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Mord und Totschlag zum Wohle des "Türkentums"

Von Susanne Güsten

Europaarchiv

Nobelpreisträger Pamuk im Visier. | Istanbul. (apa) Mit der Zerschlagung einer rechtsextremen Terrorgruppe ist die Türkei möglicherweise einer blutigen Destabilisierungskampagne entgangen. Eine Gruppe von Ex-Soldaten, Geschäftsleuten und Rechtsnationalisten soll drauf und dran gewesen sein, das Land durch eine Welle von Gewalttaten ins Chaos zu stürzen und so einen Militärputsch zu provozieren.


Die Gruppe "Ergenekon" sammelte Geld, Waffen und Informationen über ihre Gegner. Ein von den Rechtsnationalisten beauftragter Killer soll schon im Besitz einer Liste von Anschlagsopfern gewesen sein. Ganz oben auf der Liste stand Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Die Tatwaffe und der Lohn für den Mörder - umgerechnet mehr als eine Million Euro - standen auch schon bereit.

Was die "Ergenekon"-Mitglieder nicht wussten: Seit Monaten wurden ihre Bewegungen und Telefongespräche von der Polizei überwacht. Am frühen Dienstagmorgen schlugen die Behörden zu. Mehr als 30 Verdächtige wurden festgenommen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen die Bildung einer terroristischen Vereinigung vor.

Die türkische Presse feiert die Aktion als historischen Meilenstein. Zum ersten Mal seien die Behörden entschlossen gegen den "tiefen Staat" vorgegangen. Der "tiefe Staat" ist eine Art Ku Klux Klan innerhalb des türkischen Staatsapparates, der für sich in Anspruch nimmt, gegen Landesverräter zu kämpfen - und dabei über Leichen geht. Schon in den Neunziger-Jahren waren enge Verbindungen zwischen Sicherheitskräften und rechtsgerichteten Killern bekannt geworden. Einige der jetzt Festgenommenen waren Schlüsselfiguren in dem damaligen Skandal.

Faschistisch geprägte Ideologie

"Ergenekon" soll im Umfeld des Nato-Geheimbundes Gladio entstanden sein. Der Name "Ergenekon", die mythische Heimat der Türken in Zentralasien, weist auf die faschistisch geprägte Ideologie hin: Ziel war eine muslimische Türkei ohne Querdenker, Minderheiten oder Kritiker wie Pamuk, die das "Türkentum" bedrohen könnten. Pamuk lebt nicht zuletzt aus Furcht vor Anschlägen seit längerem in den USA. Neben der Ermordung angeblicher Staatsfeinde soll die Gruppe auch einen Umsturz in Ankara geplant haben.

Unter den Festgenommenen ist der Anwalt Kemal Kerincsiz, der Pamuk vor Gericht brachte. Ein pensionierter Soldat, der als Chef eines rechtsgerichteten Vereins mit einer pseudo-religiösen Waffenweihe Schlagzeilen machte, kam ebenfalls in Haft. Als einer der Anführer gilt der Ex-General Veli Kücük, dem unter anderem vorgeworfen wird, den türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink vor dessen Ermordung bedroht zu haben. Möglicherweise sei "Ergenekon" auch direkt in die Morde an Dink und an dem katholischen Priester Andrea Santoro verwickelt gewesen, berichten die Zeitungen.

Verbindungen zwischen "Ergenekon" und anderen Gewalttaten sind dagegen gesichert. Im vergangenen Jahr entdeckte die Polizei in einem Haus in Istanbul 27 Handgranaten aus Armeebeständen sowie Sprengstoff und Zünder. Auf dem Computer eines Verdächtigen wurde ein Manifest von "Ergenekon" gefunden. Die Handgranaten stammten aus derselben Serie wie jene, die ein Jahr zuvor bei einem Anschlag auf die Zeitung "Cumhuriyet" verwendet worden waren. Zu dem "Cumhuriyet"-Anschlag bekannte sich der Anwalt Alparslan Arslan - der Mann, der im Sommer 2006 einen Richter des Obersten Verwaltungsgerichts der Türkei erschoss.

Waffenfunde führten auf die Spur

Die Waffenfunde in Istanbul hätten die Behörden auf die Spur von "Ergenekon" gebracht, meldet die Presse. Die Ermittlungen waren geheim. Potenzielle Anschlagsopfer wie die Kurdenpolitikerin Leyla Zana oder der regierungsnahe Journalist Fehmi Koru seien ohne deren Wissen polizeilich geschützt worden.

Als die Anschlagspläne konkret wurden und der Auftragskiller Selim A. die mit dem Codenamen "Speiseplan" versehene Todesliste erhielt, entschloss sich die Polizeiführung zum Handeln. Weitere Enthüllungen sind zu erwarten. Der Kampf gegen den "tiefen Staat" werde "bis zu einem klaren Sieg" fortgesetzt, kündigte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan an.