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Mörder, Held, Verräter: Das Ende einer Ikone

Von Siobhán Geets

Politik

Vom IRA-Kämpfer zum Architekten des nordirischen Friedensabkommens: Martin McGuinness starb im Alter von 66 Jahren.


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Belfast/Wien. Das Ende einer bemerkenswerten Karriere zeichnete sich schon vor einigen Wochen ab: Martin McGuinness, stellvertretender Regierungschef Nordirlands, trat im Jänner zurück - offiziell wegen eines Koalitionsstreits mit der pro-britischen Democratic Unionist Party (DUP). Doch seine schlechte gesundheitliche Verfassung war dem Sinn-Féin-Politiker bei seiner Rücktrittsrede deutlich anzusehen, wenig später verkündete er seinen gänzlichen Ausstieg aus der Politik. In der Nacht auf Dienstag erlag McGuinness einer seltenen Herzerkrankung.

In den vergangenen Jahrzehnten hat McGiunness eine bemerkenswerte Wandlung durchlaufen: Vom Fleischer-Lehrling aus Derry brachte er es zum ranghohen IRA-Soldaten, später suchte er dann den Kompromiss mit den Unionisten. Katholiken wurden in Nordirland seit jeher benachteiligt - bei der Vergabe von Arbeitsplätzen und Sozialwohnungen, aber auch im Wahlrecht. Ende der 1960er schlug die Polizei die aufkommenden Bürgerproteste mit Gewalt nieder. McGuinness war damals einer von vielen jungen Männern, die für die "Befreiung der Nation" zu den Waffen griffen. Von 1979 bis 1982 Stabschef der IRA, vollzog er in den 1990er Jahren eine Kehrtwendung. McGuinness wirkte maßgeblich am Karfreitagsabkommen von 1998 mit und überredete seine Leute dazu, die Waffen abzugeben. Seither teilen sich die unionistisch-protestantische DUP und die republikanisch-katholische Sinn Féin in Nordirland die Macht. In der neuen Regierung, erstmals unter Beteiligung der katholischen Iren, war er zunächst Bildungsminister, ab 2007 regierte er die Provinz gemeinsam mit "Katholikenfresser" und DUP-Gründer Ian Paisley, mit dem sich auch so etwas wie eine Freundschaft entwickelte.

Heute sehen viele McGuinness als Friedensstifter. Auch der frühere britische Premierminister Tony Blair, der an den Friedensverhandlungen beteiligt war, erklärte, ohne McGuinness wäre dies nicht möglich gewesen. Er würdigte die "Führungskraft, den Mut und die Beharrlichkeit" des Politikers. Premierministerin Theresa May sagte, sie werde zwar "niemals billigen", welchen Weg McGuinness in seinen frühen Jahren eingeschlagen habe. Letztlich habe er aber eine entscheidende Rolle dabei gespielt, die republikanische Bewegung "von der Gewalt wegzuführen". Andere, allen voran die Gegner des Karfreitagsabkommens aufseiten der Republikaner, betrachten McGuinness als Verräter, der seinen Leuten für einen Deal mit den verhassten Briten den Rücken gekehrt hat.

Jene, die in McGuinness nichts anderes sehen als eine Schlüsselfigur der IRA, werden ihm keine Träne nachweinen. So nannte der britische Ex-Handelsminister Norman Tebbit, dessen Frau durch eine IRA-Bombe auf dem Tory-Parteitag 1984 in Brighton gelähmt blieb, McGuinness am Dienstag "einen Feigling, der nie für seine Verbrechen gebüßt hat".

McGuinness’ Tod kommt zur Unzeit. Nordirland, dessen Bewohner mehrheitlich gegen den Brexit gestimmt hatten, sieht sich mit zahlreichen Unsicherheiten konfrontiert. Das Land hat keine Regierung, weil sich die beiden Großparteien nach den Neuwahlen vom 2. März nicht auf eine Koalition einigen können. Gelingt ihnen das nicht rasch, dann könnte die Provinz wieder unter die Direktverwaltung Londons fallen. Damit hätte Nordirland keine eigene Stimme in Sachen Brexit - die Region wäre bei der Vertretung ihrer Interessen allein auf die Republik Irland angewiesen.