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Morbus Qutb im Nahen Osten

Von Hussein Solomon und Arno Tausch

Gastkommentare

Die wahren Quellen der Krise in der Region liegen in der Entwicklung der Werte. Eine wichtige Rolle spielte dabei der islamistische Vordenker Sayyid Qutb.


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Der "World Values Survey" (eine weltweite Erhebung der Werte) gibt Auskunft darüber, wie die Gesellschaft in 72 Ländern der Welt, die etwa vier Fünftel der Weltbevölkerung repräsentieren, tickt. Angesichts der aktuellen Ereignisse ist dabei ein Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen im Nahen Osten interessant. Der "World Values Survey", der 1981 vom US-Soziologen Ronald Inglehart initiiert wurde, besteht aus national repräsentativen Umfragen unter Verwendung eines gemeinsamen Fragebogens, der in Ländern auf der ganzen Welt durchgeführt wird. Seine Daten sind weltweit völlig frei verfügbar. Was erklärt nun die Werteentwicklung in den Ländern des Nahen Ostens?

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek erklärte, die Hauptfunktion der Religion bestehe in der Weiterentwicklung der Eigentumsrechte und der Familienwerte. Andernfalls seien die Folgen sehr negativ. Empirischen Daten zeigen, dass gerade die Zersetzung dieser Werte in den Ländern des Nahen Ostens im Zuge der Modernisierung und Säkularisierung stark mit dem Aufstieg des Islamismus verbunden ist. Diese Hayek’sche Perspektive mag viele überraschen, sie entspricht aber den Fakten.

"Jahiliyyah" - die Ignoranzdes göttlichen Gesetzes

Die weltweite islamistische Ideologie von heute geht zweifelsohne auf die Schriften des ägyptischen Literaten Sayyid Qutb (1906 bis 1966) zurück, der die Bedingungen unseres Globus als "Jahiliyyah" definiert hat, also die Ignoranz des göttlichen Gesetzes. Dies bezieht sich somit auf Fragen, die der heutigen globalen Werteforschung gut bekannt sind: die Ablehnung traditioneller Werte in Bezug auf Familie und Gesellschaft in Verbindung mit der Marginalisierung der Religion. Wenn der unter dem ägyptischen Staatschef Gamal Abdel Nasser (1918 bis 1970) hingerichtete Qutb über die "heidnische" und "materialistische griechische Kultur" spricht, die nach seiner Auffassung den Westen zu beherrschen begonnen habe, und wenn er über die westliche Religion spricht, die in den Gefühlen der Herzen und Seelen der Menschen bloß im Sakralen und in der Kirche und im Beichtstuhl isoliert existiere, wenn er den Westen als "materialistisch und moralisch erschöpft" bezeichnet und dagegen vorschlägt, dass der Islam eine Staatsreligion sein und regieren müsse, öffnen sich seine Aussagen für die objektive Analyse globaler Meinungsdaten im Rahmen des "World Values Survey".

Was Qutb als westlichen weichen, perversen und kranken Lebensstil bezeichnete, der die Trennung des Glaubens vom praktischen Leben bedeute, wurde vom US-Politologen Ronald F. Inglehart (geboren 1934) spiegelbildlich genau beschrieben. Allen vorindustriellen Gesellschaften weist Inglehart eine relativ geringe Toleranz für Abtreibung, Scheidung und Homosexualität zu sowie eine Neigung, die männliche Dominanz im wirtschaftlichen und politischen Leben zu betonen. Die elterliche Autorität wird respektiert, das Familienleben ist von vorrangiger Bedeutung, und diese Gesellschaften sind relativ autoritär. Die meisten von ihnen legen großen Wert auf Religion. In westlichen Ländern scheinen veränderte Geschlechterrollen und sexuelle Normen nicht mehr bedrohlich zu sein, und es gilt das genaue Gegenteil der vorindustriellen Gesellschaft.

Distanz zur Religion, Verfall traditioneller Familienwerte

Für alle Islamisten, beginnend mit Qutb, ist "Jahiliyyah" genau diese Distanz zur Religion in Kombination mit dem Verfall traditioneller Familienwerte und wird von ihnen als korrupte, verzerrte Realität, als Materialismus, als Korruption und als kriminell bezeichnet, verbunden mit luxuriösem und verschwenderischen Leben, Spott, Abweichung, einer allgemeinen Verderbtheit der Menschheit, Hoffnungslosigkeit, Frustration und Verzweiflung, Unmoral und Untreue, angesichts derer die Religionen der Welt zu hilflos seien, um sie zu beenden.

Aber wie sehr sind die muslimischen Gesellschaften der Welt tatsächlich von dieser "Jahiliyyah" betroffen? Und ist der Westen, wie Qutb befürchtete, tatsächlich eine Maschine ohne Herz? Nun, empirische Daten zeigen, dass die von Hayek und anderen beschriebenen Phänomene des Verfalls der Eigentumsrechte, des Vertrauens und der Familienwerte im Nahen Osten oft viel schlechter sind, als in der Literatur, die bisher zu diesem Thema geschrieben wurde, angenommen wurde. Und hier stoßen wir auf die wahren Quellen der aktuellen Krise der Region.

Geringes Vertrauenin Polizei und Gerichte

Für 92.312 repräsentative Personen in 72 Ländern oder Gebieten, die rund 80,4 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, ist eine multivariate Faktoren-Analyse möglich. Die Analyse dazu klingt nun wie ein Aufsatz in einer medizinischen Fachzeitschrift: Wie stark sind die Patienten - also die Länder in Nahost - vom Morbus Qutb betroffen?

Die krassen sozialen Realitäten, die in der von Qutb verfassten klassischen islamistischen Literatur beschrieben werden, prägen immer noch die sozialen Realitäten im Nahen Osten. Unsere empirischen Analysen unterstreichen das geringe Vertrauen der globalen muslimischen Gemeinschaften in die Polizei und die Gerichte ihrer jeweiligen Länder und wie sehr Muslime in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft mit Gewaltdelikten konfrontiert sind.

Aus unseren 45 Variablen lassen sich zwölf Faktoren extrahieren, die fast 55 Prozent der Gesamtvarianz der ursprünglichen 45 Variablen erklären. Daraus wurde ein umfassender "Jahiliyyah"-Index erstellt. "Jahiliyyah" muss überall dort als überwunden gelten, wo folgende Phänomene auftreten:

Vertrauen in die großen Institutionen;

Nähe zur Religion;

Achtung der Eigentumsrechte;

Respekt vor traditionellen Familienwerten;

Teilnahme an einer aktiven Gesellschaft;

keine Fremdenfeindlichkeit;

Gleichstellung der Geschlechter;

Risikobereitschaft unter den Jugendlichen;

Optimismus;

Unterstützung für die Demokratie;

keine Armut, gute Gesundheit und Glücksgefühl;

Arbeitsethik wird akzeptiert.

Die Daten für den Nahen Osten sind in diesem Zusammenhang nicht ermutigend, und es scheint, dass der Morbus Qutb durch die kombinierten Auswirkungen von Säkularisierung und Verlust der Achtung von Eigentumsrechten und Familienwerten tief in die Region vorgedrungen ist.