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Motto: Trendsetten statt trendhoppen beim Klima

Von Doris Griesser

Wissen

Sieben Jahre und eine überdurchschnittliche Portion Zähigkeit hat es gebraucht, bis aus der Idee des Grazer Klimaforschers Gottfried Kirchengast Wirklichkeit wurde. Vergangene Woche war es dann endlich so weit: Die österreichweit erste und einzige Institution, die konkret zur Erforschung des Klimawandels und der daraus entstehenden Folgen für Umwelt und Gesellschaft gegründet wurde, konnte mit Unterstützung der Stadt Graz als jüngste Einrichtung der Karl-Franzens-Universität in der steirischen Hauptstadt eröffnet werden.


Das "Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel" mit Sitz in einer herrschaftlichen Villa in Uni-Nähe bietet zur Zeit 30 Wissenschaftern aus Bereichen wie Geo- und Klimaphysik, Meteorologie, Volkswirtschaftslehre, Geografie und Regionalentwicklung die Möglichkeit, gemeinsam an einem der brisantesten Forschungsthemen der Gegenwart zu arbeiten und bereits vorhandenes Know-how in verschiedenen Wissenschaftszweigen unter einem Dach zusammen zu führen.

Zwei große thematische Schwerpunkte umreißen die Bandbreite der geplanten Aktivitäten: So konzentriert sich die erste Programmschiene auf die naturwissenschaftlichen Aspekte des Klima- und Umweltwandels, seine Beobachtung, Analyse und Vorhersage sowie seine Auswirkungen auf Luft, Wasser, Boden, Pflanzen etc. Im zweiten Schwerpunkt befassen sich die Forscher mit den sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Aspekten des Klima- und Umweltwandels, wobei Österreich - betrachtet im globalen Kontext - im Zentrum des Interesses steht. Hier ist der Grazer Volkswirt Karl Steininger führender Partner.

Wie fruchtbar die räumliche Zusammenführung der Forschungspartner aus Natur- und Sozialwissenschaften ist, zeigt sich bereits jetzt in der beachtlichen Anzahl der gemeinsam erarbeiteten Projektanträge. "Eines unserer eingereichten Projekte beschäftigt sich etwa mit dem Thema Raumnutzung unter dem globalen Wandel'", berichtet Kirchengast. "Bei dieser Fragestellung ist es notwendig, dass Leute aus den verschiedensten Bereichen unmittelbar zusammenarbeiten - hier wird der strapazierte Begriff Synergie' wirklich Realität."

Fächerübergreifende Kooperationen prägen aber nicht nur das Innenleben des Wegener Zentrums, sondern auch sein Verhältnis zur wissenschaftlichen Außenwelt sowohl in Österreich als auch international: "Wir haben sehr gute weltweite Kontakte zu einer Reihe von Centers of Excellence im Bereich Klima und Globaler Wandel - unter anderem zum Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg oder zu Instituten der Harvard University und der University of Berkeley." Konkret erfolgt die Vernetzung etwa durch den Austausch von Gastwissenschaftern oder durch ein international besetztes "Scientific Advisory Board".

Öffentlichkeit informieren

Das Wegener Zentrum will sich aber nicht nur als hochkarätige Forschungseinrichtung international etablieren, sondern auch als Info-Schnittstelle zur Öffentlichkeit: "Gerade beim Thema Klimawandel besteht hier ein großer Bedarf an Information", ist Kirchengast überzeugt. "Die Menschen - ich spreche hier vor allem von Vertretern der Politik, der Wirtschaft und der Medien - brauchen dringend einen seriösen Ansprechpartner, der auf fundiertes Wissen zurückgreifen kann und auch in entsprechende internationale Netzwerke eingebunden ist." In der Öffentlichkeit entstehe oft das Bild, dass die Forscher im Klimabereich in zentralen Fragen völlig uneinig wären - "das ist beim jetzigen Wissensstand aber überhaupt nicht der Fall. Nur leider wird das von Seiten der Forschung nach wie vor nicht gut kommuniziert. Hier ist ein gezielter Informations-Transfer nötig, den wir als eine zentrale Ansprechstelle in Österreich leisten wollen."

Nicht weniger ehrgeizig sind die Pläne des renommierten Geophysikers in Hinblick auf die wissenschaftliche Forschung des Wegener Zentrums: "Das ist unser Kerngeschäft", so Kirchengast, "in dem wir uns international natürlich entsprechend positionieren wollen".

Das Motto dazu: "Lieber trendsetten als trendhoppen" - eine Grundhaltung, die Kirchengast auch am Namensgeber des neuen Zentrums schätzt. Hat doch Alfred Wegener nicht nur sieben Jahre lang als Gründungsinhaber jenen Geophysik-Lehrstuhl der Universität Graz besetzt, den Kirchengast seit 2003 inne hat, sondern auch noch die revolutionäre Theorie der Kontinentalverschiebung entwickelt, sich intensiv mit Klimafragen beschäftigt und zwei große Grönlandexpeditionen unternommen (von denen er die zweite nicht überlebte). "Wegener", so Kirchengast, "war ein interdisziplinär denkender Vorreiter - originell und sehr eigenständig." Ein Vorbild also, das vom gleichnamigen Zentrum einiges an Aktivitäten jenseits eingefahrener (wissenschaftlicher) Bahnen erwarten lässt.