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"Mutter Russland lässt uns nicht im Stich"

Von Simone Brunner

Politik
Bilder einer Ausstellung: "Ich bin so froh, dass das mit dem Krim-Beitritt geklappt hat. Ein großes Dankeschön an Putin", sagt Lehrerin Larissa (oben links).

Die Krim feiert den Jahrestag der Annexion. Im Trubel der Feierlichkeiten wird der Druck auf Andersdenkende erhöht.


Simferopol. Am Flughafen von Simferopol herrscht geschäftiger Betrieb. Nicht in der Ankunfts- und Abflughalle, sondern auf der Baustelle. Bagger schichten Erdreich um, Bauteile schweben über den Köpfen der Arbeiter, Gerüste werden zusammengelötet. Wie durch ein Schaufenster blicken die Passagiere, die gerade aus Moskau angekommen sind und auf ihr Gepäck warten, auf die Bauarbeiten. Sie nicken zufrieden. "Endlich wird unsere Krim aufgebaut!"

Gerade dieser Tage ist man auf der Halbinsel um Feierlaune und Aufbruchstimmung bemüht. Mehr als eine Milliarde Euro soll in den Umbau des Flughafens fließen, weitere Milliardeninvestitionen sind für die Infrastruktur geplant. Im Zentrum von Simferopol, der Hauptstadt der Krim, ist die Lenin-Statue in ein Gerüst gehüllt - eine große Bühne für die Feierlichkeiten am 16. März, dem Jahrestag des umstrittenen Referendums zur Angliederung an Russland.

Im staatlichen akademischen Musiktheater der Republik Krim, einem kastenförmigen Sowjetbau gleich neben der Lenin-Statue, stimmt man sich schon auf die Feiern ein. Dmitri Polonski, Innenminister der Krim, hat zur Fotoausstellung "Dein Krim-Frühling" geladen. "Unsere Wahl - unser Sieg" steht auf einem großen Plakat, darüber blickt eine blonde Frau in die Ferne, hinter ihr eine Menschenmenge und der Umriss der Krim - in die Farben der russischen Fahne getaucht, Weiß-Blau-Rot. "Uns war es wichtig, keine Fotos von professionellen Fotografen auszustellen, sondern von den einfachen Leuten", sagt Polkonski. Aus 2000 Einsendungen wurden die besten 90 ausgestellt, denn damals hätten "die einfachen Krim-Bewohner durch ihr eigenes Handeln Geschichte geschrieben", so Polonski weiter. Auf Staffeleien sind Fotos ausgestellt - Selfies mit den "höflichen Menschen", wie die russischen Soldaten ohne Hoheitsabzeichen genannt werden. Kinder, die Luftballone in weiß-blau-roten Farben in den Himmel steigen lassen. Demonstranten, die Schilder mit dem Sowjetstern hochhalten. "Yankee, go home". "Fascists no". "Nato go home."

"Dankeschön an Putin!"

Auch Larissa, eine Lehrerin aus einem Dorf in der Nähe von Sewastopol, kinnlanges rot-gefärbtes Haar, ist heute gekommen. Sie zeigt stolz auf ein Foto - eine Menschengruppe, in russische Flaggen gehüllt, wehende Fahnen im Wind. Ihr Mann hat das Foto am Abend des 18. März in Sewastopol geschossen, nachdem der Vertrag zum Beitritt der Krim zur Russischen Föderation nach einer umstrittenen Volksbefragung unterzeichnet wurde. "Ich bin so froh, dass das mit dem Krim-Beitritt geklappt hat. Ein großes Dankeschön an Putin!", sagt Larissa. Ihr Sohn habe sich damals als Selbstverteidiger organisiert, um die Krim vor den ukrainischen Nationalisten zu schützen, von denen im russischen Fernsehen nach dem Maidan ständig die Rede war. "Wir wussten ja nicht, was passieren wird. Es war, als wäre plötzlich die ganze Dunkelheit um uns herum abgefallen." Ein Besucher tritt spontan an das Mikrophon und sagt: "Ich bin stolz darauf, was wir geschafft haben. Wir müssen uns jetzt nicht schämen vor unseren Kindern. Mutter Russland wird uns nicht im Stich lassen!"

Wenige Autominuten von der Ausstellung entfernt ist nichts mehr von Feierlaune zu spüren. Vor einer kleinen Gruppe von Journalisten hält ein junger Mann seinen Gerichtsbescheid in die Kamera. Alexander Krawtschenko wurde soeben zu 40 Stunden Sozialarbeit verurteilt, weil er am 9. März an einer Veranstaltung im Gedenken an den ukrainischen Schriftsteller Taras Schewtschenko teilgenommen hatte. Ein Band in blau-gelben Farben baumelt von seinem Anorak, darunter trägt er ein ukrainisches Trachtenhemd. Als er die Begründung für seine Verurteilung vorliest, bricht er in Lachen aus. "Das ist eine einzige Farce. Ich wurde verurteilt, weil ich die ordnungsgemäße Durchführung einer Veranstaltung zugelassen habe." Sein Kollege, Wildar Schukurdschijew wurde für die Teilnahme an einer "extremistischen Organisation" und den "Einsatz deren Symbolik" und "Verbreitung von extremistischem Material" ebenso zu Sozialarbeit verurteilt. Schukurdschijew hatte während der Veranstaltung eine ukrainische Fahne in den Händen gehalten. "Ist das jetzt ein Präzedenzfall - und die ukrainische Fahne - die Fahne eines anderen Staates - verboten?", fragt Schukurdschijew.

Überhaupt wurde zuletzt der Druck auf jene Menschen, die der Annexion der Krim kritisch gegenüberstehen, massiv erhöht. Zuletzt wurden mehrere krimtatarische Aktivisten von der Polizei einvernommen. Der Vorwurf: Störung der allgemeinen Ordnung am 26. Februar 2014, nach dem Artikel 212 des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation. Damals, wenige Tage nach dem Umsturz am Kiewer Maidan, war es in Simferopol zu Zusammenstößen vor allem zwischen pro-russischen und krimtatarischen Demonstranten gekommen. Das Brisante dabei: Am 26. Februar war die Krim selbst aus russischer Sicht noch gar nicht Teil der Russischen Föderation.

"Alle glücklich, alles wird gut"

"Wir leben hier auf der Krim heute in zwei Realitäten", sagt ein lokaler Journalist, der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte. "Die offizielle Version ist, dass jetzt alle auf der Krim sehr glücklich sind - endlich kümmert sich Russland um uns - und alles wird gut." Die andere Seite der Medaille sei freilich der massive Druck auf Andersdenkende: "Natürlich war die Ukraine auch kein idealer Staat für uns und es gab viele Probleme", sagt der Journalist. "Aber eine derartige Einschränkung der Menschenrechte und Meinungsfreiheit hat es unter der Ukraine nie gegeben." So hätte es in den 23 Jahren seit der Unabhängigkeit der Ukraine regelmäßig pro-russische Veranstaltungen und Demonstrationen auf der Krim gegeben, die aus Moskau finanziert wurden. "Das ist Versammlungs- und Meinungsfreiheit und war deswegen absolut geduldet." Erst gestern wurde die Wohnung einer Journalistin in Simferopol vom russischen Geheimdienst durchsucht, die Journalistin wurde verhört. Über die Hintergründe ist bis Redaktionsschluss nichts bekannt. Auch die OSZE bezeichnete die Lage auf der Krim zuletzt als "zutiefst beunruhigend und besorgniserregend."

Eine überwältigende Mehrheit der Krim-Bewohner scheint indes mit der derzeitigen Situation zufrieden zu sein. Bei einer Telefonumfrage des deutschen Marktforschungsinstituts GfK sprachen sich 82 Prozent der Befragten im Januar dieses Jahres für eine Eingliederung an Russland aus. Kritiker zweifeln diese Zahlen indes an, da die Umfrage telefonisch durchgeführt wurde und die Menschen schlichtweg Angst vor Verfolgung hätten. Für Aufsehen sorgte indes eine Umfrage, die vor wenigen Tagen auf der "Krimskaja Prawda" veröffentlicht wurde: Demnach würden sich heute 64 Prozent der Befragten für weitere Autonomie - aber im Verbund der Ukraine - aussprechen. Die Umfrage wurde jedoch umgehend vom Server gelöscht und als Angriff von Hackern dementiert.

Fragt man die Menschen auf den Straßen von Simferopol, so zucken die meisten mit den Achseln. Die Pensionen und Gehälter seien erhöht worden - durch den Rubelabsturz und die gestiegenen Preise bleibe den meisten davon aber nur wenig mehr in den Taschen. Das Leben sei nicht wirklich besser, aber auch nicht schlechter geworden - im Unterschied zur krisengebeutelten Ukraine. Und Moskau greift für die Krim tief in die Taschen: 75 Prozent des heurigen Budgets für die Krim sollen aus Russland kommen - 47 Milliarden Rubel, umgerechnet 730 Millionen Dollar. Deutlich mehr als die knapp 360 Millionen Euro, die 2014 vom ukrainischen Budget für die Krim vorgesehen waren. 19 Flugverbindungen gibt es täglich zwischen Moskau und Simferopol. Was der Krim an ukrainischen und anderen internationalen Touristen fehlt, soll eben mit russischen Touristen ausgeglichen werden.

Es gibt aber etwas, was für die meisten mehr zählt als alle Preisvergleiche, Währungsschwankungen und Touristenströme. Jeden Tag werden im Fernsehen die Schreckensbilder aus dem Donbass gezeigt. "Hauptsache, wir haben keinen Krieg!", sagt Wiktor, ein Pensionist. "Das Wichtigste ist jetzt der Frieden", sagt auch Larissa, die Lehrerin. Nachdem die Krim von Russland annektiert worden war, brach in der Ostukraine ein blutiger Konflikt zwischen pro-russischen Separatisten und der ukrainischen Armee los. Auf der Krim verlief die Machtübernahme friedlich. Das ist heute für viele Menschen auf der Krim Grund genug, um zu feiern.