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Musik ist ein Gefühlsgewitter

Von Eva Stanzl

Wissen
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Massenhysterie? Nicht nur. Auch die Botenstoffe in den Gehirnen von Beatles-Fans spielten verrückt.
© corbis

Menschen reagieren auf Musikgenuss ähnlich wie auf köstliche Speisen oder Sex.


Wien. Sie berührt, verführt, begeistert, erinnert einen an die erste Liebe. Sie beschwingt, entzückt, irritiert, beklemmt oder stößt ab, wenn sie beim Hörer den falschen Ton trifft. Doch selbst wenn sie langweilt, lässt sie nicht kalt: Musik hat den direkten Draht zu unseren Gefühlen. Wie aber macht sie das? Warum fühlen sich manche Menschen so, als wäre Freude ein Grundelement, in das sie eintauchen, immer wenn sie "Freude schöner Götterfunken" hören, während die Melodie bei anderen Fluchtimpulse auslöst?

"Musik zu hören oder, noch viel mehr, aktiv zu betreiben, ist eine Tätigkeit, die viele Bereiche des Gehirns relativ gleichzeitig aktiviert", erklärt Hans Lassmann, Vorstand der Abteilung für Neuroimmunologie des Zentrums für Hirnforschung der Medizinuniversität Wien: "Wenn wir Musik hören, werden zunächst die Hörbahnen und die auditive Informationsverarbeitung aktiv. Danach kommen, wie bei allen Sinneseindrücken, jene Zentren, die Gefühle beeinflussen und steigern. Die Sinneseindrücke vernetzen sich mit den Bereichen, die Emotion steuern." Emotionale Bewertung erfolge etwa im Mandelkern (Amygdala) und im Hypotalamus, emotionale Verarbeitung im sensorischen System. "Man darf sich das nicht so vorstellen, dass jede Region ihren Job hat. Unser Gehirn ist viel globaler beschäftigt, als man annimmt", sagt der Hirnforscher.

Ob Beatles oder Beethoven, Jazz, Pop, Tango oder Techno - Menschen reagieren auf Musikgenuss ähnlich wie auf köstliche Speisen, Gerüche oder Sex. Naht der Höhepunkt eines Musikstücks, setzt das Gehirn den Botenstoff Dopamin frei, der auch für das Hochgefühl bei den als schön empfundenen Stellen verantwortlich ist. Dopamin ist einer der wichtigsten Neurotransmitter. Er steuert und reguliert Körpervorgänge und die Kommunikation zwischen den Gehirnzellen. Er spielt bei der Verarbeitung von Emotionen eine wesentliche Rolle, ebenso wie bei Suchtverhalten.

Valorie Salimpoor und Robert Zatorre von der McGill Universität in Montreal gingen der Frage nach, warum Musik, die keinen augenscheinlichen Überlebensvorteil in der Evolution bringt, eine derart hohe Bedeutung in menschlichen Gesellschaften hat. Probanden hörten sich ihre Lieblings-Musikstücke an, die ihnen verlässlich wohlige Schauer entlockten, welche wiederum den gefühlsmäßigen Höhepunkt markierten. Die Forscher maßen den Anteil von Dopamin im Gehirn, den Herzschlag, die Atmungsfrequenz und die Körpertemperatur. Dabei konnten sie auch festmachen, dass Lieblingsstücke die Ausschüttung des Glückshormons Serotonin fördern.

"Die Entdeckungen liefern den neurochemischen Beweis, dass das Belohnungszentrum an intensiven Gefühlsantworten auf Musik beteiligt ist", berichteten die Forscher bereits 2011 in "Nature Neuroscience". Nun schreiben sie im Fachmagazin "Science", dass dort außerdem die Entscheidung fällt, welche Titel gekauft werden. Je aktiver die Nervenverbindungen, desto mehr waren Testpersonen bereit, für einen Song auszugeben.

Was man liebt und hasst

Doch wie kommt es, dass der eine Beethovens neunte Symphonie liebt und der andere sie ablehnt? Warum bevorzugen manche Menschen Klassik, die anderen Pop, oder steht jemand auf Status Quo, kann aber Jazz nicht leiden? "Viel hängt davon ab, was das Gehirn in der kindlichen Entwicklung gelernt hat. Wenn sie schon früh mit bestimmten Informationsinhalten konfrontiert werden, bilden sich Hirnareale, die diese Inhalte später leicht verarbeiten können", sagt Lassmann.

Wer also als Kind oft mit klassischer Musik konfrontiert war, hat dazu ein anderes Verhältnis als Menschen, die sie nur selten gehört haben. "Gerade bei der Klassik beurteilt man nicht nur die Schönheit, sondern auch die Konstruktion. So kann man auf eine Bach-Fuge emotional ansprechen, aber wenn man auch versteht, wie sie konstruiert ist, hat man ein größeres intellektuelles und emotionales Erlebnis", erklärt der Wiener Hirnforscher. Alles will also gelernt sein. "Als Kind geht es natürlich einfacher als später", so Lassmann.

Doch es gibt auch Menschen, die mit Musik wenig anfangen können. Das heißt aber nicht, sie hätten weniger Gefühle, sondern wieder nur, dass sie wenig damit konfrontiert waren. Menschen, die bildende oder darstellende Kunst besser kennen, gewinnen weitaus stärkere Sinneseindrücke durch sie. Zudem gibt es eher visuelle oder eher auditive Typen. "Die Frage, inwieweit auch der Typ angeboren oder angelernt ist, ist nicht komplett zu klären, aber Anlernen ist ganz wesentlich", betont Lassmann: "Auch Mozart konnte nur so gut sein, weil er eine wahrscheinlich einzigartige Ausbildung von seinem Vater bekam, einem der besten Musikpädagogen seiner Zeit."

Film mit Filmmusik - ein Aktivitätsgewitter im Gehirn? "Das ist absolut richtig, wobei das Gewitter umso heftiger ist, je neuer ein Stück ist. Wenn sie etwas gut kennen, aktiviert es weniger Areale", sagt Lassmann. Dann ist es verankert, abgespeichert in Regionen und Netzwerken, die rasch aktiviert werden. Jedes Mal, wenn der Song ertönt, folgt dieselbe Assoziation. Alte Assoziationen können allerdings durch neue Eindrücke überlagert werden - etwa, wenn das Lied, das einen an die erste Liebe erinnert, auf dem iPod im Moment einer Bombenexplosion läuft. Dann verändert emotionale Beladung des Zweiteindrucks die Assoziation zur Musik.