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Murdoch und Scotland Yard am Pranger

Von WZ-Korrespondent Peter Nonnenmacher

Europaarchiv

Boulevardblatt soll tausende Telefone angezapft haben. | Premier Cameron verspricht öffentliche Untersuchung.


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London. Zu schweren Erschütterungen im britischen Medien-Empire Rupert Murdochs und zu ernsthaften Zweifeln an der Integrität Scotland Yards hat eine Affäre um die Lauschaktionen des Boulevardblatts „News of the World” geführt, die immer weitere Kreise zieht. Auch Spitzen-Politiker des Regierungslagers stellen inzwischen „die Eignung” Murdochs als Großverleger in Britannien in Frage.

Diverse Wirtschaftskonzerne beginnen die Murdochs derweil an der Anzeigenfront unter Druck zu setzen. Der Autoriese Ford hat „News of the World” bereits alle Werbung entzogen. Ford begründete den Schritt damit, dass „gewisse Verhaltensstandards” auch von den Geschäftspartnern erwartet werden. Die Mobiltelefon-Konzerne T-Mobile und Orange, die im vorigen Jahr allein Anzeigen im Wert von 1,5 Millionen Pfund in der Zeitung platzierten, haben dem Blatt ebenfalls einen Boykott angedroht.

Anlass der wachsenden Kritik an den Murdochs sind die illegalen Lauschaktionen, mit denen Mitarbeiter von „News of the World” in den letzten zehn Jahren sich offenbar Zugang zu den Nachrichten-Boxen tausender Mobiltelefone im Lande verschafften. Empörung in der Bevölkerung hatte diese Woche die Enthüllung ausgelöst, dass das Blatt durch Privatdetektive sogar die Telefone ermordeter Kinder und ihrer Angehörigen anzapfen ließ, um seine Berichte mit saftigen Informationen anzureichern.

Auch Angehörige von Terroropfern belauscht

Beim Handy des 13-jährigen Mordopfers Milly Dowler hatte der betreffende Datendieb sogar Nachrichten gelöscht, um für neue Nachrichten Platz zu schaffen. Auch die Telefone der Eltern zweier ermordeter Kinder aus Soham, der kleinen Holly Wells und ihrer Freundin Jessica Chapman, sollen abgehört worden sein. Es besteht außerdem der Verdacht, dass die Eltern Madeleine McCanns, des in Spanien verschwundenen Mädchens, belauscht wurden. Die Polizei will nun alle Kindesmord-Akten seit 2000 neu eröffnen und die Telefone der Angehörigen untersuchen lassen.

Ebenfalls abgehört wurden von „News of the World” laut Polizeiangaben Mobiltelefone und Standleitungen von Angehörigen der Londoner Terroropfer vom 7. Juli 2005. Alles Wissen um solche Praktiken streiten die beiden ehemaligen Chefredakteure des Blattes, Rebekah Brooks und Andy Coulson, ab. Coulson, bis Jänner dieses Jahres noch Pressesprecher der Regierung Cameron, wurde am gestrigen Mittwoch allerdings bereits beschuldigt, als Redaktionsleiter Zahlungen an Polizeibeamte bewilligt zu haben. Entsprechende Zahlungen - und ihre Annahme - wären illegal. Polizeiinterne Untersuchungen sollen dem Korruptionsverdacht nun auf den Grund kommen.

Im Parlament gelobte Premier David Cameron eine öffentliche Untersuchung der Affäre - sobald die Polizeiermittlungen abgeschlossen und ausgewertet seien. Einzelne Abgeordnete forderten weitergehende Maßnahmen. Labours Medienexperte Tom Watson verlangte den sofortigen Rücktritt und sogar eine Strafverfolgung des Murdoch-Sohnes James, der in letzter Instanz die Gelder für die illegalen Aktionen bewilligt habe und die Affäre habe vertuschen wollen.

Für Rupert Murdoch, der sich in dieser Woche von der Regierung in London grünes Licht für den Kauf des Satellitensenders BSkyB erhoffte, bedeutet die Angelegenheit eine gefährliche Vertrauenskrise. Die BSkyB-Genehmigung will Tory-Kulturminister Jeremy Hunt dem Verleger zwar immer noch erteilen, da die Regierung keine Beeinträchtigung der britischen Medienvielfalt durch Murdochs Übernahme erkennen kann.

Umstrittene Pläne zur Medien-Übernahme

Fast alle anderen Verlage und Anstalten auf der Insel befürchten aber, dass Murdoch auf diese Weise zur dominierenden Kraft im Mediensektor wird. Die Murdoch-Kritiker hoffen, dass in letzter Minute noch die Medien-Aufsichtsbehörde Ofcom Einspruch gegen die Ausdehnung des Murdoch-Empires einlegt. Der Präsident der Liberaldemokraten, Tim Farron, äußerte bereits Zweifel daran, dass Besitzer und Top-Manager des Murdoch-Konzerns „ihre Eignung erwiesen” hätten für die Übernahme BSkyBs. Auch mehrere konservative Parlamentarier forderten „eine Pause” im Bewilligungs-Prozess.