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Mythos Cola-Formel entzaubert?

Von Gerald Mackenthun

Wissen

Die Mixtur des braunen Erfrischungsgetränks in der charakteristischen bauchigen Flasche gilt als das am besten gehütete Industriegeheimnis der Welt. Unter dem Namen "Formel 7 x 100" soll das Rezept für Cola in einem Banktresor der Trust Company in Atlanta aufbewahrt sein und wie ein Augapfel gehütet werden. Jetzt präsentieren zwei Deutsche, Udo Pollmer und Susanne Warmuth, eigenen Angaben zufolge bis auf eine Stelle hinter dem Komma genau die Zusammensetzung des Softdrinks in ihrem Buch "Lexikon der populären Ernährungsirrtümer" (Eichborn Verlag, Frankfurt/Main).


Im Grunde ist Cola demnach zu 99,5 Prozent mit Kohlensäure versetztes Zuckerwasser. Für zehn Liter braune Brause werden 8,8 Liter Wasser, 1.070 Gramm Zucker und 90 Gramm Kohlendioxid benötigt. Chemische Kenntnisse werden vorausgesetzt, um unter anderem Koffein zu organisieren.

Der Zauber des amerikanischen Getränks liegt jedoch im Aroma-Mix, und da wird es spannend. Koka-Blätter, denen zuvor das Kokain entzogen wurde, Limetten-, Kaffee- und Kakao-Destillate, Mandarinenblätter-Tinktur und ein wenig Ingwer sind laut den Autoren nur einige der Ingredienzen. Ferner geben Pollmer und Warmuth Extrakte aus Mimosenbaumrinden, Zimt und Vanille sowie einige Tropfen spezieller ätherischer Öle an.

Ein Gramm dieser sorgsam ausgetüftelten Mixtur kommt auf einen Liter. Zusammen mit der Biologin Warmuth weist der Lebensmittelchemiker Pollmer in seinem neuesten Buch nach, dass eine Analyse durchaus möglich ist - und auch schon erfolgte. Die Autoren listen sämtliche Inhaltsstoffe auf. Allerdings verraten sie nicht, wie die einzelnen Zutaten genau hergestellt werden und das Getränk schließlich "zusammengekocht" wird.

Die beiden Forscher entnahmen die Inhaltsliste einer Ausgabe der Fachzeitschrift "Riechstoffe, Aromen, Kosmetika" aus dem Jahr 1978, einem 1994er Heft der Zeitschrift "International Food Ingredients" und einem amerikanischen Fachbuch von 1990.

Langjährige Erfahrung

Pollmer ist seit fünf Jahren wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften mit Sitz in Hochheim in der Nähe von Frankfurt/Main und konnte zusätzlich auf eigene Publikationen zurückgreifen, in denen er schon früher so manche Mythen im Lebensmittelbereich - etwa zum Thema "gesunde Ernährung" entlarvt hat.

Die Autoren machen sich ein wenig lustig über die Geheimniskrämerei des Konzerns. Täglich werden überall auf der Welt Millionen Flaschen des Süßgetränks produziert und deren Qualität überprüft. Und keiner der zahllosen Experten weiß, was da produziert wird? Das sei denn nun doch mehr als unwahrscheinlich.

Bedeutender sei die Tatsache, dass ein Konzern von Atlanta aus die gesamte Welt mit prickelndem Zuckerwasser beliefern kann. Der weiße, verschnörkelte Schriftzug auf rotem Grund ist wohl der bekannteste Markenname der Welt. "Brillantes Marketing und beinharte Verkaufstechnik" machte vor fünf Jahren der amerikanische Autor Frederick Allen für den Erfolg verantwortlich.

Aus der Mixtur ein Geheimnis zu machen, sei nur ein weiterer Trick des Herstellers, meinen Pollmer und Warmuth. Überhaupt variiere die Zusammensetzung von Land zu Land und sei dem örtlichen Geschmack angepasst. Auch das Grundrezept habe sich in der 125-jährigen Geschichte des Konzerns mehrmals geändert, schon allein, weil auf Druck von Abstinenzlern und staatlichen Behörden erst der Alkohol und dann das Kokain entfernt werden musste. "Nachmachen kann das jeder, der das will", sagt Pollmer. "Aber wer will das schon?"

Konzern dementierte

Der Coca-Cola-Konzern dementierte umgehend, das Rezept für das Getränk sei entschlüsselt. "Es reicht nicht, die Zutaten zu kennen. Die Art und Weise, wie sie zusammengesetzt werden, ist entscheidend", sagte die Sprecherin für Coca-Cola in Deutschland, Christina Jacob, in der "Financial Times Deutschland" vom vergangenen Freitag.

Pollmer blieb jedoch dabei: Die Nachahmung des Getränks sei für Wissenschafter ungefähr so einfach, "wie für BMW einen Mercedes nachzubauen", sagte Pollmer dem Blatt, nachdem sein neues Buch auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde.

(Udo Pollmer und Susanne Warmuth: "Lexikon der populären Ernährungsirrtümer", Eichborn Verlag Frankfurt/Main, 310 Schilling)