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Moschee versus Militär

Von Petra Ramsauer

Gastkommentare
Petra Ramsauer ist freie Journalistin, Politikwissenschafterin mit Schwerpunkt "Politischer Islam" und Autorin des Buches "Mit Allah an die Macht".

Wie der seit Jahrzehnten andauernde Konflikt zwischen zwei verschworenen Männerbünden Ägypten sukzessive zerstört.


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Neu ist der Konflikt nicht. Und mit dem Arabischen Frühling und dem Aufbegehren von frustrierten Jugendlichen hat dies nur noch am Rande zu tun. Der derzeitige Machtkampf in Ägypten dauert in Wahrheit bereits 70 Jahre. Im Dauerclinch liegen zwei Staaten im Staat: die Muslimbruderschaft und das Militär, deren beider Macht weniger auf Wahlen oder Waffen, sondern auf florierenden Industriekomplexen beruht.

Mit der Absetzung von Präsident Mohamed Mursi durch Armeechef Abdel Fatah al-Sisi, der Niederschlagung der Proteste, der Verhaftung von hunderten führenden Islamisten-Kadern ist nun das nächste von vielen Kapiteln erreicht. Die Härte, mit der dieser Konflikt derzeit ausgetragen wird, erinnert frappierend an die erste Eskalation. Damals, 1954, ein Jahr nach dem Putsch der "Freien Offiziere", verübten die Muslimbrüder einen Mordanschlag auf den neuen starken Mann Ägyptens, Gamal Abdel Nasser. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Militär und Muslimbrüder quasi Verbündete in der damaligen Revolution. Ab diesem Moment entluden sich aber die Spannungen.

Tausende Muslimbrüder wurden damals verhaftet, hunderte zum Tode verurteilt. Bis in die 1960er Jahre dauerte diese Repressionswelle. Verhaftet und für ein Jahrzehnt zu Kerker verurteilt wurde damals auch Mahmoud Ezzat. Heute ist er Professor für Medizin und seit wenigen Tagen neuer spiritueller Führer der Muslimbruderschaft. Als "der Eiserne" wird der 70-Jährige tituliert.

Im Gefängnis lernte Ezzat noch Sayyid Outb, den ab 1954 inhaftierten Führer der Bruderschaft, kennen. Outb schrieb vor der Vollstreckung seines Todesurteils ein radiales Pamphlet, das später zur ideologischen Basis militanter Extremisten wurde. In Lauf der 1970er Jahre spalteten diese sich von der Bruderschaft ab; darunter der "Islamische Dschihad", eine der Gruppen, die später die Al-Kaida formierten.

Die Muslimbruderschaft ging einen anderen Weg: Mit friedlichen Mitteln suchten ihre Führer langsam den Weg in die Institutionen. Nun wird sie allerdings von der Militärführung als "Terrorgruppe" gebrandmarkt, vor der man das Land retten musste.

Eine brisante, möglicherweise selbsterfüllende Prophezeiung.

In erster Linie hat das Militär aber versucht, seine eigene Pfründe zu retten. Bis zu 40 Prozent der ägyptischen Wirtschaft kontrolliert die Armee. Und diesen Industriekomplex hatten die Muslimbrüder während ihres Jahres an der Macht besonders im Visier. Kheirat al-Shater, der eigentliche starke Mann der Muslimbruderschaft, versuchte die Wirtschaft in ein islamistisch geprägtes System zu zwängen. Der Millionär zählt zur Clique der "Ein-Prozent", deren großzügigen Beiträge die Bruderschaft zu einer potenten Sozialorganisation machten und deren Wirtschaftsimperium in Konkurrenz mit jenem der Armee stand.

Angesichts der massiven wirtschaftlichen Probleme war und ist es somit ein zynischer Machtkampf, der ohne Rücksicht auf Verluste der Ärmsten tobt. Eine Revolution in Ägypten wird deshalb nur unter einer Bedingung erfolgreich sein: wenn sie ohne die beiden Machtblöcke des Landes, ohne Moschee und Militär, auskommt.