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Müller: Machtwahn

Von Georg Friesenbichler

Politik

Aufruf zur Kritik. | Verfilzung von Politik, Medien und Wirtschaft. | Einst hat er selbst Politik mitgestaltet - ab 1968 als Redenschreiber für Wirtschaftsminister Karl Schiller, im Wahlkampf für Willy Brandt, als Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt unter Brandt und Helmut Schmidt. Noch bis 1994 saß er für die SPD im deutschen Bundestag.


Seinen Idealen ist Albrecht Müller treu geblieben, wie der studierte Volkswirtschaftler und Soziologe in seinem jüngsten Buch "Machtwahn" beweist. Damit einher geht, dass er auch weiterhin dem Modell des Sozialstaates vertraut, das die SPD in den Siebziger Jahren prägte. Neoliberalismus bekämpft er daher aufs Schärfste, und er meint damit Steuersenkung, Sozialabbau, Privatisierung und Deregulierung.

Die Schuld dafür, dass dieser neoliberale Geist in Deutschland seit 25 Jahren regiert, gibt er, wie der Untertitel verrät, einer "mittelmäßigen Führungselite". Zu dieser rechnet er unter anderem Politiker wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, ihren Vorgänger Gerhard Schröder, die Medienmacher und zahlreiche Wissenschafter, die mittels "Gehirnwäsche" die Öffentlichkeit auf die einschlägigen Rezepte eingeschworen hätten.

Ein Großteil des Buches ist allerdings gar nicht diesen Eliten gewidmet, sondern der Widerlegung der neoliberalen Thesen. Der Widerlegung? Nein, denn Müller stellt den Behauptungen, wirtschaftliche Stagnation und Arbeitslosigkeit ließe sich nur durch niedrigere Löhne, Abbau des Sozialstaates, Brechen der Gewerkschaftsmacht bekämpfen, lediglich eigene Behauptungen gegenüber.

"Dumm oder korrupt"

Stellvertretend seien einige Kapitelüberschriften genannt: "Das Ansehen unseres Landes wird systematisch beschädigt", "Privatisierung und Deregulierung kommen uns teuer zu stehen", "Die herrschende Ideologie ist von Teilen der Wirtschaft geprägt".

Zwar unterstreicht der Autor seine so postulierten Thesen durchaus mit Beispielen; mit Gegenargumenten setzt er sich aber kaum auseinander, er qualifiziert sie ab. "Dumm oder korrupt" hätte denn auch der Titel gelautet, der dem Autor für sein Buch besser gefallen hätte.

Die Art dieser Polemik ermüdet. Das ist schade, denn dadurch liest man über durchaus bedenkenswerte Ansätze hinweg. Etwa, wenn Müller erläutert, dass die vielen Reformen im Sinne des Neoliberalismus ihre Ziele sämtlich verfehlt hätten und trotzdem fortgesetzt werden.

Oder die bedenkliche Verfilzung im Elitenbereich, womit nicht nur der reibungslose Wechsel von Politikern in Top-Positionen von Wirtschaftsunternehmen gemeint ist. Auch die Rolle der sogenannten Experten, deren Analysen die Politik und die öffentliche Meinung prägen, ist durchaus fragwürdig. Viele Hochschulprofessoren betreiben auch private Institute. Diese sind wiederum auf Aufträge aus Wirtschaft und Politik angewiesen. "Eine Reihe dieser Professoren ist gleichzeitig als Gutachter, als Aufsichtsrat oder als Werbeträger direkt für wirtschaftliche Interessen tätig", konstatiert Müller.

Beispiele dafür hätte man gern tiefer analysiert und besser belegt gelesen. Stattdessen obsiegt der Eindruck, dass sich Müller im Besitz der allein selig machenden Wahrheit glaubt - genau das, was er seinen Gegnern mit einigem Recht vorwirft.

"Alles fängt damit an, dass wir hinterfragen, was uns tagtäglich erzählt wird", lautet der Schlusssatz. Das gilt es auch bei dieser Lektüre zu beherzigen.

Ermüdende Polemik.Albrecht Müller: Machtwahn. Wie eine mittelmäßige Führungselite uns zugrunde richtet. Droemer Verlag, 368 Seiten, 20,50 Euro.