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Mund halten, weitermachen

Von Richard Solder

Politik
Nur anonym: Migranten haben oft Angst, als Opfer von Diskriminierung namentlich aufzutreten. Foto: corbis

Viele rassistisch Diskriminierte schweigen. | Gründe sind Angst vor Konsequenzen und Unwissen. | Wien. Carlos (Name geändert) ruft in der Redaktion an, als der Artikel über ihn und die Diskriminierungen, die er in Österreich erleben musste, praktisch fertig ist. Der Kubaner erklärt, dass er die Vorfälle doch nicht mehr veröffentlichen will. Er habe Angst, dass er Probleme bekommen könnte. Dazu müsse er an die Familie denken, die noch in der Heimat ist. Die Überzeugungsversuche, die rassistisch motivierten Rauswürfe aus zwei Wiener Geschäften zumindest zu melden, bringen nichts: Carlos wehrt ab, sagt, dass er keinen Ärger will.


Sonja Fercher von der Initiative Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit (Zara) nennt neben der Angst vor negativen Konsequenzen Unwissenheit als Grund für Schweigen nach derartigen Vorkommnissen: "Es ist viel zu wenig bekannt, dass man auch rechtlich aktiv werden kann." Außerdem würde Rassismus oft als alltägliche Erfahrung angesehen und verdrängt werden. Wie viele Menschen schweigen, könne man nicht sagen, aber die Zara-Sprecherin betont: "Es ist schon ein großes Problem."

Einen Hinweis auf das Ausmaß gibt eine Studie der EU-Grundrechtsagentur aus dem Jahr 2009. Demnach sagten 84 Prozent der türkischen Österreicher aus, nicht zu wissen, an welche Stellen man sich bei Diskriminierungserfahrungen wenden kann. Bei anderen Gruppen sind die Zahlen ähnlich hoch.

"Die Verschärfung der Stimmung, die Eskalation in den letzten zwei Jahren hat sicher etwas verändert", ist die Soziologin Hildegard Weiss von der Uni Wien überzeugt. Manche seien dadurch eingeschüchtert worden. An der Asyldebatte werde deutlich, dass "man sich selten mit Migranten als Opfern befasst", sondern verknüpft mit Missbrauch und anderen Delikten.

Zara-Sprecherin Fercher kritisiert, dass Behörden selbst zwar Kriminalstatistiken "sammeln", sich um solche Phänomene aber nicht kümmern: "Es gibt

dazu keine Daten, keine Studien, besteht also auch kein Interesse?" Im Innenministerium verweist man auf Anfrage der "Wiener Zeitung" auf das Bundeskriminalamt, das nicht weiterhelfen kann.

"Vorsichtig" bleiben

Nadia (Name geändert) würde gerne für das einstehen, woran sie glaubt. Als "Ausländerin" sei das jedoch nicht so leicht: "Bei den Uni-Protesten im Herbst wollte ich mit Freunden etwas organisieren, aber die haben sich nicht getraut", sagt die ehemalige Studentin. Als sie dann auch noch auf eine Asyl-Demo ging, schrillten bei einigen im Freundeskreis die Alarmglocken: "Sie befürchten, dass man beobachtet wird. Da ich gerade auf Arbeitssuche war, sollte ich mich vorsichtig verhalten", erinnert sich Nadia, die mittlerweile einen Job gefunden hat.

Wie Carlos hat auch Nadia Bedenken, offen über ihre Hindernisse in Österreich zu sprechen. Anonym zu bleiben ist ihr besonders wichtig. Woher kommt das? "Vom Gefühl, den Menschen hier ständig zeigen zu müssen, dass wir nicht undankbar sind", meint die Neo-Wienerin nachdenklich. Im Hinterkopf sei immer das Worst-Case-Szenario, wieder "zurück" zu müssen. Aber auch schlechte Erfahrungen mit Behörden in der (ehemaligen) Heimat würden eine Rolle spielen.

Ulrike Salinger von der Gleichbehandlungsanwaltschaft kennt solche Sorgen von Klienten. Entscheidend bei ihrer Arbeit sei, den Leuten zu erklären, dass alle Angaben vertraulich behandelt werden. Dann ginge es um gemeinsame Schritte: Was kann man machen? Wie weit will das Diskriminierungsopfer überhaupt gehen?

"Es braucht Mut, sich zu Wehr zu setzen", sagt die Anwältin. Und es benötige viel Energie, sei oft emotional eine Herausforderung. Medien könnten etwas verändern: "Wenn Betroffene Vorbilder sehen, denken sich manche sicher Das könnte ich auch." Die der Frauenministerin unterstellte Gleichbehandlungsanwaltschaft versucht mit dem "Fall des Monats" auf ihrer Homepage Beispiele dafür zu geben, wie eine Beratung und, wenn nötig, ein Verfahren aussieht.

Information zu dieser staatlichen Einrichtung soll demnächst auch auf Englisch, Französisch, Türkisch sowie Bosnisch, Kroatisch und Serbisch angeboten werden.