Mörderische Freiheit

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Die Militäroperation "Iraqi Freedom" führte auch zum Bürgerkrieg zwischen Ethnien und Religionen.


"Wenigstens haben sie jetzt einmal den Müll weggeräumt", bemerkt Mohamed Falih Abu Utaf. "Jahrelang stank der zum Himmel." Der Agraringenieur steht an einem Seitenkanal des Schatt al-Arab inmitten der Südmetropole Basra und zeigt stolz auf die Pflanzungen, die seine Initiative "For a green Basra" veranlasst hat. 400 neue Bäume entlang des Kanals, 16 verschiedene Baumarten. Abu Utaf hat sich Freiwillige gesucht, von Universitäten und anderen Umweltgruppen. Er hat ihnen gezeigt, wie man mit Setzlingen umgeht, und hat auch Blumen um sie herum gruppieren lassen. Es habe einmal Palmenwälder rund um Basra gegeben, erzählt er traurig. Jetzt ist dort nur noch Wüste. Und die dehnt sich immer weiter aus.

Der Irak ist eines der fünf Länder, die am meisten vom Klimawandel betroffen sind, und die Region um Basra leidet besonders. Nicht nur, dass die Sümpfe austrocknen und die Temperaturen immer weiter steigen, auch die Kriege haben ihr mächtig zu schaffen gemacht. Die Folgen der Uranwaffen, die die Amerikaner vor allem im Südirak einsetzten, sind auch heute noch auf den Kinderstationen der Krankenhäuser zu sehen, wo nach wie vor missgebildete Babys zur Welt kommen. Krebsraten steigen unermesslich und sind teils direkt auf die panzerbrechende Uranmunition zurückzuführen, so Ärzte in Basra und Nasserija.

Verheerende Dreiteilung

Dabei sollte die Militäroperation, die unter dem Kommando der USA begann, "Iraqi Freedom", Freiheit für Irak, bringen. Eine "Allianz der Willigen" marschierte am 20. März 2003 über Kuwait in den Irak ein. Die Massenvernichtungswaffen, die der irakische Diktator Saddam Hussein angeblich besitzen sollte und die US-Präsident George W. Bush für sein Eingreifen als Grund nannte, sind bis heute nicht gefunden worden. Die Operation geriet zum Desaster: Widerstand gegen die Besatzer, Bürgerkrieg zwischen den unterschiedlichen Ethnien und Religionen, Terror von Al Kaida und später der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Erst heute, 20 Jahre später, beginnt das Land zwischen Euphrat und Tigris sich langsam davon zu erholen. Doch es gibt noch immer unzählige Hürden, die die Entwicklung behindern. Auch die, die dem Klimawandel etwas entgegensetzen will.

Der schlimmste Umweltverschmutzer sei die Ölindustrie, betont Abu Utaf. "Was bei der Ölförderung in den Boden und die Atmosphäre gerät, wird uns weitere Jahrzehnte belasten." In der Provinz Basra liegen die größten Ölvorkommen Iraks. Mehr als zwei Millionen Fass werden hier täglich gepumpt, fast 90 Prozent des Budgets stammen aus Ölverkäufen. Und trotzdem ist Basra arm geblieben.

Erst jetzt, nach den Massenprotesten 2018, als die vier Millionen Einwohner eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen einforderten, tut sich etwas. Straßen werden ausgebessert, Brücken und Wohnhäuser gebaut, Strom- und Wasserversorgung wird gestärkt. Fünf-Sterne-Hotels entstehen, schicke Restaurants, Cafés und Einkaufstempel. Die Fifa hat nach 20 Jahren diesen Jänner ein internationales Fußballturnier in Basra genehmigt. Seitdem fliegen die Träume hoch.

Als der jetzige US-Präsident Joe Biden 2006 Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im US-Kongress war, tobte der Terror im Irak. Irakische Aufständische verzahnten sich mit Al Kaida, täglich gab es Anschläge auf US-Truppen und alle, die mit diesen zu tun hatten. Ein Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten brach aus in Bagdad. Die Amerikaner suchten nach Lösungen, um das Abgleiten Iraks ins totale Chaos zu verhindern. Außer dem minutiös geplanten militärischen Einsatz gab es bis dahin keinen Plan für die politische Zukunft.

Biden schlug vor, das Land in drei Teile zu teilen: in den kurdischen Norden, eine Region für die Sunniten, eine für die Schiiten. Dazu ist es zwar nicht gekommen, aber die Dreiteilung greift bis heute, und die Aufteilung der Macht entlang ethnischer und religiöser Linien durch US-Administrator Paul Bremer hatte für die Menschen verheerende Folgen.

Niedergeknüppelte Proteste

"Unter Saddam waren wir alle Iraker, unter den Amerikanern wurden wir Sunniten, Schiiten und Kurden", sagt Mohammed Shirwani in Bagdad. "Nachbarn wurden Feinde." Mohammed ist 59 Jahre alt, Elektroingenieur, Kurde, in Leipzig geboren und in Bagdad aufgewachsen. Anders als im Süden Iraks, wo mehrheitlich Schiiten leben, zeigt sich in Bagdad der Vielvölkerstaat in seiner ganzen Vielfalt. Neben schiitischen und sunnitischen Arabern und Kurden, wohnen hier Turkmenen, Christen, Jesiden, Mandäer und Kaka’i.

Das, was den Irak so einzigartig macht, wurde plötzlich zum Verhängnis. Eine große Umzugswelle schwappte über Bagdad. Sunniten zogen aus ihren Häusern aus Angst, von ihren schiitischen Nachbarn umgebracht zu werden. Kurden ebenso. Gemischte Familien brachen auseinander oder flohen in den Nordirak, nach Kurdistan. Diese Segregation löst sich zwar gerade wieder auf, hat aber bis heute weitgehend Bestand. Der von den Amerikanern eingeführte Proporz hält sich hartnäckig. Nur einmal geriet er ins Wanken, als die Protestwelle von Basra nach Bagdad schwappte. Während die Forderungen der Demonstranten im Süden mehr Strom und Jobs waren, wurden sie in Bagdad politisch. Der Tahrir Platz geriet zum Dorf der Erneuerung. Zwei Jahre lang - 2019 und 2020 - wurden die dort aufgebauten Zelte zur Heimat für junge Irakerinnen und Iraker, die sich um ihre Zukunft Sorgen machten. Endlich wollten sie eine gerechte Teilhabe am politischen Prozess, ein demokratisches System mit einer Regierung, die durch Mehrheiten bei Wahlen entsteht und nicht durch Klientelpolitik. Es roch nach Revolution.

Doch dann kam der Rückschlag. Die Protestbewegung wurde mit allen Mitteln bekämpft, mehr als 600 Demonstranten wurden ermordet, viele andere gekidnappt und bedroht. Der Protest verstummte.

Mitverantwortlich für die brutale Niederschlagung der Proteste im Irak sei der Iran, ist von Basra bis Bagdad zu hören. Die dem Nachbarland verbundenen Milizen haben gut ausgebildete Scharfschützen und den Auftrag, den Einfluss Irans im Irak aufrecht zu erhalten. Und dieser Einfluss ist enorm. Teheran sitzt in Bagdad mit am Kabinettstisch, bestimmt die Regierung. Ohne die Zustimmung Irans kommt kein Präsident ins Amt, wird kein Premier vereidigt. Während der Einfluss des Nachbarlandes unter Saddam Hussein verschwindend gering war, ist er seit der amerikanischen Besatzung immens. Besonders nach dem Abzug der US-Truppen 2011 füllte der Iran blitzschnell das entstandene Vakuum auf allen Ebenen. Die USA haben die Tür geöffnet, die Iraner sind hindurchgegangen. Sie wieder loszuwerden, ist eine ungeheure Herausforderung.

Leuchtturm mit Rissen

Erbil, die Kurdenmetropole im Nordirak, ist nicht wiederzuerkennen. Zehn Jahre lang herrschte hier ein beispielloser Bauboom. Unzählige neue Stadtviertel wuchsen wie Pilze aus dem Boden, Hochhäuser schossen in den Himmel. Während der Terror im Rest des Landes wütete, waren die kurdischen Autonomiegebiete ein sicherer Hafen. Internationale Organisationen siedelten sich hier an, Geschäftsleute aus Bagdad und Basra eröffneten Büros. Die Kurden verzeichneten die höchsten Direktinvestitionen der Region.

Jedoch: "Die Entwicklung in die Moderne ging zu schnell", meint Nihad Qoja, der damals Oberbürgermeister der Stadt Erbil war und mehr als 20 Jahre in Bonn gelebt hat. Die Köpfe der Menschen hätten den Sprung nicht verkraftet. 2013 dann platzte die Immobilienblase, und die Baukräne standen still. Ein Jahr später wütete der IS. Zwar blieben die vier Kurdenprovinzen von den brutalen Dschihadisten verschont, aber tausende Flüchtlinge strömten hinein und suchten Zuflucht. Eine enorme Belastung für die sich im Umbruch befindliche Region.

Nachdem der IS vertrieben war und die Flüchtlingslager nach und nach aufgelöst wurden, glaubte Kurdenpräsident Masoud Barzani, dass es an der Zeit sei, einen eigenen Staat auszurufen. Ohne Absprache mit den Nachbarländern ließ er 2017 ein Referendum abhalten, in dem gut sechs Millionen Kurden abstimmen konnten, ob sie für oder gegen einen eigenständigen Staat seien. Mehr als 90 Prozent sprachen sich dafür aus.

Doch Barzani hatte die Rechnung ohne den Iran, die Türkei, Syrien und die Zentralregierung in Bagdad gemacht, die vehement protestierten. Auch die Amerikaner, stramme Verbündete der Kurden, hielten den Schritt Barzanis zu jenem Zeitpunkt für unrealistisch und gefährlich. Mittlerweile ist Masoud Barzani zurückgetreten, die wirtschaftliche Krise hat sich verschärft und ein Streit mit Bagdad blockiert derzeit jede weitere Entwicklung. Der einstige Leuchtturm Iraks ist dabei, sein Licht zu verlieren.