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Mostviertler Rätselrallye

Von Simon Rosner

Politik

In Niederösterreich gibt es extreme Unterschiede bei der Impfquote. Wie kann das sein?


Wer die Wirksamkeit der Covid-Impfung veranschaulichen will, muss nur zwei Landkarten Niederösterreichs heranziehen: eine für die Impfquoten, die andere für die Inzidenzen. Die beiden Grafiken mit den 24 Bezirken sehen beinahe aus wie invertiert. Im Weinviertel ist die Impfquote hoch und die Inzidenz niedrig, im Mostviertel ist es genau umgekehrt. Auch wenn die Zahl der (meistens milden) Impfdurchbrüche steigt: Die Impfung wirkt, nach wie vor.

Bemerkenswert ist der Unterschied bei den Impfraten dieser Regionen. Sie liegen um mehr als zehn Prozentpunkte auseinander, an den Rändern sogar noch weiter. Im Bezirk Mistelbach haben sich 74 Prozent zweimal impfen lassen, im Bezirk Scheibbs nur 58 Prozent. Die Folge davon: In weiten Teilen des Mostviertels schießen die Fallzahlen durch die Decke, Ausreisekontrollen wurden in Amstetten, Scheibbs, Melk und Lilienfeld verfügt.

Da stellt sich natürlich eine Frage: Wie kann das sein? Gleich vorweg, der Rundruf bei Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, beim Bezirkshauptmann in Scheibbs, der Landesregierung, bei Betrieben, der Wirtschaftskammer und der Industriellenvereinigung ergab: nichts. Und im Büro des Impfkoordinators von Niederösterreich antwortet man geradezu flehentlich: "Bitte fragen’s mich das nicht." Sie alle haben sich bereits mit dem Warum beschäftigt, es bleibt ein Rätsel.

Eine Stadt-Land-Thematik kann es kaum sein, denn das Weinviertel ist mindestens so ländlich wie das Mostviertel. Spielt die Parteipolitik eine Rolle? Das Austrian Corona Panel der Uni Wien hatte eine, wenn auch leichte, Korrelation zwischen Wahlverhalten und Impfbereitschaft in Gemeinden festgestellt. Die FPÖ tritt als eine der wenigen relevanten Parteien Europas gegen das Impfen auf, und tatsächlich findet sich in FPÖ-starken Gemeinden eine tendenziell niedrigere Impfbereitschaft. Im konkreten Fall kommt man damit nicht weiter. Das Wahlverhalten zwischen Most- und Weinviertel ist in der Hinsicht nicht anders.

Alter spielt eine Rolle

Die Kommunalpolitiker in der Region verweisen auch nur auf die Bundespolitik. In den Bezirken selbst sei das kaum derart thematisiert worden. "Höchstens durch Abwesenheit beim Einsatz in den Teststationen", sagt ein Bürgermeister. Wie so oft, geht es auch beim Impfen in der Gemeindepolitik weniger kontrovers zu.

Eine Korrelation fällt auf: Im industriell geprägten Oberösterreich ist die Impfquote ebenfalls niedrig, und auch das Mostviertel hat zahlreiche mittlere bis große Industriebetriebe. Die gibt es im Weinviertel kaum, die Struktur mit Gewerbe, Handwerk und Landwirtschaft erinnert eher an das Burgenland, in dem die Impfquote auch sehr hoch ist.

Dabei haben gerade Industriebetriebe ein besonderes Interesse an einer hohen Impfrate, um sich Infektionen und Quarantänen zu ersparen. Steht deshalb ein Werk für einige Tage, können gleich Millionen weg sein. Das wird auch von Betrieben der Region bestätigt. Korrelation ist eben nicht gleich Kausalität. Die Konzerne wissen allerdings selbst nicht, wie hoch der Anteil der Geimpften in der Belegschaft ist, der Impfstatus dürfe nicht erhoben werden, heißt es aus einem Betrieb. Die Infektionen seien aber stets unter dem Durchschnittswert für die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter gelegen. Ob Vorsicht, Betriebstests oder doch Impfwilligkeit dazu beitrugen? Man weiß es nicht.

Ein Aspekt, der bei den Analysen des Corona Panels auch gefunden wurde, war das Alter. Die Korrelation ist stärker ausgeprägt als bei der Parteiaffinität. Je jünger die Bevölkerung, desto niedriger die Impfquote. Und tatsächlich sind die Bezirke Scheibbs und Amstetten jene mit dem höchsten Kinderanteil in der Bevölkerung in Niederösterreich. Zudem sind in Amstetten nur 18,3 Prozent über 65 Jahre, in Hollabrunn sind es 22,4 Prozent, in Horn im Waldviertel mehr als 24 Prozent. Das spielt also eine Rolle, als einzige Erklärung für die Kluft innerhalb Niederösterreichs taugt es aber nicht. Es bleibt zu einem Teil rätselhaft.

Immerhin hat die Impfbereitschaft etwas angezogen. Die Impfstraßen sind zwar längst geschlossen, aber sechs Impfbusse fahren durchs Land, sie machen nun verstärkt im Mostviertel halt und es kamen nun mehr als bei den Terminen im September. Ob aus Überzeugung oder wegen den Ausreisekontrollen, ist unklar. Letztere haben aber ihre Mühseligkeit verloren. Da vier Bezirke des Mostviertels als Hochrisikogebiete gelten, wird nur mehr an den Außengrenzen kontrolliert. Zwischen den Bezirken kann man sich wieder frei bewegen. "Das Virus halt auch", sagt Franz Aigner, Bürgermeister von Scheibbs.