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"Musik zählt für mich nur, wenn sie berührt"

Von Christine Dobretsberger

Reflexionen
"Die Musik und das Instrument sollten eigentlich nur als verlängerter Arm des Körpers fungieren." Toni Stricker
© Foto: Robert Wimmer

"Wiener Zeitung": Herr Stricker, mit Ihrem Namen verbindet man zuallererst die von Ihnen geprägte "Pannonische Musik", aber auch swingenden Jazz. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass Sie eine "Pannonische Messe" geschrieben haben, die nicht nur zur Weihnachtszeit in Kirchen aufgeführt wird. Wie kamen Sie auf die Idee, eine Messe zu schreiben?Toni Stricker: Es war eigentlich gar nicht meine Idee. Vor rund 35 Jahren hat mich der damalige Eisenstädter Diözesanbischof Stefan Laszlo nach einem Konzert gefragt, ob ich nicht einmal eine Messe schreiben möchte. Mich hat dieser Vorschlag damals natürlich überrascht und ich meinte: Das kann man sich überlegen. Letztendlich hat es weitere 30 Jahre gedauert, bis ich mich konkret mit diesem Thema befasst habe.

Musikalisch lehnt sich die "Pannonische Messe" an die Tradition von schlichten Volksmessen - etwa im Stile Franz Schuberts - an. Sollte die Komposition in diese Richtung abzielen?Ja, Franz Schuberts Deutsche Messe "Wohin soll ich mich wenden . . . " hatte in gewisser Weise Vorbildcharakter und sollte mit Klängen aus dem pannonischen Raum ergänzt werden. Ich wollte eine Volksmesse schreiben, die von der Kirchengemeinde gesungen werden kann. Für festliche Aufführungen habe ich ein Arrangement für gemischten Chor, Orgel und Solo-Violine geschrieben. Die Parts der Solo-Violine wollte ich gerne selbst übernehmen, um mit einer sehr erzählenden, teils improvisatorischen Spielweise einen Kontrapunkt zum eher klassisch konzipierten Chor zu setzen. Damit wollte ich meine sehr persönliche musikalische Umsetzung Pannoniens auch innerhalb dieser Messe andeuten.

Zuletzt bei einer Aufführung der "Pannonischen Messe" in Rust konnte man die Beobachtung machen, dass einige Menschen zu Tränen gerührt waren.

Musik zählt für mich nur, wenn sie berührt. Ich halte nichts vom reinen Virtuosentum. Ich bin glücklich, wenn ich vor dem Publikum stehe und spiele. Dann ist auch das eine oder andere Wehwehchen vollkommen vergessen. Das finde ich wichtig, dass man sich reinfallen lassen kann in die Musik. Und wenn man dabei Menschen berühren kann, ist das doch schön!

Der Biologe Bernd Lötsch prägte folgenden Ausspruch: "Das wichtigste Bekenntnis Toni Strickers ist das zu Harmonie und Schönheit in der Natur und in der Kunst. Ehrfurcht vor der Schöpfung". Stimmen Sie damit überein?

Das sehe ich so. Es gibt ein Wort, das schon fast in Vergessenheit geraten ist, und ich finde, das sollte für uns Menschen zumindest zeitweise wichtig sein: Demut. Ich sehe die Menschheit nicht als etwas so überragend Großartiges, dass sie sich über alles hinwegsetzen kann.

Sind Sie ein religiöser Mensch?

Ich bin an und für sich ein gläubiger Mensch, bin auch von Kind an so erzogen worden. Das heißt aber nicht, dass ich mit allen Dingen, die in der Kirche passieren oder vonseiten der Kirche ausgehen, einverstanden bin. Da gäbe es sehr viel zu kritisieren und ich hoffe, dass dahingehend etliches durch den neuen Papst passieren wird.

Im Laufe Ihrer Karriere haben Sie viele musikalische Perioden durchlebt. Zu Beginn stand die klassische Ausbildung am Konservatorium in Wien, danach kam die Hinwendung zum Jazz.

Der Jazz war eigentlich naheliegend, weil das Kriegsende für uns eine andere Welt bedeutete. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste man hierzulande ja kaum etwas über Jazz. Mit Auftritten in amerikanischen Jazzclubs habe ich mir teilweise mein Studiengeld fürs Konservatorium verdient.

Es war in Ihren Augen also eine ganz natürliche Entwicklung, dass Sie sich als junger Mann in Jazzkreisen bewegten?

Ja, auf der anderen Seite war mir bewusst, dass ich, wenn ich Musiker werden möchte, das Instrument anständig erlernen muss. Ich habe meine klassische Ausbildung sehr ernst genommen und täglich vier Stunden geübt. Als mein Studium abgeschlossen war und nur noch das Diplom gefehlt hätte, kam mein lieber, mittlerweile leider verstorbener Freund Joe Zawinul und bot mir an, in der Jazzband Vera Auer einzusteigen, die damals nicht nur in Österreich ausgesprochen erfolgreich war. Das war natürlich ungemein reizvoll, weil neben Zawinul auch Attila Zoller und Hans Salomon in der Band spielten, allesamt hervorragende Musiker.

Kurzum: Sie haben sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen?

Ich bin in die Band eingestiegen und habe das auch mit meinem Professor am Konservatorium besprochen. Er war immer ein sehr offener Mensch und ich habe ihm viel zu verdanken. Er war nicht nur Musiker, sondern Musikant.

Dasselbe meinte einmal André Heller über Sie. Was genau ist der Unterschied zwischen einem Musiker und einem Musikanten?

Das Musikantentum muss man haben, Musiker kann man lernen.

Im Gegensatz zu Joe Zawinul kam bei Ihnen dann allerdings der Punkt, wo Sie den Entschluss fassten, nicht Ihr ganzes Leben dem Jazz zu widmen.

Joe Zawinul hat sich in seiner Art total verwirklicht, weil er immer nur auf schwarze Musik gestanden ist und fest davon überzeugt war, dass er all seine Pläne nur in Amerika realisieren kann. Was er auch getan hat. Er bekam ein Stipendium für die Berklee School in Boston und feierte nahtlos Erfolge mit Jazzgrößen wie Dinah Washington oder Cannonball Adderley. Ich wollte nie nach Amerika gehen, war immer ein bodenständiger, sehr mit Österreich verbundener Mensch. Ich wollte hier Musik machen, gründete meine eigene Formation und spielte zwischendurch unter anderen mit Johannes Fehring, Erwin Halletz, Fatty George oder mit Paul Kuhn in Berlin sowie mit Max Greger in München.

In dieser Zeit begannen Sie auch zu komponieren.

"Ich sehe die Menschheit nicht als etwas so überragend Großartiges, dass sie sich über alles hinwegsetzen kann." - Toni Stricker im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.
© Foto: Robert Wimmer

Ja, swingende Tanzmusik. Ich habe 1954 meine Frau Billie kennengelernt, sie war Tänzerin und ab nun tingelten wir mit dem eigenen Ensemble durch Österreich, Deutschland und die Schweiz. Wir waren ununterbrochen unterwegs, der reinste Wanderzirkus. Irgendwann beschlossen wir dann, in Wien sesshaft zu werden und ich begann für die verschiedensten Künstler zu arrangieren und komponieren.

Sie komponierten unter anderen für Helmut Qualtinger, Kurt Sowinetz, André Heller, Erika Pluhar, Hans Moser, Peter Alexander, Fritz Muliar, Elfriede Ott und Leherb. . .

Ja, das sind Endloslisten und ich habe in dieser Zeit mehr oder weniger im Studio gelebt. Ich habe das auch gern gemacht und gut verdient. Die Sache hatte nur einen Haken: Seitens der Produzenten gab es immer Trendvorgaben und irgendwann hatte ich von diesen Auftragsarbeiten genug. Zu dieser Zeit war ich auch Konzertmeister am Theater an der Wien. Und eines Abends beschloss ich, das alles aufzugeben und mit meiner Familie ins Burgenland zu ziehen.

Eine spontane Entscheidung?

Völlig spontan. Wichtig war mir nur, dass meine Frau damit einverstanden war. Sie hatte Verständnis dafür, dass ich keine wie immer gearteten Auftragsproduktionen mehr machen möchte. Wovon wir ab sofort leben sollten, war eine andere Frage.

Wieso fiel die Wahl ausgerechnet aufs Burgenland?

Wir hatten in Bad Sauerbrunn ein Wochenendhaus, außerdem ist mein Vater im Nachbarort Sigleß geboren und mir war diese Gegend bereits von Familienbesuchen vertraut. Ein sehr wichtiger Mensch in dieser Phase war der Maler Gottfried Kumpf, der mich sehr in meiner Entscheidung bestärkt hat, Mitte der 1970er Jahre ins Burgenland zu ziehen und mich von diesem Lebensraum in-spirieren zu lassen.

Was macht nun konkret die von Ihnen geprägte "Pannonische Musik" aus?

Es ist eine Musik, die mein Ausdruck für die Landschaft, aber auch für die Mentalität der Menschen hier ist. Sie spiegelt auch die ungarischen, kroatischen und jüdischen Einflüsse, die es hier gab und gibt. Die erste Langspielplatte die ich in diesem Stil mit meinem guten Freund und hervorragenden Gitarristen Peter Marinoff aufgenommen habe, hieß "Pannonische Balladen und Wiener Tänze". Die LP war ein Insidererfolg. Wir verkauften rund 3000 Stück, das war für damalige Verhältnisse herzlich wenig.

Allerdings wurde André Heller auf diese Platte aufmerksam.

Sein Kommentar lautete: "Diese Musik ist so, wie wenn du in ein Zimmer mit frischer Luft kommst." Er machte uns den Vorschlag, die nächste Platte zu produzieren und ließ uns musikalisch völlig freie Hand. Entstanden ist die LP "Brot und Wein", ein durchschlagender Erfolg, der uns Gold einbrachte.

Offensichtlich gab es also einen Markt für diese Art von Musik.

Dabei wurde ich von den meisten meiner früheren Musiker- und Produzentenkollegen als verrückt erklärt, als sie von meinen neuen Plänen erfuhren. Sie meinten, dass es für diese Musik keinen Markt gäbe. Aber das war meiner Ansicht nach das Beste, was mir passieren konnte. Wenn es keinen Markt gibt, kann man sich einen schaffen. Dann ging es auch schon mit den Konzerten los. Als ich noch in Wien im Studio arbeitete war es immer mein Traum, einmal auf der Bühne des Konzerthauses zu stehen und meine eigene Musik zu spielen. Und auf einmal war es so weit. Das Konzerthaus war ausverkauft und für mich hat sich damals wirklich ein Lebenstraum erfüllt.

Seither gab es Konzerte und Tourneen in aller Welt. Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass Ihre Musik in den unterschiedlichsten Kulturkreisen und Ländern Anklang findet?

Ich glaube, dass man einen dauerhaften Erfolg nur dann haben kann, wenn man authentisch und glaubhaft ist. Wenn man nur das macht, was einem ein Produzent vorschreibt, kann man vielleicht kurzzeitig erfolgreich sein, aber nicht auf lange Sicht. Das Publikum spürt das. Man kann nur dann etwas in ein Publikum hineintragen, wenn es vom tiefsten Inneren herauskommt. Die Musik und das Instrument sollten eigentlich nur als verlängerter Arm des Körpers fungieren. Deswegen ist mein größter Rat an junge Musiker stets der, den eigenen Weg zu gehen, einen unverwechselbaren Ton zu finden und sich nicht verbiegen zu lassen.

Wie sieht der typische Toni Stricker-Fan aus?

Das kann man insofern schwer sagen, weil unser Publikum sehr durchmischt ist. In letzter Zeit kommen auch vermehrt junge Menschen in meine Konzerte. Natürlich keine Teenager, das ist logisch. Ich wäre in dem Alter wahrscheinlich auch nicht auf diese Art Musik abgefahren, aber man kann sagen, dass in meinen Konzerten von 30 aufwärts Menschen aller Altersklassen und Gesellschaftsschichten zu finden sind.

Sie gehen auch mit der Zeit, sind auf Facebook vertreten und haben einen eigenen Blog.

Ohne Internet geht heute ja nichts mehr. Die Leute sollen einfach wissen, was sich tut. Wobei meine Musik nie ein Massenpublikum angesprochen hat. Das wäre auch insofern nicht möglich gewesen, weil ich immer der größte Nein-Sager war, was schnelle Vermarktungsstrategien betrifft. In den Orchestern aller Größenordnungen, in denen wir gespielt haben, und ebenso auch in der Trio-Formation, in der ich nun seit mehr als 20 Jahren gemeinsam mit meinen kongenialen Partnern Michael Hintersteininger und Frank Tepel spiele, suchen wir uns stets Auftrittsorte, deren Dimensionen noch den Kontakt zum Publikum zulassen. Wir spielen für Menschen, die zuhören möchten.

2010, im Rahmen der Feierlichkeiten rund um Ihren 80. Geburtstag, wurde Ihnen der "Amadeus Austrian Music Award" für Ihr Lebenswerk verliehen. Wenig später starteten Sie die Tournee "Jazz & Earth".

"Mit Auftritten in amerikanischen Jazzclubs habe ich mir teilweise mein Studiengeld fürs Konservatorium verdient." Toni Stricker
© Foto: Robert Wimmer

Den Jazz habe ich nie vergessen, weil diese Musik von jeher in mir drinnen war. Neben der "Pannonischen Musik" haben wir zwischendurch immer wieder auch bei Jazzfestivals gespielt. Aber die "Pannonische Musik" war dann mein Markenzeichen und mittlerweile gibt es über 20 CD-Produktionen. Ursprünglich war es mein Hintergedanke, mit 80 aufzuhören, aber dann kommt es ja doch wieder zu neuen Ideen und interessanten Angeboten. Das mit dem Aufhören ist nicht ganz gelungen . . .

Was sind Ihre Pläne für 2014?

Ich habe mir vorgenommen, keine durchgehenden Tourneen mehr zu machen. Ich möchte sehr reduziert Konzerte geben, und dafür wieder ein bisschen was schreiben. Davon abgesehen wünsche ich mir, dass meine Frau gesund bleibt und wir einen schönen Lebensabend verbringen, natürlich mit Musik.

Spielen Sie immer noch täglich Geige?

Ja, meistens sehr zeitig in der Früh.

Das Geigenspiel ist nicht zuletzt auch in körperlicher Hinsicht eine Herausforderung. Wie halten Sie sich so fit?

Indem ich das mache, was ich gern mache. Ich möchte mir nicht die Lebensfreude durch irgendwelche Dinge nehmen lassen. Ich gehe mit unseren beiden Dackeln im Wald spazieren, besuche regelmäßig die Sauna und gehe schwimmen. Ansonsten trinke ich gern ein Glas Wein und lass es mir gut gehen. Alt wird man eh von allein, da braucht man nicht auch noch immer daran zu denken.

Sind für Sie in musikalischer Hinsicht noch Wünsche offen geblieben?

Musikalische Wünsche habe ich eigentlich keine mehr. Früher wollte ich unbedingt in Paris oder New York spielen, diese Wünsche habe ich mir bereits erfüllt. Wenn ich ein Konzert gebe und sehe, dass die Leute zufrieden sind und dass sie berührt sind, dann hat meinem Empfinden nach die Musik ihren Zweck erfüllt. Im Rahmen von Konzerten kommt es auch immer wieder zu Begebenheiten, die mich bis heute freuen.

Könnten Sie da ein Beispiel nennen?

Das schönste Kompliment, das ich je gekriegt habe, stammt von einer deutschen Konzertbesucherin in Donnerskirchen. Sie sagte zu mir: "Wenn ich in der Konzertpause hinausgehe, dann schaue ich Ihre Musik. Wenn ich nach der Pause wieder in den Konzertsaal komme, höre ich die Landschaft." Das sind für mich eigentlich die schönsten Erlebnisse, weil die Verbindung zu der Musik offensichtlich stimmt.

Christine Dobretsberger, 1968 in Wien geboren, freie Journalistin und Autorin, Geschäftsführerin der Text- und Grafikagentur Lineaart.

Zur Person
Toni Stricker ist als Sohn einer Wiener Mutter und eines burgenländischen Vaters 1930 in Wien geboren. Mit sechs Jahren erhält er seinen ersten Violinunterricht und durchwandert nach einer umfassenden klassischen Ausbildung am Konservatorium der Stadt Wien diverse Jazzclubs und Tanzlokale, vorwiegend mit eigenem Ensemble, ehe er zum Inbegriff des Swinggeigers wird. Konzerte, Schallplatten-, Radio- und TV-Arbeiten in fast allen Ländern Europas sind die Folge. Wieder in Wien sesshaft, beginnt Toni Stricker zu komponieren und arrangieren, wird für sechs Jahre Konzertmeister am Theater an der Wien und zum gefragten "Allrounder". Er schreibt neben seinen eigenen Produktionen noch Musik für
Spiel- und TV- Filme, Märchen und Ballett sowie für Schauspieler, Sänger und Showstars.
Mitte der 70er Jahre bricht Stricker abrupt seine erfolgreiche Tätigkeit als Auftragsmusiker ab und übersiedelt mit seiner Familie nach Bad Sauerbrunn im Burgenland, wo er sich auf seine ureigenste Kreativität besinnt. Aus den Stimmungen dieses Lebensraumes, verbunden mit dem für ihn typischen Geigenspiel erwächst eine neue Stilrichtung: Toni Strickers "Pannonische Musik", die er auf mittlerweile mehr als 20 CD-Einspielungen konsequent weiterentwickelt. Er ist heute auf den Bühnen und in den Studios von Paris, Berlin, München, Rom, New York Chicago, Los Angeles und Toronto genauso zu Hause wie beim Umsetzen von neuen Ideen in seinen Domizilen im Burgenland und in Wien.
Weitere Informationen unter:
http://www.tonistricker.net sowie unter
http://tonistricker.wordpress.com

CD-Tipp: Toni Stricker Trio "Impressionen" (Extraplatte).