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"Muslime haben Freibrief für alles"

Von Ina Weber und Iris Mostegel

Politik
"Der Islam unterläuft die westlichen Werte." Foto: weber

Dialog mit säkularen Muslimen soll gestärkt werden. | Wiener Zeitung": Was ist es, was sich dieser Wochen ausgelöst durch die Mohammed-Karikaturen abspielt? | Hans-Peter Raddatz: Das war eine konzertierte Aktion einer islamistischen Lobby, um einmal mehr die westlichen Schuldgefühle zu testen. Die Dänen haben anfangs zwar ungeschickt agiert, indem sie Gespräche verweigert haben. Aber ein Dialog, der mit dem Anzünden von Botschaften arbeitet, ist sicher indiskutabel.


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Wie soll der Westen mit der Situation umgehen?

Indem man aufhört, Lippenbekenntnisse abzulegen. Stattdessen sollten wir die demokratischen Grundwerte Europas als nicht verhandelbar und für alle verbindlich definieren. Im Laufe der vergangenen Jahre haben die Muslime allerdings erkannt, wie schwach Europa in dieser Hinsicht ist und daher immer mehr Rechte auf der eigenen Rechtsbasis eingefordert. Und in den westlichen Ländern hat nachgegeben.

Sprechen Sie jetzt von Muslimen oder von Islamisten?

Von Islamisten. Nur die Krux ist ja die, dass die im Westen vorgeblich gemäßigten Muslime in Wirklichkeit oft Islamisten sind. Im Speziellen spreche ich von den offiziellen Vertretungsorganen der Muslime: Sie sind - auch wenn sie anderes behaupten mögen - islamistisch orientiert und haben alles andere als demokratische Absichten.

Wie meinen Sie das?

Sie geben vor, unsere Grundwerte zu akzeptieren, aber wenn´s ans Eingemachte geht, hört sich die Akzeptanz auf. Das zeigt sich unter anderem darin, dass der Schulunterricht mittlerweile nicht mehr nach unseren sondern nach deren Richtlinien abläuft. Ich denke hier an die Sexualkunde oder an den Schwimmunterricht.

Wie sehen Sie den derzeitigen Dialog mit dem Islam ?

In den vergangenen Jahren hat sich im Westen eine kontraproduktive Toleranzideologie entwickelt, die Muslimen ungeprüft alles durchgehen lässt. Man hat sie unter eine Art Schutzhülle gestellt - womit sie einen Freibrief haben, alles zu tun, was sie wollen.

Brauchen wir mehr Intoleranz?

Nein. Wir brauchen mehr Wissen über den Islam.

Was könnte uns aus dem Konflikt herausführen?

Eine neue Form des Dialogs. Wir sollten der schweigenden, säkularen Mehrheit der Muslime eine konkrete Plattform anbieten und sie zu einem demokratischen Dialog ermutigen.

Sind gläubige Muslime in den Westen überhaupt integrierbar?

Nur wenn sie ihren ganzheitlichen Anspruch aufgeben und sich auf die spirituelle Ebene beschränken.

Das Gros der Muslime betont immer wieder den friedfertigen Charakter ihrer Religion. Was sagen Sie dazu?

Tatsache ist, dass der Koran Gewalt ausdrücklich zulässt, womit das Vorgehen religiöser Extremisten legitimiert wird. Ich behaupte aber nicht, dass alle Muslime per se gewalttätig sind.

Inwieweit hat der Westen zur Radikalisierung des Islam beigetragen?

Mit einer doppelzüngigen Politik hat er den Islamisten direkt in die Hände gespielt. Zentrales Problem ist, dass der Westen seine moralischen Standards verbal predigt, in Bezug auf das islamistische Problem aber nicht anwendet. Zum einen gibt man vor, die Demokratie im arabischen Raum stärken zu wollen, zum anderen finanziert man die korrupten Regime. Auch darf man den Einfluss von Islamisten auf islamische Investoren und damit wiederum auf die westliche Wirtschaft und Finanzwelt nicht vergessen. Blenden die Politiker diese Zusammenhänge weiterhin aus, nimmt der islamistische Einfluss auf höchster Ebene weiter zu.

Spielen sozialpolitische Faktoren nicht auch eine Rolle ?

Auf jeden Fall. In Europa werden viele Migranten zu Niedrigstlöhnen ausgebeutet, was die Islamisten mit neuem Argumentationsmaterial versorgt. Unsere Politiker müssten ausgleichende Mechanismen schaffen, sonst kommt es zu immer mehr Unruhen. Der Konflikt wird künftig dadurch verschärft, dass aufgrund einer rapid ansteigenden Arbeitslosigkeit in den arabischen Ländern eine große Migrationswelle auf Europa zukommt. Und das liefert gewaltigen Zündstoff.

Hans-Peter Raddatz, 1941 in Deutschland geboren, ist promovierter Islamkundler und Volkswirt und hat als selbstständiger Systemanalytiker über viele Jahre die Nahostinteressen internationaler Banken und Unternehmen vertreten.