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Mysterien im Hauptbahnhof

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Reflexionen

Joseph Beuys war im späten 20. Jahrhundert einer der bekanntesten Künstler. Was ist - 30 Jahre nach seinem Tod, 95 Jahre nach seiner Geburt - von der Faszination seiner Kunst geblieben?


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Er sagte nie von sich, er sei ein Kunstschamane, sehr wohl aber verwendete er in Interviews den Begriff "Hasomane" und agierte mit Tieren in seinen Fluxus-Aktionen. Auch mit Gesten und seinem eine Kopfverletzung schützenden Hut arbeitete er - genau, wie es die Wissenschaft für die Schamanen beschreibt: Joseph Heinrich Beuys (1921-1986) beunruhigte die Gemüter in Europa um 1970. Dreißig Jahre nach seinem Tod, zu seinem 95. Geburtstag, stellt sich die Frage, was von dem Revolutionär geblieben ist, der locker, passend zu seiner Zeit, aussprach: "Jeder Mensch ist ein Künstler" und "Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt".<p>Die Preise seiner Kunstwerke schwanken stark, und auch der Streit um den Neuaufbau seiner Installationen wütet heftig. Manche meinen, keine Rekonstruktion käme an seine Vorgaben heran, noch die beste bliebe seelenlos. Sein früherer Wegbegleiter Bazon Brock verlangt radikal die Entsorgung aller Relikte, die der charismatische Performer Beuys hinterlassen hat. Dann blieben nur mündliche Überlieferung, Fotos und Filme, auch viele Zeichnungen skizzieren die Grundideen seiner Kunsterweiterung als "soziale Plastik". Das Wegwerfen scheint aber doch maßlos übertrieben, denn es gibt nicht nur wunderbare Papierarbeiten des Künstlers, sondern auch viele Bespiele für neue, arme Materialien in der Kunst nach 1945, die für Generationen entscheidend waren.<p>

Schwellenkunst

<p>Die postkoloniale wie die postfeministische Kunsttheorie bezichtigt Beuys heute, er habe mit seinen Amazonen- und Schamanenmotiven aus dem Osten traditionelle Motive des Anderen konstruiert und sie in aktuelle Ästhetik transferiert. Doch sind seine Arbeiten keine Mogelpackungen, sie stehen zwischen klassischer Moderne und Nachmoderne. Wächter auf Schwellen zwischen den Welten waren ehedem die Schamanen, dessen war sich Beuys bewusst. Sein Superstarkult hatte mehr Macho-Züge als der von Andy Warhol, aber seine Vorstellung, die Kunst könne einen negativen in einen positiven Führer verwandeln und damit zur Gesellschaftsreform beitragen, weist viele Brüche auf, sodass sie keinerlei rassistische oder andere Stereotypen fortschreibt.<p>Beuys hat nie verleugnet, bei der Hitlerjugend und in der Wehrmacht als Funker und Kampfflieger tätig gewesen zu sein; jedoch hat er in den dreißiger Jahren auch Bücher Thomas Manns, Carl von Linnés und einen Katalog mit Werken von Wilhelm Lehmbruck vor der Verbrennung bewahrt und auf der Krim sein theosophisches Kräuterwissen für die Speisung aller eingesetzt.<p>Neueste Biografien werfen ihm den Verkauf von Werken an Sammler vor, die wie er mit dem Nationalsozialismus taktierten, und bezweifeln seine künstlerische Biografie. Besonders verlogen erscheint sein Bericht über seinen Absturz als Kampfflieger der Wehrmacht: Die Tataren hätten ihn gerettet und seine Schädelverletzung im Winter durch Einwickeln seines Körpers in Fett und Filz geheilt.<p>Künstlerische Freiheit steht aber gerade Beuys zu, den Verbote der Nationalsozialisten ebenso wenig erreichten wie deren Auffassung von "Entarteter Kunst". Lehmbruck war als fiktiver Lehrer für ihn wichtiger als Ewald Mataré, der ihn ab 1948 in Bildhauerei an der Düsseldorfer Akademie unterrichtete.<p>Beuys’ Mythen entsprechen nicht den "individuellen Mythologien", von denen Harald Szeemann sprach, doch seine Vielstimmigkeit machte ihn für alle Großausstellungen unentbehrlich. Er sah sich als Anarchist - ähnlich dem Baron Jean Baptiste Cloots aus Kleve, der sich als führender Kopf in der Französischen Revolution nach einem der sieben Weisen der griechischen Antike, Anacharsis Cloots nannte. Diesem von Robespierre geköpften Denker eines Staates für das Menschengeschlecht widmete Beuys 1976 auf der Biennale in Venedig sein Hauptwerk "Straßenbahnhaltestelle", eine komplexe Installation, die durch Erdaushub unterirdisch Kleve und Venedig verbinden sollte.<p>Sympathien für Karl Marx, Rudolf Steiner und Otto Muehls Kommune sind zeitbedingt - einer gewissen Rückwärtsgewandtheit von Gesellschaftsmodellen stehen ahnungsvolle Blicke in die Zukunft gegenüber, entsprechend seinem Spruch von 1980: "Man soll nie zu weit in die Geschichte hineinschauen, nie mehr als 500 Jahre in die Zukunft". Regression ist somit immer auch Progression, Beuys bleibt ein Meister der Ambiguität, die in der nachmodernen Kunst bis heute regiert.<p>

Kult und Gegenwart

<p>Es waren tausende Jahre, prähistorische Höhlenzeichnungen und keltische, auch auf Skythen und Tataren erweiterte Sonnen-, Baum- und Tierkulte, die Beuys in seine Aktionen, Zeichnungen und Vitrinen integrierte und mit aktuellen Ereignissen in Europa und den USA konfrontierte. Den Fall der Mauer erlebte er nicht mehr, doch sein ironischer Vorschlag von 1964, diese um fünf Zentimeter wegen besserer Proportion zu erhöhen, spricht für sich.<p>Thomas Zaunschirm hat auf das Multiple "Cosmos und Da-
mian" hingewiesen, das die beiden Stahltürme des World Trade Center in New York wegen ihrer kapitalistischen Kälte mit Margarinefett überzogen zeigt, darüber geschrieben die Namen zweier christlicher Märtyrer und Heiler aus dem ehemaligen Bulgarien. (Den richtigen Namen "Cosmas" hat Beuys bezeichnenderweise in "Cosmos" geändert.) Ein Vierteljahrhundert vor 2001 ist das von nicht geringer Brisanz.<p>Zusammenhängend ist seine Gleichung "Kunst = Kapital", ein Beharren auf kreativen Prozessen gegen die Rangkämpfe des Geldes am kapitalistischen Kunstmarkt, eine Aufwertung poetischer Intuition, animistischer Aktion zur Belebung seiner Materialien, die kaum haltbar auf Dauer, immer noch die Aura seiner Kunstwerke ausmachen.<p>Als Gründungsmitglied der deutschen "Grünen" 1980 galt sein Einsatz einer sozial ausgeglichenen Wirtschaft und der Umwelt. Das ist in seinem offen bleibenden Projekt der Pflanzung von "7000 Eichen für Kassel" über seine Lebenszeit hinaus sichtbar. Aber als Realpolitiker traute ihm die Partei nicht - schon sein Plakat mit einem kleinen Jäger, der auf einen großen Hasen schießt, wurde missverstanden.<p>Beuys verband Schamanismus mit dem experimentellen Theater der Moderne zum heiligen Unsinn des revolutionären Fluxus, und er blickt zurück zur Prähistorie und in die Romantik. Das haben prominente Autoren wie Werner Hofmann und Beat Wyss verfolgt - dabei geht es um Kunst als Religion, um enzyklopädische Ansätze und Überwindung des positivistischen Fortschrittsglaubens. Für Hofmann führen Beuys’ lineare Chiffren aus "barbarischen Kulträumen" in ihrer Abstraktion zur Erkenntnis, dass der Mensch nicht als "Alleskönner" über die Natur herrschen darf.<p>Deshalb sind für Beuys Tiere wie der Hase, das weiße Pferd, der Kojote und der Hirsch wie in nomadischer Vorzeit geistige "Außenorgane" des Menschen. In den frühen Aktionen Mitte 1960 - "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt" (s.o.), "Eurasia" oder "Sibirische Symphonie" - agierte Beuys mit seinem Alter Ego, einem ausgestopften Hasen, der sich für ihn durch Wendigkeit, Fruchtbarkeit und Fähigkeit zum Eingraben auszeichnet. Ein Schimmel begleitete ihn auf die Bühne in Frankfurts Theater am Turm 1969, wo er Tierlaute und das laute Knallen von Becken gegen die Lesung Claus Peymanns nach "Titus Andronicus/Iphigenie" (Shakespeare und Goethe) anklingen ließ.<p>Intuition gegen Ratio? Sein fast einwöchiges Zusammenleben mit dem Kojoten Little John in der New Yorker Galerie René Blocks 1974 war der hochpoetische Versuch, die Erinnerung an den Massenmord der Ureinwohner durch die Europäer mittels des indianischen Tiergottes wach zu halten. Kevin Costners späterer Film "Der mit dem Wolf tanzt" kann seine Orientierung an Beuys ebenso wenig verleugnen wie Aktionen des anarchischen Regisseurs Christoph Schlingensief.<p>Wärmender Filz und Schlitten mit Notausrüstung für neue Wanderer durch Asien und über die Beringstraße begleiten Mensch und Tier in der Installation "Rudel". Erschwingliche Multiples wie Filzanzug, "Intuitionsbox" oder "Rückenstütze für einen feingliedrigen Menschen (Hasentypus)" sollten finanzielle Schwellenängste auflösen und Seelenreisen zum inneren Kontinent ermöglichen.<p>Die "Intuitionsbox" ist in einer Auflage von 12.000 Stück erschienen, mit anfangs acht, dann 12 und regulär 27 DM (vier, sechs oder 13,50 Euro) war sie für alle erschwinglich, heute ist sie etwa 1000 Euro wert. Wir können in sie hineinblicken und sehen eine links und rechts abgeschlossene Strecke und eine offene hin zum Wort "Intuition", das in alter Sütterlinschrift geschrieben ist; die Geistesreise ist also nach wie vor im Gange.<p>

Lustige Demokratie

<p>Ebenso aktuell wie die Wertediskussion von Kunst ist die um Formen der Demokratie. In Diskursen von Beuys auf der documenta 5, 1972 in Kassel, forderte eine Tafelaufschrift "Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung". Beuys verband damit den nötigen Wandel vom Klassenbegriff in einen Menschenbegriff, und er negierte an der Akademie den Numerus clausus. Er hatte bald 700 Studenten in seiner Klasse. Die deshalb vorgenommene Entlassung als Hochschullehrer galt später als rechtswidrig; Beuys druckte mit Verlegerkünstler Klaus Staeck eine Postkarte mit dem Foto seines Abzugs nach der Besetzung der Akademieräume und der Aufschrift "Demokratie ist lustig".<p>Wenig später ruderten ihn seine Schüler, jetzt als Jünger, im Einbaum über den Rhein. Angebote aus Wien lehnte er ab, gründete lieber die Free International University mit Nobelpreisträger Heinrich Böll. Und so gäbe es noch 1000 Seiten über ihn zu schreiben . . .

Brigitte Borchhardt-Birbaumer ist freie Kunsthistorikerin und -kritikerin, Kuratorin, Lektorin an der Akademie der bildenden Künste und am Reinhardt-Seminar.