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"Möchte, dass das Blutvergießen aufhört"

Von Thomas Seifert aus Diyarbakir

Politik
Flüchtlingscamp in der Türkei: Immer mehr Menschen fliehen vor dem syrischen Bürgerkrieg.
© Thomas Seifert

Fact-Finding-Mission im kurdischen Teil der Türkei: Flüchtlingselend, Frauentragödien und Genozid an Yeziden.


Diyarbakir. Die Häuser, ach, die seien egal, die könne man wieder aufbauen. "Aber ich möchte, dass das Blutvergießen endlich aufhört", sagt der 47-jährige Mustafa aus der syrischen Kurdenstadt Kobane. Er sitzt mit seiner Frau Ermine und seinen drei Söhnen, von denen der jüngste sieben, der älteste 16 Jahre ist, in einem kleinen, finsteren Zimmer in Sanliurfa im Südosten der Türkei. Auf die Frage, was die Familie bei der Flucht aus Syrien über den Grenzzaun mitnehmen konnte, zupft er nur an seiner schwarzen Jacke, zieht sie von seinem Bauch weg und zuckt mit den Achseln. Dann sagt er: "Nicht mehr als das, was wir am Leib trugen."

Sein Geschäft gibt es nicht mehr, das Haus in Kobane sei mittlerweile durch eine Bombe zerstört worden, hat er erfahren. Mustafa war dort in Kobane Brunnenbauer und hatte ein gutes Auskommen, doch hier in Sanliurfa steht die Familie nun vor dem Nichts und lebt von dem Bisschen, das der 16-jährige Sohn von seiner Schwarzarbeit bei einer Autowerkstätte in Sanliurfa nach Hause bringt. Für die zwei kleinen Zimmer, die die Familie bewohnt, zahlen sie 2200 türkische Lire im Jahr - umgerechnet rund 800 Euro.

Mustafa ist ein stiller Mann, der seine Worte mit Bedacht wählt und nicht so gerne das große Wort führt. Er spricht davon, dass doch jeder Mensch seine Sprache liebe, seine Herkunft nicht verleugnen wolle, die eigene Kultur schätze und jene der anderen respektierte. "Die Kurden stehen niemandem feindlich gegenüber, aber in unserer Geschichte kommen immer andere und bekämpfen uns", sagt er. Vier aus seiner ganz engen Verwandtschaft seien bereits ums Leben gekommen, seinen Bruder haben die Dschihadisten umgebracht und hinter einem Auto hergeschleift, erzählt er. "Was sind das für Menschen? Ich wünsche mir Menschlichkeit und eine Welt, wo die Menschen einander nicht feindlich gegenüberstehen."

"Sie wollen plündern"

Wer die Kurden in ihrem Kampf gegen IS unterstützen möchte, sei herzlich willkommen: "Die Kämpfer des IS sind schlicht Mörder", sagt er. Und Mustafa kann es immer noch nicht fassen, was in seiner Heimat passiert ist. Wie Nachbarn in den umliegenden arabischen Dörfern, "mit denen wir gemeinsam gefeiert und gegessen haben, begonnen haben, unsere Kinder zu ermorden und unsere Frauen zu vergewaltigen als Daish - IS - bei uns eingefallen ist." Was treibt die Dschihadisten der IS an? "Wir glauben, dass sie das hauptsächlich wegen des Geldes machen, wegen der Möglichkeit zu plündern. Man redet denen ein, das sei im Dschihad gegen die Feinde Halal" - also erlaubt, erzählt Mustafa. "Wir Kurden haben zaroastrische religiöse Wurzeln, sind heute sunnitische Moslems. Wenn uns nun die Leute vom IS sagen, ihr seid keine Moslems, dann sind wir eben keine mehr", sagt er.

Die Lage von Mustafa und seine Familie ist katastrophal, aber die Familie hat wenigstens ein festes Dach über dem Kopf. Und die vom IS bedrohten Kurden in Syrien sind nicht isoliert, sondern bekommen zumindest ein wenig Unterstützung von den Kurden im Nordirak und der Türkei. Die Yeziden, die Anhänger einer zaroastrischen Religion in der Region Sinjar im Nordirak, stehen hingegen völlig allein und jene, die es geschafft haben, dem IS-Terror im Irak zu entfliehen, müssen nun in Zelten leben. Die Yeziden werden von den IS-Dschihadisten als angebliche "Teufelsanbeter" mit besonderem Hass verfolgt. In der Türkei haben etwa 60.000 von ihnen Aufnahme gefunden, doch die genauen Zahlen kennt niemand.

Yeziden in verzweifelter Lage

Eine Parlamentarierdelegation aus Österreich - bestehend aus SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder, Elisabeth Pfurtscheller (ÖVP), Berivan Aslan (Grüne) und Nikolaus Kunrath vom Grünen Klub in Wien - besuchte das Flüchtlingscamp Sengal auf dem Yenesehir-Sportplatz, in der Nähe von Diyarbakir. In dem Zeltlager sind 4000 Yeziden untergebracht. Die Menschen dort leben nach wie vor in Angst, trauen weder der kurdischen Lokalverwaltung in der Südosttürkei, die sie aus eigenen Mitteln mit dem Notwendigsten versorgt, noch dem türkischen Staat, von dem laut Angaben der kurdischen Verantwortlichen in Diyarbakir keine Unterstützung kommt.

Die Parlamentarier werden von einer Gruppe junger Yeziden empfangen, die in gutem Englisch darüber klagen, dass die Yeziden sich in keinem muslimischen Staat mehr sicher fühlen können. "Wir wollen irgendwohin, in irgendeinen Staat in Europa, nach Australien, in die USA. Wir müssen raus aus dem Irak, raus aus der Türkei. Die Muslime betrachten uns als Feinde. Wir werden nie in die Sinjar-Berge zurückkehren, nie, nie, nie. Wir brauchen eine neue Heimat, in der wir in Sicherheit sind. Unsere Frauen, unsere Mädchen werden vergewaltigt. Wir haben keine Waffen, keine Regierung, wir haben niemanden, der uns hilft. IS - wir nennen sie Daish - will uns zwingen, unsere Religion aufzugeben", sagt der 30-jährige Familienvater Rasghal, der aus den Sinjar-Bergen stammt.

Im Camp selbst gebe es keine medizinische Versorgung, und es fehle am Nötigsten, sagt er: An Nahrungsmitteln, Kleidung, Decken und Öfen zum Beheizen der Zelte. Bisher, so die Klage der für das Zeltlager Verantwortlichen, würde auch das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR keine Unterstützung leisten.

Die Parlamentarier werden durchs Lager geführt, vorbei an einem Kinderspielplatz, an endlosen Zeltreihen, zwischen die Leinen gespannt sind, auf denen Wäsche zum Trocknen hängt. Die Abgeordnete Berivan Aslan - sie ist kurdischstämmig - spricht mit einer älteren Flüchtlingsfrau, tröstet sie, umarmt sie, hält sie im Arm. Doch was soll Aslan ihr sagen? Dass alles wieder gut wird? Doch wird es das? Ein wenig im Abseits der Szene hockt eine junge Frau, den Kopf auf die Hände gestützt. Sie wirkt verzweifelt und doch abwesend. Dann kommen Tränen. Die Menschen hier sind am Limit.

Als die Parlamentarier wieder zum Bus wollen, haben die Flüchtlinge einen stillen Protest organisiert, um auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam zu machen. "Wir wollen nicht mehr in einem Land leben, in dem wir täglich umgebracht werden", haben sie auf Transparente gemalt. "Wo ist meine Mutter?" steht auf einem zweiten. "Wo ist meine Zukunft?" auf einem dritten und "EU und USA: Helft unseren tapferen Kriegern in den Sinjar-Bergen". SP-Klubobmann Andreas Schieder spricht zur Menge, gibt aber gleich zu, dass er den Flüchtlingen nicht allzu viel Hoffnung machen kann, er nur versprechen kann, dass die Parlamentarierdelegation Medien, europäische Regierungen und internationale Hilfsorganisationen auf die verzweifelte Lage der Yezidi-Flüchtlinge aufmerksam machen würde.

Dann steigen die Abgeordneten ein. Der Bus fährt durch die Nacht, die Abgeordneten sitzen zuerst schweigend in ihren Sitzen, dann bricht es aus der Abgeordneten Pfurtscheller (ÖVP) heraus: "Nächste Woche haben wir dann wieder eine Sondersitzung, auf der die FPÖ wieder alle Register ziehen wird. Das ist doch wirklich zynisch angesichts dessen, was man hier sieht. Wirklich schwer auszuhalten."

Frauen werden verkauft

Es war ein bewegender anstrengender Tag für die Abgeordneten: Denn auch das Gespräch mit Figar Aras von der Demokratischen, Freien Frauenbewegung DÖHK war schwer verdaulich: Sie hatte von Yezidi-Frauen erzählt, die von IS-Dschihadisten verschleppt und am Markt von Mosul im Norden des Irak wie Vieh verkauft würden. "In Mosul werden diese Frauen selektiert, die jüngsten und schönsten an Geschäftsleute verkauft. Eine 16-Jährige konnte weglaufen, sie sollte verheiratet werden und hat davon erzählt, wie sie über vier Tage lang Tag und Nacht vergewaltigt worden ist, hatte Aras berichtet.

Die drei Abgeordneten - Schieder, Pfurtscheller und Aslan - versuchten bei ihrer Reise auch zu erfahren, welche Rolle die Kurden in der Türkei bei der Entschärfung der Konflikte in der Region zu spielen bereit sind. Sie trafen unter anderen mit dem Vize-Vorsitzenden der pro-kurdischen "Demokratischen Partei der Regionen" (DBP) Kamuran Yüksek zusammen, der beklagte, dass der kurdische Widerstand von der türkischen Regierung als "Terrorismus" dargestellt und auch die politischen Aktivitäten der Kurden als "illegal" präsentiert werden. Yüksek ist erst vor drei Monaten aus einer fünfjährigen Haft - in der er ohne Gerichtsurteil saß - entlassen worden.

Kurden fordern Rechte

Im Gespräch mit den Abgeordneten forderte er, die PKK von der EU-Terrorliste zu streichen, um so den Weg zum Frieden in der Süd-ost-Türkei zu ebnen. Schieder zeigte sich offen und entgegnete, er sei durchaus dafür, eine Diskussion darüber in der EU zu führen. Selma Irmak, die einer pro-kurdischen Plattform verschiedener Parteien und Organisationen vorsteht, regte im Gespräch mit den Parlamentariern eine Verfassungsreform für den türkischen Einheitsstaat an: Dezentralisierung, regionale Selbstverwaltung sowie ethno-religiöse Vielfalt sollen die neuen Kernelemente einer solchen Verfassung sein. Die Kurden in der Türkei, in Syrien, im Irak und im Iran sollten ihren jeweils eigenen Weg zur Selbstbestimmung gehen, sagte sie.

Doch die Kurden wissen auch: Der Irak hat de facto aufgehört, als Nation zu existieren, Syrien ebenso. Die Grenzen in der Region werden derzeit mit Blut neu gezogen - und die Kurden stecken mittendrin in diesem Konflikt.