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Mord ist keine Meinung

Von Christina Böck

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Es gibt Plattformen, mit denen möchte man sich gar nicht so unbedingt befassen. Telegram ist so eine. Das Soziale Netzwerk hat schon lang den Haut-Gout der faktenverweigernden Alternativwelt. Dort ziehen sich jene zurück, denen auf Facebook die Meinungsfreiheit zu sehr eingeschränkt ist. Weil sie dort gesperrt werden, wenn sie Fake News verbreiten oder anders auf "Community-Regeln" pfeifen. Dass unter "Meinungsfreiheit" auf Telegram auch häufig das Bedrohen mit Mord und anderer Gewalt fällt, zeigt nun eine Studie der Utrecht Data School. Ihre Forscher haben sich sehr viel mit Telegram befasst. 18 Monate klickten sie sich ausgehend von herkömmlichen Sozialen Medien über weiterführende Links durch, bis sie bei Telegram-Konten landeten, die eindeutig der Verschwörerfraktion angehören. Im holländischen Teil von Telegram kamen sie auf eine erkleckliche Zahl von 43 Prozent offen zugänglicher Chats, die von Echsenmenschen über Impflüge bis Chemtrails eine blühende Fantasie pflegen. Von diesen Accounts gingen in diesem Zeitraum 14.000 Drohungen aus. Der Studienautor geht von ähnlichen Verhältnissen in Österreich aus.

Was solche entmenschlichte digitale Gewalt anrichten kann, hat man beim Fall Kellermayr gesehen. Und sieht es in solchen Chats immer noch, wenn Menschen den Tod der Ärztin gutheißen oder sie ins Grab hinein verhöhnen. Telegram muss endlich, wie schon Facebook, mehr unter Druck gesetzt werden, gegen diese User vorzugehen.