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Moralische Wahlpflicht

Von Reinhard Göweil

Leitartikel
Chefredakteur Reinhard Göweil.

Europa. Groß, kompliziert, teuer, ein Moloch, niemand blickt durch, so viele Arbeitslose. Früher war alles besser. Das sind die Hauptargumente der Kritiker und Gegner der EU. Wozu also wählen gehen?

Europa. Kein Geldwechsel, keine Auto-Schlangen mehr an der Grenze, Studenten lernen auf Unis in anderen Ländern. Zehntausende Jobs in Österreich hängen am Erfolg des gemeinsamen Marktes. In der Ukraine-Krise sind sich alle einig, dass es nur eine europäische Antwort geben kann. Wer den Kontinent beruflich oder zwecks Urlaubs verlässt, entwickelt plötzlich eine Art europäische Identität.

Also doch wählen gehen? Ja, wählen gehen am kommenden Sonntag. Die einfachere Welt von früher ist untergegangen, sie kommt nicht zurück. Die Globalisierung ist nicht rückgängig zu machen, und auch der nostalgische Blick auf den Schilling verstellt nur die Aussicht auf die Zukunft.

In dieser Welt kann sich nur Europa behaupten, kein einzelnes europäisches Land könnte das - auch Deutschland nicht. Das wissen die Eliten, daher ist die EU ein Eliteprojekt.

Ja, aber auch dies ist kein Grund, nicht wählen zu gehen am 25. Mai. Eliten gab es zuvor auf nationaler Ebene auch. Und bei einer Wahl wird auch jede Elite zu bloßen Kandidaten, die um Stimmen buhlen.

Brüssel ist zu weit weg, auch dies ein gängiger Satz. Nun, Moskau ist noch weiter weg und trotzdem beunruhigend nahe. Die Institutionen der EU (damit auch das Europaparlament) sind in ihrer Abgrenzung schwammig, das macht es schwierig, den Durchblick zu behalten. Die österreichischen Institutionen sind es allerdings nicht weniger, hier wird es "Realverfassung" genannt und wir haben uns daran gewöhnt.

An die Größe Europas werden wir uns ebenso gewöhnen, die heute Jungen schneller als die Alten. Denn in dieser Größe liegt eine Sicherheit, die Nationalstaaten längst nicht mehr geben können. Wie in Österreich entscheidet auch in Europa jede Stimme, in welche Richtung es geht. Die Richtungslosigkeit der Europawahl 2009 und jener davor sind Beweis dafür. Sie führten zu einer europäischen Politik, die seltsam verschwommen blieb. Das hat sich 2014 gewandelt. Auch dies sollte Ansporn sein, am kommenden Sonntag zu wählen und Europa nicht wenigen zu überlassen.