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Musharraf als Taliban-Schreck: Propaganda pur

Von Michael Schmölzer

Analysen

Pervez Musharraf ist nicht mehr Präsident Pakistans. Doch die Horrormeldungen aus dem für die USA strategisch wichtigen Land scheinen kein Ende mehr zu nehmen: Am Freitag wurden bei einem Anschlag auf Regierungssoldaten zwei Menschen getötet, am Donnerstag zerriss eine Bombe einen Polizeitransporter, 13 Menschen verloren ihr Leben. In der Woche zuvor hatten nach einem Doppelanschlag 67 Menschen den Weg alles Irdischen antreten müssen. Es vergeht kein Tag, an dem es in Pakistan nicht zu einer Katastrophe kommt. | Auf den ersten Blick wirken diese Vorfälle - sie ereignen sich allesamt im wilden Nordwesten des Landes statt - verstörend: Sollte Musharraf tatsächlich - wie er selbst immer wieder betont hat - einziger Garant für einen effektiven Kampf gegen den Islamismus gewesen sein? Versuchen die Taliban, die an der Grenze zu Afghanistan ihre Rückzugsgebiete haben, bereits mit erheblichem Erfolg, das entstandene Machtvakuum für sich zu nutzen? Ist es bald soweit, dass radikale Islamisten ihre Hände an Pakistans Atomwaffenarsenal legen?


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Bei näherem Hinsehen kann Entwarnung gegeben werden. Denn Musharraf war nie das Bollwerk gegen den Islamismus, als das er sich so gerne dargestellt hat. Vielmehr hat der Politiker mit diktatorischen Zügen, der 1999 mittels Putsch die Macht übernommen hat, den Islamisten im Land immer dann Zugeständnisse gemacht, wenn es für seinen Machterhalt opportun war. So konnte er sich 2003 das Wohlwollen der Muttahida-e-Amal, einer Allianz religiöser Parteien, die den Taliban nahe stehen soll, sichern. Mit ihren Stimmen ließ er sich nachträglich seinen Putsch von 1999 im Parlament legitimieren.

Um sich das Wohlwollen anderer Islamisten zu sichern, sorgte Musharraf dafür, dass Elemente der Scharia in die Rechtssprechung einfließen. Als 2007 Regierungstruppen gegen in der Roten Moschee verschanzte Fanatiker anrannten, bemerkten Kommentatoren mit Recht, dass hier nicht der Wahrer des reinen Laizismus gegen das islamistische Übel in den Kampf gezogen ist.

Bei der gegenwärtigen Serie an Selbstmordattentaten handelt es sich demnach nicht um eine Fundamentalisten-Offensive, sondern eher um Racheakte verzweifelter Taliban. Die Armee hat nämlich im Nordwesten eine Offensive gestartet, die den Islamisten schwer zu schaffen macht. Zuletzt vermeldete Islamabad sogar die Zerstörung des Hauptquartiers der Taliban in Pakistan.

Diese Armeeaktion findet statt, während Musharraf bereits entmachtet ist. Die Aktion wird von den Generälen und Benazir Bhuttos Witwer Asif Ali Zardari getragen - er hat die besten Aussichten, die Nachfolge Musharrafs anzutreten. Unterstützt wird Zardari von Premier Yousuf Raza Gilani. Auch Nawaz Sharif, der zuletzt aus der Regierungskoalition geschieden ist, unterstützt den Kampf gegen den Extremismus.

So haben die neuen starken Männer Pakistans jetzt das islamistische Bündnis "Tehrik-e-Taliban" verboten - eine Vereinigung, die für Musharraf durchaus noch salonfähig gewesen war.