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Moskau: Wütende Dementis nach Kaukasus-Gräuel im TV

Von Günther Chalupa

Politik

Moskau · Eine Fernsehreportage aus dem Kaukasus hat Moskaus bisher sorgfältig in den Medien gepflegtes Bild der humanen Kriegsführung in Tschetschenien kräftig ins Wanken gebracht. Der | Nachrichtensender N24 der deutschen Pro7-Gruppe strahlte am Donnerstag Bilder von Massengräbern tschetschenischer Rebellen aus, ebenso wie die Mutmaßung, dass viele dieser Rebellen von russischen | Greiftrupps gefoltert und hingerichtet worden seien.


Die Bilder der teilweise verstümmelten Leichen fanden schließlich auch zum ersten Mal den Weg in russische Wohnstuben, in denen die Bevölkerung bis dahin nur "saubere" Bilder von den Fronten und

Siegesmeldungen gewohnt waren.

Durch Russlands bis dahin heile Welt ging ein kollektiver Aufschrei. Und obwohl die postsowjetische Zeit sich schon lange gefestigt hatte, waren plötzlich wieder die "bösen ausländischen Medien" für

"Verzerrung der Wahrheit" und "Lügenbilder" schuld. Die russische Wahrheit schien plötzlich bedroht.

Wer von sich meinte, Rang und Namen zu haben, schloss sich umgehend der Schelte an dem deutschen Korrespondenten und dessen Sender an, die es gewagt hatten, der siegreichen russischen Armee

Verletzungen der Menschenrechte und Gräueltaten ans olivgrüne Zeug zu flicken. Schließlich waren westliche Korrespondenten im Kaukasus über Monate hinweg von den Fronten fern gehalten worden und

durften nur in organisierten "Reisegruppen" das sehen, was ihnen die russischen Militärs zeigen wollten.

Nach dem Abklingen der ersten Welle der Empörung bestätigte schließlich der für Tschetschenien zuständige Kreml-Sprecher Sergej Jastrschembski, dass die Bilder · aber nur die Bilder · echt seien. Wie

auch Jastrschembski meinten denn auch andere Vertreter diverser Ministerien, dass hier lediglich Bilder mit unwahren Behauptungen im Kommentar ausgestrahlt worden seien.

"Unsere Soldaten richten niemanden hin", hieß es aus dem Verteidigungsministerium. Und der Sprecher des Inlandsgeheimdienstes FSB, Alexander Sdanowitsch, sagte an die Adresse der "ausländischen

Provokateure": "Hinrichtungen gibt es nicht, denn im Krieg wird ein Gegner nur vernichtet", sagte er.

Die Zeitung "Iswestija", die Pro7 offen der Lüge bezichtigte, erklärte die umstrittene Videoaufnahme zum Produkt eines ihrer Mitarbeiter, der das Band an den Pro7-Korrespondenten "weiter

gegeben" habe. Die Summe, für die das Band den Besitzer gewechselt haben könnte, nannte der Journalist Oleg Blozki in seiner Erklärung zu der "Fälschung und Lüge" seines deutschen Kollegen jedoch

nicht.

Wie die "Iswestija" sahen auch viele russische Politiker in der Ausstrahlung des Beitrags ein Komplott. Nicht zufällig schien für sie der Sendetermin zu einer Zeit, als Moskau bereits mehrmals

einen Tschetschenien-Besuch der UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte, Mary Robinson, wegen angeblicher Voreingenommenheit abgelehnt hatte und der Menschenrechtskommissar des Europarates, Alvaro Gil-

Robles, gerade in Moskau eintraf. Gil-Robles erhielt dafür allerdings anstandslos die Genehmigung zu einer Reise in das Krisengebiet im Kaukaus · allerdings nur in Begleitung.

Letzten Endes gerieten in Moskau auch die russischen Fernsehsender in das Kreuzfeuer der Kritik, da sie sich erdreistet hatten, einen derartigen Beitrag in das eigene Programm zu übernehmen. Allen

voran warfen die Duma-Abgeordneten Oleg Mironow und Alexander Gurow dem heimischen Sender NTW Nestbeschmutzung vor.

Druck auf Russland erhöht

Nach der Ausstrahlung des Films des deutschen Fernsehsenders erhöhte sich der Druck auf Russland. US-Präsident Bill Clinton, der deutsche Außenminister Joschka Fischer und sein britischer Kollege

Robin Cook forderten Aufklärung. Russland solle unabhängige Menschenrechtsbeobachter nach Tschetschenien lassen. Der tschechische Staatspräsident Vaclav Havel rief zu einer "festen und lauten"

Reaktion gegen die russische Kriegführung in Tschetschenien auf.