Musik als Lebens-Mittel

Von Eva Stanzl

Wissen
© adobestock/master1305

Musik ist keine universelle Sprache, sondern ein Ausdruck kultureller Identität, sagt die Ethnomusikologin Ursula Hemetek.


Musik bewegt die Gefühle. Sie kann verzücken, berücken, Sehnsüchte auslösen oder einen vor lauter Schönheit gefangen nehmen. Sie kann aber auch beruhigen, entspannen, in Trance versetzen. Musik wiegt Kinder in den Schlaf. Verordnet Marschieren, schickt Soldaten in die Schlacht, eint Menschen in gut und böse, im Krieg und im Tanz.

Jeder kann singen, bestätigen zahlreiche Expertinnen und Experten. Das würde bedeuten, dass jeder Mensch ein grundlegendes Bedürfnis hat, zu musizieren. Musik kann, muss allen Menschen entspringen, da sie von allen verstanden wird. Dieser Meinung war Henry Wadsworth Longfellow (1807-1882). Der US-Lyriker fand, die Musik sei die gemeinsame, universelle Sprache der Menschheit. Er folgte darin Joseph Haydn, der die Ansicht vertrat: "Meine Sprache versteht die ganze Welt."

Doch tut sie das? Verstehen wirklich alle Menschen von Spitzbergen bis Maputo die Sinfonien des österreichischen Komponisten? So verlockend die Idee erscheinen mag, wissenschaftlich konnte sie noch niemand beweisen. Den jüngsten Versuch machte der Kognitionsforscher Samuel Mehr von der Universität Harvard im US-Staat Massachusetts.

Mit seinem Team wertete Mehr ethnomusikologische und anthropologische Informationen über Musik aus 100 Jahren und 315 Kulturen aus und verglich sie mit heutigen Daten zu, wenn man so will, archetypischen Akustik-Strukturen: Lieder, die Heilung bringen, Kindern beim Einschlafen helfen und die Genres Liebeslied sowie Tanzlied bedienen. Das Team kam zu dem Schluss, dass Mütter überall ihre Babys mit ähnlich aufgebauten, langsamen Melodien in den Schlaf singen. Es befand Tanzsongs als schneller und rhythmischer und rituelle Lieder als weniger variabel.

So weit, so gut. Die wenig überraschenden Ergebnisse zeigen so etwas wie einen kleinsten gemeinsamen Nenner. Für die Kognitionsbiologen Tecumseh Fitch und Tudor Popescu von der Universität Wien stellen sie dennoch einen Erkenntnisgewinn dar. "Die Frage der Universalität dreht sich nicht darum, ob aus der ganzen Welt präzise Kopien der gleichen Melodien gesungen werden, sondern um tiefe, kognitive Prinzipien der menschlichen Musikalität, ähnlich wie Sprachuniversalien", kommentieren sie im Fachmagazin "Science" zur Studie. Ihr Fazit: "Musik ist universell, da sie in allen Kulturen existiert und ähnliche akustische Strukturen in ähnlichem Kontext eingesetzt werden."

Das einzig Universelle an der Musik ist, dass die meisten Menschen sie machen, befand hingegen der amerikanische Ethnomusikologe George List. Heraus kämen völlig unterschiedliche Stücke, Interpretationen und Stile. Diese Ansicht vertritt auch Ursula Hemetek, als Trägerin des Wittgenstein-Preises (2018) Österreichs Nobelpreis-Laureatin der Musikwissenschaften. "Musik ist keine universelle Sprache", sagt sie zur "Wiener Zeitung". An der Universität für Musik und darstellende Kunst analysiert Hemetek die Musikstile zahlreicher Kulturen. "Singen ist eine menschliche Ausdrucksform. Doch unsere musikalische Ausdrucksweise und die Wahrnehmung von Musik sind stark von der Sozialisation geprägt."

Klangwelt und Muttersprache

Ähnlich wie Kinder eine Muttersprache erlernen, wachsen sie auch mit einer Klangwelt auf. Wer als Kind Klassik zu hören bekommt, lernt schon früh, diese zu verstehen. Wem eher Pop vorgespielt wird, wird leichter Zugang hierzu finden oder auf eigene Faust andere Richtungen erkunden. Personen aus Westeuropa müssen ihre Ohren an orientalische Musik erst gewöhnen, wer die chinesische Oper nicht kennt, tut sich schwer, sie zu genießen. Ähnlich ergeht es zahlreichen Menschen aus China aber mit Richard Wagner, den überdies auch hierzulande nicht alle verstehen. Jede Kultur hat eine andere Musik-Sprache. Was aber fremd klingt, geht den meisten Menschen nicht auf Anhieb ins Ohr.

Und dennoch spricht die Musik, anders als Worte, die Gefühle direkt an. Welche Rolle spielt eine sophistizierte Sprache dabei? Ist sie nur eine Draufgabe, ein komplex-schönes Extra, das zwar mehr Raffinesse ermöglicht, aber wie ein Furnier auf dem Holz dessen liegt, was wir ohnehin in der DNA haben?

"Alle Menschen können sich musikalisch ausdrücken, das ist grundgelegt. Und es gibt sicher biologische Konstanten, die uns gewisse Formen benutzen lassen, um bestimmte Dinge auszudrücken", räumt Hemetek ein. Tatsächlich schläfert ein Wiege-Rhythmus die Kinder ein. "In vielen Kulturen nutzen Mütter die Wiegenlieder aber auch, um ihre Lebenssituation zu reflektieren und Gefühle auszudrücken, ähnlich wie das bei Klage- und Totenliedern der Fall ist. In beiden Fällen geht es um das Bedürfnis nach Psychohygiene."

Anders verhält es sich bei Marsch- und Kampfliedern. Auf den ersten Blick könnte man meinen, diese Melodien seien auf der ganzen Welt gleich. Immerhin schallt bei nordkoreanischen Militärparaden ein ähnliches Stakkato wie hierzulande am ersten Mai. Die Rhythmen schwören ein, treiben an, man könnte sagen, sie einen. Oder bekommen Sie etwa keine Gänsehaut, wenn die "Internationale" ertönt, obwohl Sie bei der proletarisch-sozialistischen Revolution gar nicht mitgewirkt haben?

Auch hier verneint die Musikwissenschafterin. "Das mag an der politischen Einstellung liegen und daran, dass man die ,Internationale‘ kennt. Es ist eine überzeugende Komposition, die im westeuropäischen Zusammenhang auch sehr gut wirkt." Womit erstens geklärt wäre, warum "Die Fahnen hoch" nicht mehr gehört wird - wirksames Lied, aber abscheulich konnotiert - und zweitens erklärt, was musikalische Sprachen tun: Je besser sie sind, desto eher kann die Pracht der Musik ihre volle Wirkung entfalten. Je präziser und ziselierter eine musikalische Sprache ist, desto stärker und tiefer spricht sie die Gefühle an, ähnlich wie Literatur.

In Afghanistan war die Musik lange aus dem öffentlichen Leben verbannt. "Wir haben Interviews mit 14 jugendlichen Geflüchteten gemacht, die nie auf einem Konzert waren, da im politischen System die Musik keine Rolle spielen durfte", berichtet Hemetek. "Diese jungen Menschen empfanden sich nicht als Gesangstalente. Dennoch war ihnen Musik wichtig. Sie konsumierten ihre Lieblingslieder auf dem Handy und sangen mit."

Ein Grundbedürfnis

In einem weiteren Forschungsprojekt manifestierte sich die Musik als Ausdruck von kultureller Identität. "Für einen 1992 aus Bosnien geflüchteten Fernfahrer war das Singen schon in der Heimat ein Lebens-Mittel. Auf seinen Fahrten lernte er neue Lieder, die er zu Hause vortrug", berichtet Hemetek. Als er nach Österreich kam, half ihm das Singen dabei, sich in seinem neuen Umfeld zu verorten oder, wie er es ausdrückte: "Wenn ich singe, fliegen meine Gedanken nach Bosnien." Dieses Gefühl trug der Mann schließlich auch auf die Bühne, um zu zeigen, dass sein Land nicht nur Blut, Krieg und Tränen ist, sondern auch kulturelle Ausdrucksformen hat, die er mitgebracht hatte. "Musik war für ihn ein Mittel der Repräsentanz und der Identifikation", fasst sie zusammen.

Mit dem "Music and Minorities Research Center" startet am Freitag eine Forschungseinheit unter dem Dach der Universität für Musik und darstellende Kunst, die Hemetek in den kommenden fünf Jahren mit ihrem Preisgeld von 1,4 Millionen Euro finanziert. Ab Jänner sollen Nachwuchsforschende hier zum Thema musikalische Artikulation als Mittel zur Integration arbeiten. "Da sie kulturelle Werte vermittelt, hat Musik eine gesellschaftliche Komponente", findet Hemetek. Sie erleichtert die Kommunikation, geht ins Herz und ist in diesem Sinn doch universell. Denn wenn man Menschen die Musik verbietet, finden sie Wege, sich trotzdem damit zu beschäftigen. Sie sei so etwas wie ein Grundbedürfnis, fand die Künstlerin Ceija Stojka, die den Lovara-Roma angehörte und drei nationalsozialistische Konzentrationslager überlebte: Dabei stärkte das Singen, obgleich es nur im Verborgenen stattfand, die Psyche enorm.