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Musik regt Gehirn an so wie Sex und Essen

Von Paul Recer

Wissen

Musik regt jene Teile des Gehirns an, die auch von Essen und Sex stimuliert werden. Das ergab eine amerikanisch-kanadische Studie. "Die Menschen bedienen sich der Musik, um mit Traurigkeit und Angst fertig zu werden", sagt die Forscherin Anne Blood vom Krankenhaus in Charlestown im US-Bundesstaat Massachusetts. "Wir zeigen in unserer Studie auf, dass Musik Systeme im Hirn anregt, die ihnen ein Glücksgefühl vermitteln."


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Blood und Robert Zatorre von der Universität in Montreal identifizierten mit Hilfe der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) jene Teile des Gehirns, die von Musik so angeregt werden, dass es einem "einen Schauer über den Rücken laufen lässt". Sie erkannten, dass viele der von Sex- oder Essfreuden aktivierten Gehirnstrukturen auch von Musik angeregt werden. "Im Belohnungs- und Emotionssystem des Hirns gibt es verschiedene Strukturen, die dann aktiv sind", berichtete Blood. Diese Aktivität zeigt sich deutlich, wenn Probanden der PE-Tomographie unterzogen werden, während Euphorie erzeugende Reize auf sie einwirken.

Früheren Untersuchungen zufolge werden das Mittelhirn, das so genannte ventrale Striatum sowie Teile der Hirnrinde mit Essen und Sex in Verbindung gebracht. Die neue Studie ergab laut Blood, dass diese Systeme in ähnlicher Weise auch auf solche Musik reagieren, die von dem jeweiligen Probanden als so schön empfunden wurde, dass es ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Andere Musik hatte keine derartigen Auswirkungen.

Die Psychiatrieprofessorin Ira Glick von der medizinischen Fakultät der Stanford University bezeichnete Musik als eine der Möglichkeiten, mit Stressperioden zurecht zu kommen. Es sei bekannt, dass hinter jedem Gefühl und jedem Einzelfall-Verhalten eine Veränderung in einem Molekül des Hirns stehe. Mit der neuen PET-Technologie könne man dies erstmals sichtbar machen: "Es ist aufregend, wie sich bei der Erforschung des menschlichen Geistes die Biologie vor unseren Augen entfaltet."

Im Rahmen der Studie baten Blood und Zatorre zehn Musiker - fünf Männer und fünf Frauen - darum, Musik auszuwählen, von der sie aufgewühlt werden. Für den Test wurden außerdem beliebige andere Musik, sonstige Geräusche und absolute Stille verwendet. Diese vier Elemente wurden jeweils drei Mal in wahlloser Reihenfolge eingesetzt. Nur wenn die Probanden die von ihnen ausgesuchte Musik hörten, wurde per PET eine Aktivität in jenen Hirnteilen registriert, die auch durch Essen und Sex angeregt werden.

Zwar waren alle zehn Probanden Musiker, jedoch meint Blood, dass bestimmte Musik bei 80 Prozent aller Menschen einen Schauer hervorrufen kann. Das Erleben eines Schauers sei ein sehr verbreitetes Phänomen, und es sei höchst wahrscheinlich, dass auch das Hirn anderer Menschen auf dieselbe Weise reagiere wie jenes der Musiker. Die Reaktion auf Musik sei aber in hohem Maße persönlich und nach Zugehörigkeit zu Kulturkreisen individualisiert. Beispielsweise könnten wohl manche Menschen von Rock'n'Roll in dieselbe Glücksschauer-Stimmung versetzt werden wie andere etwa von Musik Beethovens.

Ungeklärt ist, warum sich beim Menschen eine biologische Basis für den Musikgenuss entwickelt hat. Die Anregung beim Essen und beim Sex diene der Erhaltung der Art, aber Musik habe nicht unbedingt etwas mit Überleben zu tun, so Blood. "Da sie die für Glücksgefühl zuständigen Teile des Hirns aktiviert, liegt der Schluss nahe, dass Musik unserem körperlichen und seelischen Wohlbefinden nützt."