Zum Hauptinhalt springen

"Mühlespiel, das immer zu ist"

Von Eva Stanzl

Wissen

Grabungsleiterin in Ephesos: "Zusätzliche drei Posten wären dringend notwendig."


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 10 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

"Wiener Zeitung":Was wünschen Sie sich von der zukünftigen Regierung für die Wissenschaft ?

Sabine Ladstätter: "Man erwartet Spitzenforschung. Und das zu Recht."
© Foto: Andreas Pessenlehner

Sabine Ladstätter: Punktuell wünsche ich mir, dass Wissenschaft und Forschung vom Aufnahmestopp ausgenommen werden. Es gibt einen Aufnahmestopp im öffentlichen Dienst, von dem Lehrer und Exekutivbeamte nicht betroffen sind, die Wissenschaft aber schon. Aufrufe, man müsse den Standort stärken, indem man in Forschung investiert, werden so zu bloßen Lippenbekenntnissen.

Es wird aber stets betont, dass es zu wenig Forschungspersonal gebe, Österreich daher in internationalen Rankings nicht vorwärts komme. Wie passt das zusammen?

Es ist unvereinbar. Die Realität sind gleich bleibende Budgets, also Realverluste, und Aufnahmestopps. Als Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) darf ich niemanden anstellen, denn das wäre eine Umgehung des Stellenplans. Ich kann nur Dienstleistungen ankaufen auf der Basis von Werkverträgen oder Honorarnoten. Das löst langfristig aber keine Probleme, man braucht ja Kontinuität. In der nächsten Legislaturperiode steht eine Pensionierungswelle ins Haus. Wenn wir nicht nachbesetzen können, wird das ÖAI marginalisiert.

Welche Institutionen sind vom Aufnahmestopp betroffen?Nicht betroffen, weil sie ausgegliedert sind, sind Museen und Universitäten. Betroffen sind aber nachgeordnete Dienstellen des Bundes, wie die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, die Geologische Bundesanstalt, das Institut für Geschichtsforschung und das ÖAI. Da wir nur wenige sind, wäre das Problem leicht zu lösen.

Was steht in Ihrem Dienstvertrag?

Ich bin nicht als Wissenschafterin, sondern als Verwaltungsbedienstete beschäftigt.

Was wünschen Sie sich noch?

Langfristig wünsche ich mir einen Strukturwandel, der zur Folge hat, dass Wissenschaft und Forschung als zentrales gesellschaftliches Element erkannt und behandelt werden. Das heißt natürlich auch, dass man sie finanziell besser ausstattet und die Leistungen der Forscher als elementarer Bestandteil des Landes begriffen werden.

Die Zeichen stehen anders - das Wissenschaftsministerium könnte abgeschafft werden.

Damit würde die Wissenschaft ihr zentrales Sprachrohr verlieren, denn die Eigenständigkeit eines Ministeriums reflektiert den Stellenwert des Aufgabenbereichs. Dann wird man sich zwar arrangieren, aber es wäre sicherlich ein Rückschritt, da der Aufbau dieses Ministerium Zeit und Arbeit erforderte und es nun aus sich heraus viel weiterleisten könnte.

In Ihrem neuen Buch, "Abenteuer Archäologie", beschreiben Sie Ihr Fachgebiet, das, wie die Besucherzahlen archäologischer Stätten zeigen, viele Laien fasziniert. Was macht diese Faszination aus?

Der Mensch hat einen elementaren Drang, seine Wurzeln zu kennen. Kinder, die nicht wissen, wer ihre Väter sind, begeben sich oft jahrelang auf die Suche. Deutsche Kinder von Samenspendern haben nun das Recht, den Namen ihres Vaters zu erfahren. Das ist individuelle Wurzelsuche, und die Archäologie macht das im Kollektiv. Sie erklärt de facto, warum wir so sind, wie wir sind, noch dazu mit Bildern, was sie zur leicht konsumierbaren Spurensuche macht.

Dennoch hat die archäologische Forschung in Österreich Probleme, sich zu legitimieren. Warum?

Wer am lautesten schreit, dem wird am ehesten entsprochen, und die Archäologie hat keine besonders große Lobby. Wenn ich aber meine Vorträge halte, kommen hunderte Leute. Ich versuche, die Menschen - von der Industrie bis zu den Schulen - anzusprechen. Und es gelingt: 300.000 Euro des Ephesos-Budgets werden jährlich aus privater Hand aufgebracht, davon 80.000 Euro aus Österreich, 50.000 Euro aus den USA und der Rest aus der Türkei.

Fast jeder Grabungsleiter hat seine eigene Philosophie. Ihnen zufolge ist jede Ausgrabung auch ein Akt der Zerstörung. Wie setzen Sie diesen Ansatz in die Praxis um?

Man zerstört einen historischen Zustand, wenn man etwas freilegt, hat dann zwar die wissenschaftliche Erkenntnis, muss aber die ausgegrabene Objekte schützen. Wir stehen heute in Ephesos vor einem Denkmäler-Bestand aus 120 Jahren Grabung, der zum Teil in sehr schlechtem Zustand ist und den wir nun nachträglich schützen wollen. Was neu dazu kommt, versuchen wir gleich zu erhalten. Es geht uns nicht also nur um Erkenntnis, sondern auch um Erhalt.

Wegen des Grundwasserspiegels könnten wir die Reste des Hafens nur mit großem Aufwand ausgraben. Erhalten könnten wir sie überhaupt nicht, von Dezember bis April steht das Gebiet nämlich unter Wasser. Mit Bodenradar-Aufnahmen können wir nun Schicht für Schicht das dicht bebaute Hafengebiet dreidimensional nach unten vermessen. Sobald wir die nötigen Mittel dafür bekommen, wollen wir im Ephesos-Museum durch eine virtuelle archäologische Landschaft führen, die in Wirklichkeit unter dem Boden liegt.

Sie haben auch begonnen, den Hadrianstempel, eines der Wahrzeichen von Ephesos, zu restaurieren. Wann wollen Sie fertig sein?

Im Juli 2014 wollen Touristen den Hadrianstempel wieder sehen. Für die Restaurierung musste er aufgrund seines katastrophalen Zustands abgebaut werden. In den 1950er Jahren, als er aufgebaut wurde, wurden Beton und Eisendübel verwendet, was der Witterung nicht standgehalten hat. Wir bauen nun den Beton ab, ersetzen ihn durch das alte Material Kalkmörtel und das Eisen durch Glasfiber-Verstrebungen, und reinigen und versiegeln die Oberflächen. Das Ganze wird 100.000 Euro kosten und wird größtenteils durch eine US-Stiftung finanziert.

Gibt es eine Grenze für Besucherzahlen?

Derzeit ist mit zwei Millionen Besuchern pro Jahr das Limit in Ephesos meines Erachtens überschritten. Die Massen kommen über die Kreuzfahrtschiffe vormittags, man müsste auf die Tourismusindustrie einwirken, sodass manche Gruppen wenigstens nachmittags kommen.

Welche Grabungen planen Sie für 2014?

Wir graben ein großes Gebäude frei unter Berücksichtigung der Lebenswelt der Bewohner. Neben der Freilegung wunderbarer Mosaikböden machen wir Detailstudien bis hin zu Tierknochen und Sedimentanalysen, um die Ernährungsgewohnheiten der spätantiken Bevölkerung zu rekonstruieren. Zudem hat das prähistorische Ephesos von Barbara Horejs noch eine Grabungssaison, und wir planen eine Wiederaufnahme der Grabungen im Artemision. Hier wurde seit 20 Jahren nicht mehr gegraben. Ich werde mich der frühchristlichen Kirche im Artemision widmen und die Chronologie der Artemis-Tempel mit einem Tiefenschnitt klären.

Wie lange läuft Ihr Vertrag und streben Sie eine zweite Periode an?

Meine Verträge als ÖAI-Direktorin und Grabungsleiterin laufen nächstes Jahr aus. Das Paradoxon ist, dass ich von der Türkei unbefristet angestellt bin. Ich würde sehr gerne eine zweite Periode machen, aber es muss klar sein, dass man das hier will. Die Republik muss sich bekennen zu solch großen Unternehmungen, die Personal und Geld binden.

Heißt das, dass Sie nicht weitermachen, wenn Sie keine neuen Mitarbeiter einstellen dürfen?

Die Rahmenbedingungen müssen stimmen, weil es sonst nicht sinnvoll machbar ist, und die Sinnhaftigkeit festzustellen muss der Leitung zugestanden werden. Ich weiß, dass es äußere Zwänge gibt, aber irgendwann ist eine Sinnhaftigkeitsgrenze erreicht.

Wo liegt Ihre Sinnhaftigkeitsgrenze?

Das ÖAI hat fünf wissenschaftliche Angestellte in Ephesos mit Forschungsprojekten. Dieser Mitarbeiterstab kann nicht weiter reduziert werden. Sonst kann man ein Unternehmen, das bis zu 300 Personen beschäftigt, nicht sinnvoll führen. Im ÖAI haben wir 27 wissenschaftliche Bedienstete, jedoch keinen Archivar, keinen Fotografen, keinen Geodäten und niemanden für Keramik-Forschung. Zusätzliche drei Posten wären dringend notwendig. Man erwartet von uns Spitzenforschung, und das zu Recht. Aber dazu müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, das zu lösen, aber es kann kein Mühlespiel sein, das immer zu ist.

Zur Person
Sabine Ladstätter, geboren am 22. November 1968 in Klagenfurt, ist seit 2009 Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) und leitet seit 2010 die Grabungen in Ephesos. Sie ist Österreichische Wissenschafterin des Jahres 2011 und korrespondierendes Mitglied der deutschen Archäologischen Gesellschaft. Ihr neues Buch, "Knochen, Steine, Scherben", ist im Residenz Verlag erschienen.