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Mordanklage gegen US-Polizisten

Von WZ-Korrespondent Sebastian Moll

Politik

Video zeigt, wie weißer Beamter fliehendem Schwarzen in den Rücken schießt.


New York/North Charleston. Am Samstagvormittag, gegen 10 Uhr geht eine knappe, sachliche Meldung über den Polizeifunk von North Charleston. "Schüsse abgefeuert, Subjekt ist auf dem Boden. Er hat meinen Taser genommen", ist da die Stimme des Beamten Michael S. zu hören. Offensichtlich ist der Polizist darum bemüht, den Vorfall so trivial und routinemäßig wie möglich erscheinen zu lassen.

Das "Subjekt" ist der 50 Jahre alte Afroamerikaner Walter Scott. S. hat ihn in einem Park erschossen. Der Vorfall hat zunächst keine Konsequenzen. S. schreibt seinen Dienstbericht, erklärt er habe um sein Leben gefürchtet und macht dann Feierabend.

Was der Polizist offenbar nicht bemerkt hatte, war jedoch, dass ein Passant den Vorfall gefilmt hat. Das Amateurvideo, das am Dienstag den Behörden und verschiedenen Medienorganisation übergeben wurde, erzählt eine ganz andere Geschichte als die der Notwehr eines bedrängten Beamten. Es zeigt, wie S. einem unbewaffneten Mann, der vor ihm auf der Flucht ist, acht Mal in den Rücken schießt. Und es zeigt offenbar auch, wie der Polizist den Taser, die Elektroschockpistole, neben die Leiche legt. Medienberichten zufolge wurde Scott wegen eines defekten Rücklichts angehalten. Doch Scott floh aus dem Auto, offenbar aus Furcht, verhaftet zu werden.

Das Video verbreitet sich am Dienstagabend im Internet und in den Nachrichtensendungen wie ein Lauffeuer. Es zeigt Bilder, die Amerika nur allzu vertraut sind und deren das Land zugleich überdrüssig ist. Ein weißer Polizist tötet einen hilf- und wehrlosen Schwarzen. Erst im Herbst sind in dutzenden von Städten des Landes Hunderttausende auf die Straßen gegangen, um gegen diese Art der willkürlichen Polizeigewalt zu demonstrieren.

Immerhin hat die Südstaatenstadt North Charleston - ein Ort mit überwiegend schwarzer Bevölkerung und einer überwiegend weißen Polizeitruppe - vermieden, was im vergangenen Sommer in Missouri und in New York passiert ist. Anstatt untätig eine langwierige Untersuchung abzuwarten, ist Michael S. verhaftet und des Mordes angeklagt worden. "Wer eine schlechte Entscheidung trifft, muss für die Folgen seiner Handlung geradestehen", sagte Bürgermeister Keith Summey. "Da ist es gleichgültig, ob man eine Dienstmarke trägt oder ein normaler Bürger ist."

Die prompte Verhaftung und Anklage soll zweifellos dazu beitragen, die Gemüter zu kühlen. Summey will sich nicht derselben Lage ausgesetzt sehen wie sein Kollege in Ferguson, wo nach der Erschießung des Afroamerikaners Michael Brown durch einen weißen Polizisten im letzten August wochenlange Demonstrationen und heftige Ausschreitungen die Stadt und die gesamte Nation erschütterten.

Ein Schuldspruch ist allerdings trotz des Videobeweises alles andere als sicher. Das zeigt der Fall Eric Garner. Sein Tod wurde auf Video aufgezeichnet, das Geschehen schien eindeutig. Eine Gruppe von Polizisten rang den unbewaffneten Mann, der sich nicht wehrte, nieder und erstickte ihn. Dennoch fand ein Geschworenengericht, dass die Beweise nicht zu einer Anklage ausreichen.

Wie schon in Ferguson und im Fall Garner ist die öffentliche Reaktion einhellig. Auch die der Politik. Die konservative Gouverneurin von South Carolina, Nikki Haley, nannte die Tat "inakzeptabel". Bürgerrechtsgruppen planten jedenfalls Proteste in Charleston, riefen jedoch zu Besonnenheit und Mäßigung auf.