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Molekularbiologe stuft indische Mutante als wenig besorgniserregend ein

Von Alexandra Grass

Wissen

Imba-Forscher Ulrich Elling pocht auf systematisches Sequenzieren in ganz Österreich, um Infektionsherde einzudämmen.


In Indien entwickelte sich die Corona-Pandemie in den letzten Wochen zur Katastrophe. Das Land steuert rasant auf die Schwelle von 20 Millionen Corona-Ansteckungen zu. Die Welt richtet nun ihr Augenmerk auf das Virus namens B.1.617, bekannt als die indische Mutation des Coronavirus Sars-CoV-2. Aus Salzburg wurden zwei positive Screenings mit Indien-Bezug gemeldet, aus dem Burgenland und aus Niederösterreich jeweils ein Fall. Ob es sich dabei tatsächlich um die gefürchtete Variante handelt, werden allerdings erst die Sequenzierungen zeigen, die noch ausständig sind. Warum die Mutation aller Voraussicht nach gar nicht zum Fürchten ist, erklärt der Mikrobiologie Ulrich Elling vom Institut für Molekulare Biotechnologie (Imba) im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Im Interview pocht er zudem auf ein österreichweites systematisches Sequenzieren, um möglichst früh Maßnahmen ergreifen zu können.

Keine erhöhte Infektiosität

"Die Sorge besteht primär wegen der Bilder aus Indien. Die Mutante selbst gibt nicht so viel Grund zur Besorgnis" betont Elling. Alle bisher bekannten indischen Mutanten würden vor allem den Immunschutz des Menschen umgehen, seien aber aufgrund einer nicht bestehenden Veränderung, wie sie die britische, die brasilianische, die südafrikanische und die Tiroler Varianten sehr wohl aufweisen, weniger infektiös. Dabei handelt es sich um die schon bekannte N501Y-Mutation. Diese erhöht die Infektiosität besonders stark. Was man allerdings noch nicht wisse, ist, wie die Mutationen miteinander kommunizieren und in Summe "mehr sind als die Einzeleffekte".

Auch aufgrund des Austauschs mit indischen Wissenschafterkollegen sei davon auszugehen, dass die derzeit vorherrschende extreme Welle "nicht primär von der neuen Mutation getragen ist", erklärt Elling. Nach wie vor dürfte die britische Variante B.1.1.7 das Hauptübel sein. Erlaubte Veranstaltungen wie das größte hinduistische Fest Kumbh Mela und solche im Zuge der Regionalwahlen wurden wohl zu Superspreading-Events. "In froher Erwartung der Impfung" seien die Masken zu schnell gefallen, erklärt der Experte. Die Rate der Erstimpfungen liegt in Indien noch unter zehn Prozent, jene der zweiten Dosisverabreichung im ganz niedrigen einstelligen Bereich.

Elling hofft, dass sich die Lockerungen in Österreich nicht ebenso als Fehler herausstellen. Man wisse noch nicht, ob die paar Wochen Impfen die Situation komplett verändern werden. "Man wird es sehen."

36.000 Proben pro Durchlauf

Für Österreich fordert der Wissenschafter ein systematisches Sequenzieren. Am Imba hat Elling auf Basis moderner Genanalyse-Technologien die "SARSeq"-Methode entwickelt, womit sich bis zu 36.000 Proben pro Durchlauf in etwa 24 Stunden analysieren lassen. Derzeit landen in seinem Labor sporadisch Proben aus den Bundesländern. Da bestehe dringender Handlungsbedarf. "Was wir brauchen, ist ein systematisches Beproben aller Bundesländer - und zwar wöchentlich." Eine Anzahl von rund 200 Proben pro Bundesland würde schon zu erkennen geben, ob etwas losbricht - und das noch bevor es sich in der gesamten Region verbreitet. "Je früher wir eine Entwicklung erkennen, umso früher können wir Maßnahmen ergreifen und hoffentlich eingreifen", so der Forscher. Ist eine Virusvariante schon im ganzen Land verbreitet, lässt sie sich nicht mehr eingrenzen.

Keine der bisher bekannten neuen Varianten sei gegen die Coronaimpfung resistent, betont Elling. Auch gebe es bisher keine Hinweise auf Resistenzen in jenen Ländern, die bereits eine hohe Durchimpfungsrate aufweisen. Zwar könnten Mutationen auch geimpfte Personen infizieren - "aber das heißt noch lange nicht, dass sie sich so aggressiv vermehren wie die Originalvariante in Ungeimpften". Es sei davon auszugehen, dass der individuelle Schutz nicht bei 100 Prozent liegt, sondern nur zwischen 70 und 90 Prozent, wie auch seitens der Impfhersteller bekannt ist.

Mit Impfung vertretbar

Derzeit hofft man darauf, dass der Herdenschutz so groß wird, dass der berühmte R-Wert - also jene Zahl, die angibt, wie viele Menschen ein Infizierter unter den aktuellen Bedingungen im Durchschnitt ansteckt - bedeutend sinkt. Sinkt der R-Wert unter eins, stirbt das Virus aller Voraussicht nach aus. In manchen Bevölkerungsgruppen, wie bei den Ungeimpften oder jenen, die nicht ausreichend geimpft sind, könnte sich das Virus allerdings halten. Doch "irgendwann wird es sich einpendeln", meint Elling. Und dann "werden wir neben den Rhino- und Influenzaviren im Winter auch dieses Coronavirus haben. Solange wir impfen, ist es vertretbar", betont der Imba-Forscher.

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