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Multikonzerne sind die wahren Herren der Welt

Von Christa Karas

Wirtschaft

Die Metapher vom Schlag des Schmetterlingsflügels, der Zehntausende Kilometer weiter einen Orkan auslöst, kennt heute wohl jeder. Doch wer weiß schon, dass seine teuren Marken-Laufschuhe von indonesischen Näherinnen angefertigt wurden, deren 12-Stunden-Tageslohn 2 Euro beträgt und die ihre Kinder wegschicken müssen, weil sie sie nicht ernähren können? Wer ahnt, wenn er eine Banane isst, dass mit großer Wahrscheinlichkeit 8- bis 13-jährige Kinder etwa in Ecuador - für einen Lohn von 3,50 Euro pro Tag - die schweren Bündel schleppen mussten, dabei giftigen Pestiziden ausgesetzt waren, verschmutztes Wasser zu trinken bekamen und zum Teil auch noch sexuell missbraucht wurden? Und wer käme je auf die Idee, dass sein unschuldiges Handy möglicherweise zur Aufrechterhaltung eines Krieges mit weit mehr als drei Millionen Toten beigetragen hat?


Doch, einige dieser Beispiele sind durchaus öffentlich bekannt geworden, seit die Autoren Klaus Werner und Hans Weiss vor zwei Jahren die erste Auflage ihres "Schwarzbuch Markenfirmen" vorgelegt haben, das mit mehr als 100.000 verkauften Exemplaren und Übersetzungen ins Spanische, Holländische, Ungarische und Türkische (Chinesisch und Koreanisch sind derzeit noch in Vorbereitung) zum erfolgreichsten Buch der letzten Jahre wurde, das es im deutschen Sprachraum zum Thema Globalisierung gibt.

Nun hat das bekannte und seither von zahlreichen Unternehmen gefürchtete Autorenduo noch einmal gehörig nachgelegt und den Bestseller nicht nur komplett überarbeitet, sondern um 60 Seiten mit neuen Vorwürfen, neuen Firmenporträts und Hintergrundanalysen über politische Zusammenhänge sowie konkreten Handlungstipps für die Verbraucher erweitert. "Das neue Schwarzbuch Markenfirmen - Die Machenschaften der Weltkonzerne" ist soeben im Wiener Deuticke Verlag erschienen.

"Dieses Buch wird Sie wütend machen", hatten die Autoren seinerzeit ihrer Leserschaft prophezeit und damit voll ins Schwarze getroffen. Die in der Neuauflage enthaltenen Fakten werden zweifellos noch mehr Wut auslösen sowie vor allem zur Erhellung jener düsteren Hintergründe beitragen, gegen die Menschenrechtsorganisationen und Kritiker der kaum noch durchschaubaren Konglomerate aus neoliberalen wirtschaftspolitischen Interessen zu Lasten der Menschen in Billiglohnländern auftreten.

WTO-Konferenz in Cancun

Ausgezeichnet ist in diesem Zusammenhang auch das Erscheinen des Buches vor der 5. Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation WTO, die vom 10. bis zum. 14. September 2003 im mexikanischen Badeort Cancun stattfindet. Wer wissen will, worum es dabei etwa aus Sicht so sachverständiger und profilierter Menschenrechtsaktivisten wie ATTAC geht, kann sich ausführlich informieren in:

ATTAC (Hg.): "Die geheimen Spielregeln des Welthandels. WTO - GATS - TRIPS - Mai", Verlag Promedia, Wien 2003. Links: ATTAC-Hintergrundpapier zur 4. WTO-Ministerkonferenz in Doha unter: http://www.attac-austria.org/presse/dohaPositionATTAC.php . Ein gemeinsames Positionspapier zu Cancun findet sich unter: http://www.oneworld.at/agez/Positionspapier%20Cancun%20Juni%202003.pdf . Ein aktuelles, neun Seiten umfassendes ATTAC-Dossier ist den Redaktionen soeben zugegangen und wird gerne an interessierte Leser der "Wiener Zeitung" per E-Mail weitergeleitet.

Guter Ruf - böse Taktik

Klaus Werner und Hans Weiss verstehen sich indessen "nicht unbedingt als Globalisierungsgegner", sondern präzisieren ihren Standpunkt so: "Die neoliberale Globalisierung der Konzerne bedeutet grenzenlose Freiheit für die Kapitalflüsse - grob gesagt von der südlichen auf die nördliche Erdhalbkugel - und für die Ausbeutung von Rohstoffen und Menschen. Wir wünschen uns stattdessen eine andere Globalisierung. Nicht nur globale Sozial-, Umwelt- und Menschenrechtsstandards für multinationale Unternehmen, sondern langfristig eine neue Art globaler Solidarität und den Wegfall von Grenzen, die gegen Menschen und ihre Grundbedürfnisse errichtet werden." - Ein langfristiges Ziel, in der Tat.

Immerhin: Einen ersten bedeutenden Schritt setzten sie, als sie es wagten, einige der wahren Herren dieser Welt bei ihren guten Namen zu nennen und die Herkunft ihrer Profite durch gründliche Recherche transparent zu machen. Es geht um so unterschiedliche Firmen wie etwa Adidas, Bayer, Coca Cola, Daimler Chrysler, Nestle, ExxonMobil und Wal-Mart. Und es geht um die unterschiedlichsten Formen der Ausbeutung und der Missachtung von grundlegenden Rechten. Beständig werden Menschen und Lebensräume vergiftet, Regierungen unter Druck gesetzt, die Korruption forciert, Krisen und Konflikte ausgenützt oder sogar finanziert.

Die Autoren: "Vor allem in den Billiglohnländern Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und Osteuropas ist ausbeuterische Kinderarbeit an der Tagesordnung. Beliebte Weltmarken tolerieren Sklaverei, illegale Medikamentenversuche, Diskriminierung, Tierquälerei, Umweltzerstörung und die Verfolgung von Gewerkschaften, Arbeitern, die sich freien Gewerkschaften anschließen wollen, und von Systemkritikern."

Die "Hitliste der Bösen"

Bayer, TotalFinaElf und McDonalds führten in der Erstauflage des "Schwarzbuch Markenfirmen" die "Hitliste der Bösen" an. Bayer wegen unerlaubter Medikamententests, des in Umlauf Bringens von gefährlichen Giften und als einer der wichtigsten Geldgeber für den Handel mit Rohstoffen in der Demokratischen Republik Kongo, wo seit 1998 einer der grausamsten Kriege u. a. mehr als 3,3 Millionen Menschenleben gefordert hat.

TotalFinaElf, nunmehr Total, weil der Tankstellenmulti häufig dort zu finden ist, wo Menschenrechtsverletzungen und Erdölförderung zusammen treffen wie etwa in Burma, Angola und Nigeria. Und McDonalds nicht nur wegen der Folgen des industriellen Fleischverbrauchs für Umwelt und Viehzucht, sondern auch wegen der Herstellung von Spielzeug für europäische Kinder durch Kinder in China,

Auch in der Neuauflage des Buches bleibt Bayer unangefochten an der Spitze. "Nicht nur, weil dieser Konzern in allen Geschäftsfeldern - Chemie, Pharmazie, Agrobusiness und Rohstoffgewinnung - eine enorme destruktive Phantasie an den Tag legt, was die Missachtung ethischer Prinzipien betrifft", so die Autoren im Vorwort, "sondern auch, weil Bayers Kommunikationspolitik offenbar im 19. Jahrhundert stecken geblieben ist. Da wird vertuscht, dass einem die Haare zu Berge stehen."

Die zweite Stelle nimmt nun ExxonMobil ein: "Während sich andere Ölfirmen zumindest da und dort um die Verbesserung menschenrechtlicher Standards bemühen und wenigstens halbherzige Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen ergreifen, ist der US-Ölmulti gegen Kritik offenbar immun. Immerhin darf er sich dafür der Unterstützung durch die derzeitige US-Präsidentschaft erfreuen." Und an die dritte Stelle wurde nun der Spielwarenhersteller Mattel gereiht, "dessen heile Welt der Barbie-Puppen auf der skrupellosen Ausbeutung chinesischer Arbeiterinnen beruht".

Bewusster konsumieren

"Das neue Schwarzbuch Markenfirmen" hat den Konsumfeldern Lebensmittel, Bekleidung, Kinderspielzeug, Elektronikgeräte, Medikamente, Treibstoffe und Banken jeweils ein Kapitel gewidmet. Hinzu gekommen ist auch ein Kapitel über die korrupten Verflechtungen zwischen den Eliten aus Wirtschaft und Politik und das demokratiefeindliche Wirken von Welthandelsorganisation und Konzernlobbys. Hinzugekommen ist aber auch ein Kapitel mit konkreten Handlungstipps und Beispielen, was Konsumenten und engagierte Bürger, die diese Missstände nicht auf sich beruhen lassen wollen, dagegen tun können.

Werner und Weiss rufen dabei weder zum Konsumverzicht noch zur Lebensstiländerung auf, sondern wollen den Verbrauchern vor allem bewusst machen, dass diese nicht ganz so machtlos sind, wie sie oft meinen, wobei sie bewusst auf Masse setzen: "Denn wir glauben, dass es besser ist, wenn viele einen Schritt tun, als wenn wir eine handvoll engagierter Menschen überzeugen, die ohnedies nicht überzeugt werden müssen."

Doch ob diese Rechnung aufgeht, ist fraglich. Konsumenten können Unternehmen gewiss lästige Nadelstiche zufügen - etwa wenn Kinder in Supermärkten Schokolade und Kakaoprodukte mit dem Pickerl versehen "Der Kakao für dieses Produkt wurde von Kindersklaven geerntet" - und damit bei einzelnen Unternehmen ein Einlenken bewirken wie etwa im Fall des Wäscheherstellers Triumph, der im Jahr 2002 nach heftigen Protesten der Kundinnen seine Zusammenarbeit mit dem burmesischen Militärregime aufgegeben hat.

Allerdings endet der gute Wille einsichtiger Firmen, wie die Autoren selbst im ihrem Vorwort konstatieren, "meist dort, wo den Konzernen bewusst wird, dass faires Handeln etwas kostet". Und weitverzweigte Multis können über ihre Töchter, Verflechtungen und Beteiligungen ohnehin weit mehr Kreativität an den Tag legen, als selbst die mächtigeren US-Konsumentenlobbys. Im Ernstfall - etwa wenn Konsumenten tatsächlich die Produkte eines namhaften Unternehmens boykottieren - übernimmt dieses halt klammheimlich eine alteingesessene Firma und deren guten Ruf. Und produziert unbeeinträchtigt unter dessen Namen weiter. - Ist doch nicht einmal der bewussteste Konsument in der Lage, solche Entwicklungen mitzuverfolgen und auf dem jeweils letzten Erkenntnisstand zu sein (siehe etwa die Pharma- und Kosmetikindustrie . . .)

Kein Grund zum Klagen

Sicher, die gründliche Recherche, die belegbaren Fakten und der Umstand, dass derartige Auseinandersetzungen öffentlich nicht gut ankommen, mögen die wichtigsten Gründe dafür gewesen sein, dass sich die Unternehmen zurück gehalten haben. Doch auch aus den vorher genannten Gründen ist es nicht so verwunderlich, dass Werner und Weiss nach Erscheinen ihres ersten Schwarzbuches von keinem einzigen der von ihnen genannten Konzerne verklagt oder ihnen Klagen angedroht wurden.

Das soll ihren Verdienst freilich in keiner Weise schmälern. Alleine die Darstellung des Bayer-Imperiums ist, stellvertretend für zahlreiche derartige Multis, wichtig und aufschlussreich. Und fast noch wichtiger sind jene Kapitel des Buchs, die sich mit dem Rohstoffhandel befassen, von dem der Endverbraucher (wie etwa am Beispiel Handys/Coltanerz/Kongo) meist keine Ahnung hat.

Wahrscheinlich aber am wichtigsten: Die Vorhaltungen von Werner und Weiss gegen Firmen-Einwände der Art, sie seien ja nicht schuld daran, wenn korrupte Diktatoren Menschenrechte verletzen oder in ärmeren Ländern niedrige soziale und ökologische Standards bestünden. "Denn zahlreiche korrupte Diktaturen verdanken ihre Existenz in erheblichem Ausmaß den Profitinteressen westlicher Konzerne." Und derem mächtigen, gut organisierten Polit-Lobbyismus.

Konsumenten sollten trotz alledem nicht verzagen, sondern den effizientesten Handlungstipp befolgen: Nämlich sich dagegen gemeinschaftlich politisch zu engagieren.

Klaus Werner/Hans Weiss: "Das neue Schwarzbuch Markenfirmen - Die Machenschaften der Weltkonzerne". Deuticke Vlg., Wien 2003. 410 Seiten, 19,90 Euro. Infos unter: http://www.markenfirmen.com .