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"Muslim zu sein, ist derzeit in Europa ein harter Job"

Von Walter Hämmerle

Politik

"Wieviel Religion braucht der säkulare Staat?" | Ruf nach neuer islamischer Theologie. | Wien. Von wegen "Gott ist tot" - der Schlachtruf Friedrich Nietzsches will so gar nicht in die Stimmung des beginnenden 21. Jahrhunderts passen. Überall erlebt die Frage nach den ersten und letzten Dingen des Lebens eine Renaissance - mit weitreichenden Konsequenzen für unser Modell des säkularen Rechtsstaats.


Und auch wenn man in unseren Breiten dank Osama bin Laden & Co in diesem Zusammenhang zuvorderst an das Auftreten eines militanten Islams denkt - diese Problematik ist keine exklusiv muslimische. Das machte am Dienstagabend eine Diskussionsrunde zwischen den drei monotheistischen Religionen in Wien deutlich, die vom Karl Lueger Institut und der Initiative Christdemokratie - beide ÖVP-nah - veranstaltet wurde. Die Frage, um die es dabei ging, lautete: Wieviel Religion braucht der säkulare Staat?

"Gar keine", lautete darauf die Antwort von Willy Weisz. Der säkulare Staat müsse allen seinen Bürgern eine Heimat bieten, so der jüdische Rabbi. Weisz kann demgegenüber dem radikalen Modell Frankreichs viel positives abgewinnen, das etwa Religionsunterricht an staatlichen Schulen verbietet. Dies verhindere verlässlich ein Übermaß an Einfluss einer Religion.

Gleichzeitig vermisst Weisz jedoch auch jene radikale Kritik der Religionen an den österreichischen Fremdengesetzen. Laut dem Rabbi würden nämlich Bibel, Koran und Thora diese scharf verurteilen. Abraham beispielsweise, wäre längst aus Österreich hinausgeworfen worden, habe er sich doch mindestens drei Mal als "böser Wirtschaftsflüchtling" betätigt.

"Ein Staat ohne Religion ist wie ein Auto ohne Bezin - es fährt nicht außer es geht abwärts." So formulierte die katholische Theologin und Sozialethikerin Ingeborg Gabriel ihren Zugang zum Thema. Viel wichtiger erscheint ihr jedoch, welche Art von Religion der säkulare Staat verlangt. Hier steht für sie die Bereitschaft zu gewaltfreier Konfliktaustragung sowie zur Konfliktbewältigung durch einen Dialog der Argumente im Mittelpunkt.

Am schwierigsten stellte sich die Frage des Abends für den Vertreter des Islams. "Muslim zu sein, ist derzeit in Europa ein harter Job", erklärte Ednan Aslan, islamischer Religionspädagoge in Wien. "Die Muslime sind noch nicht im säkularen Rechtsstaat heimisch geworden, weil sie auch noch nicht in dieser Geselschaft angekommen sind", zeigte er sich überzeugt: "Die Muslime müssen sich selbst als Teil dieser Gesellschaft wiederfinden."

Als Voraussetzung für diesen Integrationsprozess nennt Aslan eine neue islamische Theologie, die die Werte des demokratischen Rechtsstaats aus dem Koran heraus in sich integrieren müsse. Dies sei jedoch "ein sehr , sehr mühsamer Prozess".