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Moskau wählte anders

Von Marielle Eudes Moskau

Politik

· Moskau ist anders als der Rest Russlands · größer, reicher und moderner. Was jeder Russland-Tourist auf den ersten Blick erkennt, findet an Wahltagen seinen Niederschlag im Ergebnis · | Moskau wählt auch anders. Das haben die Bürger der 9-Millionen-Metropole bei den Parlamentswahlen am Sonntag erneut unter Beweis gestellt.


Während im ganzen Land die Kommunisten und die Kreml-nahe Mitte-Rechts-Koalition Jedinstwo (Einheit) deutlich in Führung lagen, erzielten in der Hauptstadt die Mitte-Links-Partei

"Vaterland · Ganz Russland" (OWR) und die liberale oppositionelle Reformpartei Jabloko überdurchschnittliche Gewinne.

Mehr als 40 Prozent der Moskauer Wähler gaben der OWR von Ex-Ministerpräsident Jewgeni Primakow und dem langjährigen Bürgermeister der Hauptstadt, Juri Luschkow, ihre Stimme. Im landesweiten

Durchschnitt entfielen nur 12 Prozent der Stimmen auf "Vaterland · Ganz Russland". Die regierungsnahe Einheit musste sich in Moskau mit rund 8 Prozent begnügen, während sie russlandweit auf

25 Prozent kam.

Das Wahlverhalten der Hauptstädter ist nicht zuletzt auf die wirtschaftliche Sonderstellung Moskaus zurückzuführen. Schon zu Sowjetzeiten betrug das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Moskau das

Fünffache des nationalen Wertes. 1997 lag es sogar beim 20fachen, wie das französische Zentrum für Außenhandel ermittelte.

Doch auch die Moskauer blieben nicht von der tiefgreifenden Wirtschaftskrise der letzten Jahre verschont. Verdiente ein Moskauer 1997 im Schnitt noch umgerechnet 595 Euro/8.187 Schilling ·

3,8 Mal so viel wie in anderen Landesteilen ·, sank das Durchschnittseinkommen in diesem Jahr auf den Gegenwert von 278 Euro/3.821 Schilling. Dennoch geht es den Menschen in der Hauptstadt

vergleichsweise immer noch gut, die Kluft zum Rest des Landes hat sich sogar noch vergrößert: 278 Euro entsprechen dem 4,2-fachen dessen, was ein Einwohner der Russischen Föderation durchschnittlich

verdient. Und im Gegensatz zu anderen Landesteilen wird den Hauptstädtern ihr Verdienst auch tatsächlich ausbezahlt; anderswo warten die Menschen monatelang auf ihren Lohn.

Das Geld, das die Moskauer verdienen, geben sie auch gerne wieder aus. Obwohl sie nur sechs Prozent der Gesamtbevölkerung stellen, entfallen 33 Prozent der Konsumausgaben auf die Hauptstadt, genauso

wie 90 Prozent der Spareinlagen. Jeden Monat sprießen neue Gebäude in Moskau aus dem Boden, andere werden renoviert. Moskau ist das Schaufenster Russlands für den Rest der Welt; fast alle

ausländischen Investoren konzentrieren sich auf die Hauptstadt.

Doch der relative Wohlstand allein kann das abweichende Wahlverhalten der Moskauer nicht erklären. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt Bürgermeister Luschkow. Er regiert die Stadt bereits seit

sieben Jahren, am Sonntag wurde er mit deutlicher Mehrheit im Amt bestätigt. Er steht für Fortschritt und Moderne in der Hauptstadt. Diese Popularität scheint auch Luschkows Partei "Vaterland · Ganz

Russland" bei der Dumawahl zu Gute gekommen zu sein. Für eine 50-jährige Ärztin ist die Erklärung für Luschkows Wahlerfolg deshalb auch ganz einfach: "Er ist der einzige, der etwas für Russland getan

hat."