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Muss am Ende der Staat helfen?

Von Karl Leban und WZ-Korrespondent Wolfgang Tucek

Wirtschaft

Brüssel für den Fall von Subventionen zu Erleichterungen bereit. | AUA-Mutter Lufthansa prüft Regressansprüche. | Aschewolke könnte Konjunkturerholung europaweit abwürgen. | Brüssel/Wien. Das Ungetüm am Himmel zieht seine Kreise: Auch am Montag hat die Riesenwolke aus isländischer Vulkanasche den Luftverkehr über weiten Teilen Europas "ausgebremst". Bei den Airlines liegen die Nerven blank. Mit jedem weiteren Tag, an dem wegen behördlicher Verbote nicht geflogen werden kann, gehen der Branche dreistellige Millionenbeträge verloren. Falls der Luftraum noch für Wochen gesperrt bleiben sollte, wird es vor allem für kleinere und kapitalschwache Fluglinien eng. Damit sie nicht in der Insolvenz landen, könnte es europaweit nun sogar zu Staatshilfen kommen.


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Jedenfalls hat sich die EU-Kommission zu Wochenbeginn bereiterklärt, derartige Hilfen, über die von den jeweiligen Regierungen von Fall zu Fall selbst entschieden werden müsste, zu erleichtern. Allerdings müssten solche Subventionen selbst unter einem vereinfachten Verfahren der Kommission gemeldet und von ihr bewilligt werden, heißt es in Brüssel. Außerdem müssten die Zuwendungen auf eine nicht diskriminierende Weise allen Fluglinien gewährt werden, die in dem betroffenen Mitgliedstaat operieren. Und: Die Hilfszahlungen müssten auf den Ersatz der tatsächlich durch die Flugsperre entstandenen Kosten beschränkt sein, so eine Kommissionssprecherin zur "Wiener Zeitung".

Nach Schätzungen des internationalen Luftfahrtverbandes IATA kosten die anhaltenden Flugausfälle die Branche inzwischen rund 250 Millionen Dollar - umgerechnet 185 Millionen Euro - pro Tag. Der Gesamtschaden seit Donnerstag dürfte sich somit bereits auf mindestens eine Milliarde Dollar summieren.

Pleitegefahr bei den Kleinen

Dauert die Sperre noch ein bis zwei Wochen an, würden in Europa einige der 100 bis 150 Fluglinien pleitegehen, prognostiziert der europäische Airline-Verband AEA. Für manche wäre bereits ein Betriebsstillstand von fünf bis zehn Tagen "nicht verkraftbar". Im Gegensatz dazu gelten große Carrier wie die Deutsche Lufthansa (und damit auch deren Tochter AUA) oder die Air France/KLM als nicht akut gefährdet. Wegen ihres mit mehreren Milliarden gefüllten Kapitalpolsters haben sie einen viel längeren Atem als kleinere Mitbewerber.

Zur Erinnerung: Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 durften in den USA aus Sicherheitsgründen zumindest zwei Tage lang keine Verkehrsflugzeuge starten oder landen. Die Flugausfälle, primär aber die folgende Zurückhaltung der Kunden wegen der Terrorangst, rissen den Fluglinien damals tiefe Löcher in die Bilanzen und stürzten sie in eine schwere Krise. Laut IATA waren es insgesamt bis zu 10 Milliarden Dollar, die ihnen als Umsatz fehlten. In den USA musste die Regierung rasch handeln und mit Direkthilfen und Kreditgarantien in mehrfacher Milliarden-Höhe einspringen, um trudelnde Fluggesellschaften vor dem Absturz in die Pleite zu bewahren.

Nervosität in Branche steigt

Von solchen Schreckensszenarien sind Fluggesellschaften in Europa zwar noch weit entfernt, trotzdem steigt bei ihnen die Nervosität. "Die meisten Airlines verdienen derzeit überhaupt nichts", erklärt ein Sprecher der AEA. Im Gegenteil: Alleine die Lufthansa, Europas größter Airline-Konzern, verliert grob gerechnet täglich rund 25 Millionen Euro, zieht man den wirtschaftlichen Schaden durch den Pilotenstreik vom Februar als Vergleichsbasis heran.

Bei der AUA, die von ihrer Größe her weniger als ein Viertel der Lufthansa ausmacht, sind es demnach - ebenfalls grob gerechnet - rund 5 Millionen Euro täglich. In ähnlicher Höhe dürfte sich Analysten zufolge auch der Schaden bei Billigfliegern wie Ryanair, Easyjet und Air Berlin bewegen (pro Tag). Bei Niki, der Airline des früheren Formel-1-Weltmeisters Nikolaus Lauda, werden die bisherigen Gesamteinbußen mit 8 bis 10 Millionen Euro beziffert.

Die Lufthansa erwägt jetzt sogar, Regressansprüche bei den Behörden geltend zu machen. Sie kritisiert die Flugverbote als weit überzogen, alle Testflüge durch die Aschewolke wären problemlos gewesen. Auch Airliner Lauda hat am Montag die Luftraumsperren erneut massiv kritisiert ( Seite 3).

Neben den Airlines und den Flughäfen treffen die Flugverbote auch den Tourismus hart. Europas größter Reiseveranstalter TUI gibt die täglichen Belastungen mit bis zu 7 Millionen Euro an. Andere Branchen hingegen profitieren von der Misere - etwa die ÖBB, die seit Freitag 54 zusätzliche Züge für gestrandete Flugreisende bereitgestellt haben. 40.000 bis 50.000 zusätzliche Passagiere habe man registriert, ziehen die ÖBB zufrieden Bilanz.

In der Hoffnung auf eine baldige Wiederaufnahme des Flugbetriebs haben Wirtschaftsforscher ihre Prognosen für das europäische Wachstum bisher nicht nach unten revidiert. Sollte die Wolke den Flugverkehr jedoch für Monate zum Erliegen bringen, könnte das Wirtschaftswachstum um bis zu zwei Prozentpunkte zurückgehen, rechnen Volkswirte vor.