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"Mr. 10 Percent" nun "Mr. President"

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Auf den neuen Präsidenten warten viele Aufgaben. | Prekäre Sicherheitslage im Land. | Lahore. Sein Bild prangt auf beinahe jeder Zeitungsseite: Milde lächelt Asif Ali Zardari in staatsmännischer Pose seinen Landsleuten zu. Im Hintergrund der vielen Gratulationsanzeigen für den neuen Präsidenten Pakistans winkt umgeben von Feuerwerk seine tote Frau, Benazir Bhutto.


Mit solchen Jubelbildern hat Asif Ali Zardari auch optisch den verhassten Ex-General Pervez Musharraf ersetzt.

Der Witwer der bei einem Anschlag getöteten Oppositionspolitikerin wurde am Samstag mit großer Mehrheit zum neuen Präsidenten von Pakistan gewählt. Fast 70 Prozent der wahlberechtigten Volksvertreter stimmten für ihn, der bis vor gut acht Monaten völlig im Schatten seiner Frau stand. Damit ist der 53-Jährige neben Armeechef Asfaq Kayani der mächtigste Mann im Atomwaffenstaat.

Für die nächsten fünf Jahre erhält der politische Überraschungskandidat enorme Macht: Er darf das Parlament auflösen und die Regierung entlassen. Zudem setzt er als Präsident den Armeechef, den Vorsitzenden der Wahlkommission und die Provinzgouverneure ein. Dazu kommt, dass Zardari de facto auch Premierminister des Landes ist.

Yusuf Gillani, ein früherer Parlamentssprecher und jetziger Premier, verfügt über kein eigenes Profil. Diese enorme Machtkonzentration in den Händen Zardaris könnte zunächst einmal für mehr Stabilität in der vom Terror heimgesuchten islamischen Republik sorgen.

Auf den neuen Präsidenten warten große Herausforderungen. Die Sicherheitslage im Land verschlechtert sich zusehends. Taliban und Al-Kaida gewinnen im Grenzgebiet zu Afghanistan immer mehr die Oberhand. Die Befriedung der Region gilt als Schlüssel im Anti-Terror-Kampf und zur Stabilisierung Afghanistans.

Beziehungen zwischen den Nachbarn Pakistan und Afghanistan sind auf einem Tiefpunkt. Zardari soll allerdings politisch von Zalmay Khalilzad, dem amerikanischen UN-Gesandten, beraten werden. Dem Spitzendiplomaten afghanischer Herkunft wird nachgesagt, er wolle auf diese Weise in der afghanischen Politik mitmischen und Präsident Hamid Karzai beerben.

Khalilzad bestreitet das. Er und Zardari sind jedoch seit Jahren privat befreundet. Doch es gibt genug andere Zeichen, dass Washington auf Zardari setzt und ihn nach Kräften unterstützt.

Nicht von ungefähr hat die USA einen Tag nach der Wahl 500 Millionen US-Dollar Wirtschaftshilfe bewilligt, auch der Internationale Währungsfonds arbeitet an einem Notplan für Pakistan. In der Endzeit von Musharraf war man deutlich weniger generös. Neues Geld, bessere Beziehungen zu Afghanistan und eine härtere Gangart gegenüber den Terroristen, wie Zardari sie angekündigt hat, könnten Pakistan eine Verschnaufpause geben.

Doch Zardari ist eine umstrittene Figur. Seine Vergangenheit ist dunkel: Zahlreiche Korruptionsanklagen sind gegen ihn gelaufen. Insgesamt elf Jahre hat er im Gefängnis verbracht. Ihm wurde unter anderen zur Last gelegt, den Bruder seiner Frau umgebracht zu haben.

In den beiden Amtszeiten von Bhutto als Premierministerin von Pakistan erhielt er den Spitznamen "Mister 10 Prozent", weil er angeblich Regierungsaufträge und Gefälligkeiten gegen Schmiergeld vermittelte.

Zardari hat stets behauptet, die Vorwürfe seien politisch motiviert. Dennoch hat Zardari in Pakistan bereits einen neuen Spitznamen weg: "Mr. 100 Percent". Die Frage ist, ob Zardari Willen und Macht aufbringt, die brennenden Probleme Pakistans anzugehen.

"In zwei, drei Monaten will hier jeder Musharraf zurückhaben", prophezeit ein junger Mann in Lahore. Bislang hat noch kein ziviler Präsident in Pakistan eine volle Amtszeit absolviert. Sollte die demokratisch gewählte Regierung in Islamabad bald schon wegen Korruption und Misswirtschaft in Misskredit geraten, könnte das Militär einschreiten.

Eine Zeitung druckte bereits eine fiktive Rede von Armeechef Kayani nach dem Militärcoup im Oktober 2010.