sich auf 9,4 Prozent belaufen. Trotzdem, global betrachtet dürfe man die Mittelschicht in Asien nicht mit jener in Europa oder Nordamerika vergleichen, warnt Hubert Escaith, Chefstatistiker der Welthandelsorganisation (WTO) bei einer Veranstaltung in Wien: Denn die asiatische Mittelschicht verdient weniger und kauft dementsprechend vor allem billige Konsumprodukte - aus Asien. Für Europa entsteht hier noch lange kein Absatzmarkt.