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Muslime, Extremisten und Zeigefinger-Bürger

Von Tahir Chaudhry

Gastkommentare
Tahir Chaudhry studiert Philosophie und Islamwissenschaften. Er ist freier Journalist und Chefredakteur des Magazins "Das Milieu" (www.dasmili.eu).

Islam-Kritiker suchen Kronzeugen für die Bestätigung ihrer Urteile und finden sie in extremistischen Minderheitenpositionen.


Wenn Muslime beteuern, es gebe keinerlei Schwierigkeiten im Umgang mit Extremisten in den eigenen Reihen, klingt das nach einem Tumorpatienten, der die Hilfe eines Arztes in Frage stellt. Auch wenn das Herz noch funktioniert, wird der Patient über kurz oder lang sterben. Muslime sollten daher nicht leugnen, dass es ein Problem gibt, dürfen aber gleichzeitig den Patienten nicht Islam-Kritikern überlassen, die mit der Axt auf ihn losgehen, um den Tumor zu entfernen.

In diesen Zeiten ist es durchaus lukrativ, Extremist oder Islam-Kritiker zu sein. Beide propagieren Ansichten, die ihren Broterwerb sichern, beide lechzen nach Aufmerksamkeit, Einflussnahme und sind Gefangene ihrer selektiven Wahrnehmung, indem sie Koran-Verse aus deren Kontext reißen. Der Unterschied ist, dass der Extremist im Zweifel über Leichenberge geht, während der Kritiker sich blauäugig als Siegertreppchen zur Verfügung stellt, um seinen Anteil am Blitzlichtgewitter zu sichern.

Die schamlose Islam-Schelte ist so erfolgreich, weil Unwissenheit und Fremdenangst der breiten Masse ausgenutzt werden. Brächte nicht Christentum-Kritik im wahabitisch geprägten Saudi-Arabien mühelos tosenden Beifall ein? Hierzulande werden Kritiker hofiert und damit Muslime pauschal diffamiert. Das spielt Extremisten und ihrer Propaganda in die Hände. Hierbei bieten ihnen Medien einen ausgezeichneten Service, denn wer am lautesten schreit, darf vor das Mikrofon, wer sich am skurrilsten aufführt, darf vor die Kamera. Das führt zu Fehlurteilen und zur Bestätigung ewiger Klischees. Extremisten meinen zu wissen, was der "wahre" Islam sei, und Kritiker akzeptieren eben jenen Islam, um ihn und 1,6 Milliarden Muslime zu diffamieren.

Derzeit morden etwa 30.000 Kämpfer aus Habsucht, Herrschsucht und Ehrsucht unter dem Deckmantel des Islam. Wer sich mit dem Koran beschäftigt, erkennt, dass der "Islamische Staat" im Widerspruch zu den Lehren des Islam steht. Die Heilige Schrift der Muslime ist gemäß Eigendefinition "eine Richtschnur für die Rechtschaffenen". Islam-Kritiker zweifeln zwar recht voreilig an ihrem weisheitlichen Gehalt, setzen aber fatalerweise fest auf die Rationalität und Aufrichtigkeit des Benutzers und ignorieren dabei den sozialen und politischen Kontext. Erst eine Veränderung struktureller und sozio-ökonomischer Umstände wird den erforderlichen Nährboden für eine Reform der Gesinnungen bereiten. Gleichzeitig müssen schädliche Ideologien durch neue Ideen und Theorien ersetzt werden. Dazu muss allerdings das vielfältige Angebot stärker in den Mittelpunkt rücken. Warum hören wir denn ständig vom IS-Kalifat? Müssten wir nicht auch mehr vom rein spirituellen Kalifat der Ahmadiyya Muslim Jamaat hören, einer friedlichen Reformbewegung mit 120-jähriger Tradition und zig Millionen Mitgliedern in mehr als 200 Staaten? Stattdessen suchen sich Islam-Kritiker Kronzeugen für die Bestätigung ihrer Urteile und finden sie in extremistischen Minderheitenpositionen, während Zeigefinger-Bürger des Westens sie in den radikalen Thesen der Kritiker finden. Gerade im Westen braucht es Foren für einen innerislamischen Dialog. Erst dann wird sich jene Theologie durchsetzen, die die Vernunft des Menschen anspricht.