Zum Hauptinhalt springen

Mogelpackung Wellness

Von Anita Ericson

Reflexionen
© Corbis

Ayurveda für Zwischendurch. Thalassotherapie in den Bergen. Entschlackung durch die Kaffeebohne. Man sollte nicht alles glauben, was Wellnesshotels vollmundig versprechen.


Hilflos, wie von Gott geschaffen, liegt man auf der glitschigen Unterlage. Das kommt vom Öl, das der vor Fett triefende Körper abrinnen lässt, trotz der Bemühungen der beiden Masseusen, das ganze Öl in die Haut zu reiben. Deren vier Hände schaffen allerdings das Kunststück, selbst straffes Gewebe zum Schwabbeln zu bringen. Nicht einmal vor den Haaren wird Halt gemacht. Zu allem Überfluss riecht das Öl ein wenig unangenehm in der Nase. Im Prospekt hatte sich das so gelesen: "Typgerechtes, warmes Öl umhüllt Ihren Körper und hebt Sie sanft in himmlische Gefilde. Lassen Sie sich tragen von dem Gefühl der Schwerelosigkeit ... Vier Hände entführen Sie in die Wahrnehmung jenseits von Raum und Zeit. Fühlen Sie vollkommene Zufriedenheit und innere Ruhe. Tiefenentspannung pur!"

Was wir mit diesem Beispiel sagen möchten: Alles ist subjektiv und nur weil alle davon reden oder eine Beschreibung besonders vielversprechend klingt, heißt das noch lange nicht, dass die Anwendung für das eigene Ich auch passt.

Keinesfalls sei hier die wohltuende Wirkung von Ayurveda-Massagen im Allgemeinen in Abrede gestellt - aber eine Sinnhaftigkeit darüberhinaus, die ja der eigentliche Grund ist, warum Ayurveda bei uns im Trend liegt, lässt sich beim besten Willen nicht ausmachen. Denn die Lehre, deren Wurzeln Südindien und Sri Lanka jeweils für sich beanspruchen, ist ein ganzheitliches und universelles Gesundheitskonzept. Wer es richtig ernst meint, muss zusätzlich seine Ernährung und seine persönliche Lebenseinstellung überprüfen und gegebenenfalls korrigieren. Für den Start sei eine dreiwöchige Panchakarma-Kur in einem spezialisierten Gesundheitszentrum empfohlen. Hier können dann auch ernsthaftere Probleme wie Migräne oder Gastritis behandelt werden. Kurzkuren dienen lediglich zum Schnuppern - und vielen Hoteliers als Lockmittel.

Ähnliches gilt für die Traditionelle Chinesische Medizin - TCM, die bei uns west-gerecht häppchenweise serviert wird. Gut 3000 Jahre überliefertes Wissen aus der Volksmedizin Chinas stecken dahinter, mit einer Akupressur- oder Tuina-Massage am Wochenende im Wellnesszentrum lässt sich bei echten gesundheitlichen Problemen maximal kurzfristige Milderung erreichen. Akupunktur, Bewegungstherapie (Qi Gong), Heilkräutertherapie oder Diätetik (richtige Ernährung) sind ebenso wichtige Teilchen in der ganzheitlichen TCM, für die Körper, Geist und Seele als untrennbar galten - lange, bevor wir im Westen diese drei in Einklang bringen wollten. Körperliche Symptome sind für die Chinesen ein Zeichen, dass der Energiefluss geschwächt oder blockiert ist. Die Behandlung besteht im Wiederherstellen dieses Flusses. Neurologische Krankheitsbilder, chronische Schmerzen oder Entzündungen sind damit etwa gut behandelbar - mit entsprechendem Aufwand für den Patienten.

Fernöstliche Anwendungen boomen sowieso. Auch die Himalaya-Kulturen leisten ihren Beitrag. Wenn es denn stimmt. Angeblich halten sich Mönche in den Hochtälern von Tibet seit Jahrtausenden mit den Übungen der Fünf Tibeter gesund und vor allem jung. Es handelt sich um fünf einfache Bewegungen, die täglich absolviert und dabei mehrfach wiederholt werden. Sie dienen der Harmonisierung der Chakren, also der Energiezentren des Menschen, die sich in seinem Astralkörper befinden.

Ähnlich schwer zu belegen ist der Einsatz von Klangschalen im traditionellen buddhistischen Ritualwesen, wie das von westlichen Esoterikern behauptet wird. Die Schalen aus Bronze erzeugen bei Anschlag je nach Größe und Legierung verschiedene Töne und Vibrationen, die beispielsweise Spannungen lösen oder schöpferische Energien freisetzen sollen. Für die Klangschalentherapie legt sich der Willige bekleidet auf den Boden, die Schalen werden ihm auf Bauch, Nacken, Rücken oder Beine gelegt und angeschlagen. Gesichert ist die Verwendung dieser Schalen im Raum Tibet, Nepal, Indien, China und Japan indes nur als schlichte Kochgefäße.

Medizinisch mehr als umstritten ist Reiki, die japanische Heilslehre, die angeblich auf Überlieferungen basiert, tatsächlich aber erst 1922 in Kyoto sozusagen erfunden wurde. Im Mittelpunkt steht die Energieübertragung des Reiki-Meisters an seinen Patienten - indem er durch Handauflegen Selbstheilungskräfte aktiviert. Dabei ist der Meister Vermittler zwischen der Energie des Kosmos und dem Empfänger.

Die Esoterik hat gar nicht so wenige Kämmerchen und Behandlungszimmer im großen, weitverzweigten Wellnessbereich. Zum Beispiel: Mondwellness. Man beruft sich auf alpenländische Traditionen, nach denen die Menschen schon zu Urzeiten nach dem Mondstand ihre Felder bestellten oder ihr Holz schlugen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Mondphasen-Wellness-Angebote auftauchten. Derzeit verspricht etwa ein Hotel unter dem Titel "Das Geheimnis ewiger Jugend" bei zunehmendem Mond besonders gute Erholung und besonders viel Energie. Alles, was den Körper aufbaut und stärkt, wirke dann doppelt. Sie fühlen sich mehr nach Entgiften, Entschlacken und von alten Dingen loslassen? Kein Problem, bei abnehmendem Mond.

Damit sind wir bei einem weiteren inflationär verwendeten Terminus, von dem letztlich die wenigsten wissen, was genau damit gemeint ist - oft auch, wenn sie es selbst anbieten: Entschlackung. Auf jeden Fall klingt es gut, irgendwie nach purzelnden Kilos und nach schlank. Gemeint ist damit jedoch bloß die Ausscheidung von mutmaßlichen Giftstoffen und schädlichen Stoffwechselprodukten aus dem Körper. Welche Substanzen das genau sind, ist nirgendwo definiert und jeder kann seine eigene Entschlackung anbieten: vom entschlackenden Kaffeepeeling, über das entschlackende Lavendelbad bis zur entschlackenden Erdäpfelpackung. Wer das Thema Entschlackung hingegen richtig angehen möchte, gönnt sich eine Kur, etwa Heilfasten nach Buchinger mit Gemüsebrühe, Säften sowie Einläufen zur Darmreinigung. Sie können auch nach der F.X. Mayr-Methode vorgehen und zweimal täglich alte Semmeln in Milch aufweichen und essen. Oder die Schrothkur wählen, die man grob mit breiiger Kost, Trink- und Trockentagen ergänzt von Dunstwickel umreißen kann. Klingt das in Ihren Ohren noch immer nach Wellness?

Bevor Sie sich für einen Aufenthalt in diesem oder jenem Wellnesshotel entscheiden, hinterfragen Sie das Angebot kritisch. Thalassotherapie in den Bergen - thalassa griechisch für Meer - widerspricht sich ja selbst: Meeressand-, -algen und -schlick kann man importieren, aber salzige Meeresluft? Bei reinen Wohlfühlangeboten wiederum müssen Sie sich konkret überlegen, ob Sie so etwas überhaupt mögen. Massagen, Bäder, Körperwickel, Aroma- und Farblichttherapien gibt es in endlosen Variationen und die Beschreibungen sind blumigst formuliert. Fallen Sie nicht auf leere Phrasen herein. Glauben Sie wirklich an eine Hot-Stone-Anwendung, die "die Chakren des Körpers in die Behandlung einbezieht, um eine spürbare Harmonisierung des Energieflusses zu erzielen" oder ist Ihnen mit einer kräftigen Sportmassage vielleicht besser gedient? Oder, um das Eingangsbeispiel abgewandelt zu zitieren: Jemand, der von Natur zu eher fettiger Haut und ebensolchem Haar neigt, wird sich bei einer Schokokörperpackung wahrscheinlich weniger wohl fühlen.