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Moon erfüllt sich einen Lebenstraum

Von WZ-Korrespondent Fabian Kretschmer

Politik

Dass sich Südkoreas Präsident Nordkorea annähern wollte, galt zunächst als naive Schwärmerei - doch sein Plan ist aufgegangen.


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Seoul. Für Südkoreas Präsidenten ist am Mittwoch nicht weniger als ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen: "Wir haben seit 5000 Jahren zusammengelebt und sind nun seit 70 Jahren getrennt. Wir gehören zusammen - als ein Volk", sagte Moon Jae-in während einer überaus emotionalen Rede in einem Stadion in Pjöngjang. 150.000 Nordkoreaner jubelten ihm zu.

Allzu gerne würde man erfahren, was wohl in den Gedanken des 65-jährigen Politikers in jenen Momenten vorgegangen sein muss. Schließlich wird Moons Biografie wie ein roter Faden von der tragischen Landesteilung durchzogen: Seine Eltern flohen einst während des Koreakriegs vom Norden in den Süden, wo er unter ärmlichen Verhältnissen in einem Flüchtlingslager geboren wurde. Später als Wehrrekrut diente er entlang der entmilitarisierten Zone, die die zwei Staaten teilt.

Politisch stieg Moon nach der Jahrtausendwende unter dem mittlerweile verstorbenen Präsidenten Roh Moo-hyun zum Stabschef auf. Als dessen engster Vertrauter erlebte er die Sonnenscheinpolitik der beiden Koreas aus nächster Nähe. Ebenso prägend erlebte er jedoch auch das epochale Scheitern der innerkoreanischen Annäherung. Diese Erfahrung sollte ihn nun beim Umgang mit Kim Jong-un vor allzu naivem Idealismus bewahren.

Konservative Kritiker

Dabei machen ihm Kritiker genau diesen Vorwurf: Vor dem Pressezentrum in Seoul haben sich rund 50 konservative Demonstranten versammelt. Ihnen missfällt, dass ihr Präsident einen Diktator wie Kim Jong-un hofiert.

Der Gipfel zwischen Kim und Moon produzierte in der Tat Fernsehbilder, die an der Grenze zur Polit-Propaganda entlang schlittern - etwa Spazierfahrten der zwei Staatschefs in schwarzen Luxuslimousinen, die Straßen gesäumt von jubelnden Massen, die Verhandlungsräume stets voll mit Kronleuchtern, Marmorsäulen und Parsley-Stoffbezügen.

Doch gleichzeitig haben die süd- und nordkoreanischen TV-Reporter - ausländischen Journalisten bekamen keine Visa - auch erstaunlich authentische Bilder eingefangen: Etwa wie Kim Jong-uns jüngere Schwester in der Flughafenwartehalle äußerst nervös der Ankunft von Moon Jae-in entgegenfiebert.

"Die wichtigsten Ergebnisse des Gipfeltreffens werden wohl vorerst hinter verschlossenen Türen bleiben", sagt Victor Cha, der unter US-Präsident George W. Bush die Abteilung für Asienangelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat geleitet hat. Das beste Zeichen für ein erfolgreiches Treffen wäre, wenn die USA danach mit den Vorbereitungen zu einem weiteren Gipfel zwischen Trump und Kim begännen.

Schmaler diplomatischer Grat

In jedem Fall ist es ein weiter Weg, den Südkoreas Staatschef in seiner anderthalbjährigen Amtszeit zurückgelegt hat. Es war kein Zufall, dass Moon erstmals seine Nordkorea-Politik bei einer Rede im einst geteilten Berlin darlegte. Damals, im Sommer 2017, schien seine kühne Vision der Annäherung an das Kim-Regime angesichts der düsteren geopolitischen Lage und dem seit Jahrzehnten festgefahrenen Konflikt reichlich naiv. Viele der anwesenden Journalisten und Professoren im Publikum haben ihn belächelt.

Mittlerweile sind seine Pläne jedoch auf beeindruckende Weise aufgegangen. Mit diplomatischen Geschick hat er zwischen Washington, Pjöngjang und Peking vermittelt. Es war ein schmaler Grat, auf dem Moon dabei gegangen ist - einerseits die Allianz mit Washington nicht zu gefährden, andererseits einen eigenständigen und konsistenten Annäherungskurs gegenüber Pjöngjang zu fahren.

Die meisten Südkoreaner beobachten die Annäherung gegenüber Nordkorea mit einer Mischung aus Neugierde und Skepsis. Dass die geradezu utopischen Umfragewerte ihres Präsidenten - mehr als 70 Prozent - in den letzten Wochen eingebrochen sind, hat aber weniger mit der Nordkorea- als vielmehr mit der Wirtschaftspolitik des linksgerichteten Politikers zu tun. Moon Jae-in hat in seiner Amtszeit den Mindestlohn rasant erhöht und den öffentlichen Sektor ausgebaut. Das ging vielen zu weit.