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Mittendrin und doch nur dabei

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Wenn Kriegsberichterstatter ins Militär "eingebettet" werden, sind sie näher am Geschehen. Sie sehen dann aber immer nur eine Seite, journalistische Vielfalt ist kaum möglich.


Seit einigen Jahren machen die Medien in den USA viel Gebrauch vom "Embedded Journalism" in Kriegsregionen. Auch ich habe das schon öfter gemacht. Auf diese Weise habe ich wohl viel mehr vom Irak und von Afghanistan gesehen, als es mir allein möglich gewesen wäre. Und davon hatten meine Leser durchaus einen ganz konkreten Vorteil.

Nur hat die Sache auch einen Haken: Wer mit dem Militär unterwegs ist, kann den Krieg nicht von zwei Seiten sehen. Wenn Sie so einen Artikel von mir aus Kandahar oder Kabul oder Basra lesen, heißt das keineswegs, dass ich dort mit der Bevölkerung in Berührung komme und Gelegenheit habe, Meinungen von allen Seiten anzuhören.

Dennoch scheint es zur Norm zu werden, dass Journalisten mit dem Militär reisen, nicht nur bei Kriegsberichterstattung. Auch das Reisen mit politischen Kandidaten und Parteien kommt immer mehr auf. Journalisten erhalten auf diese Weise viel Information, allerdings auch viel verzerrte und sehr einseitige. Und mit solchen einseitigen Informationen lässt sich ein Konflikt nicht befriedigend erklären. Wie soll man verstehen, was man nicht zu sehen bekommt?

Aufgekommen ist die Einbettung auf Wunsch von Journalisten. Während des Golfkrieges steckten viele Reporter im Hinterland fest. Einigen gelang es aber, mit den US-Soldaten ins Kriegsgebiet vorzudringen, von wo manche lebhafte Berichte nach Hause schickten. Viele Artikel wurden allerdings zuvor einer "Sicherheitsüberprüfung" unterzogen und erst mit großer Verzögerung abgeschickt.

Dennoch wollten die Medien eine Ausweitung. Und sie bekamen sie, denn für das Pentagon lag der Vorteil, ausgewählte Journalisten mitzunehmen, klar auf der Hand. Und so gab es vor der Irak-Invasion im März 2003 unter Journalisten bereits ein regelrechtes Gerangel um die besten, Action-reichsten Plätze.

Auch ich war damals im Irak, aber gemeinsam mit Kollegen, in Mietautos. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, dass es heutzutage meist viel zu gefährlich ist, sich einem Krieg ohne den Schutz einer Armee auszusetzen. Allerdings habe ich viel gesehen - und das ist die andere Seite der Medaille -, was ich unter der Obhut des Militärs nie zu sehen bekommen hätte.

Die Gewalt nahm jedoch weiter zu, die Aufständischen wurden zu Kidnappern, mit dem freien Reisen war es vorbei. Einige verharrten zwar unter viel persönlichem Risiko, aber um in die Kampfzonen zu gelangen, waren sie aufs Militär angewiesen. Viele unterliegen jedoch dem Irrtum, dass ein mit dem Militär reisender Journalist stets in völliger Sicherheit sei. Die Praxis sieht anders aus.

Das alles bedeutet, dass Journalisten unter diesen Umständen gezwungen sind, Partei zu ergreifen und Dinge einseitig zu schildern oder eben gar nicht berichten zu können. Der Weg zurück zu einem unabhängigeren Journalismus wird nicht leicht sein, besonders für Kriegsberichterstatter. Wir sollten nicht länger an der Annahme festhalten, uns ständig im Krieg zu befinden, und endlich wieder den Normalzustand herstellen.

"Nur weil ihr von links und rechts angegriffen werdet, heißt das noch lange nicht, dass das gute Arbeit ist", tadelte uns einst die frühere "Washington Post"-

Herausgeberin Katharine Graham. Sie hatte recht; aber alle politischen Lager gegen sich aufzubringen, ist noch immer ein ganz brauchbarer Anhaltspunkt. Um gute Arbeit zu leisten, muss ein Journalist auf die Karawane und deren Vorteile verzichten.

Übersetzung: Redaktion Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post". Originalfassung